FC Basel

Warum es gut ist, dass der VAR am Sonntag in Bern trotz Fehler der Schiedsrichter nicht interveniert hat

Obwohl beide YB-Tore möglicherweise irregulär waren, wurde Schiedsrichter Sandro Schärer vom VAR nicht zum Monitor gerufen.

Obwohl beide YB-Tore möglicherweise irregulär waren, wurde Schiedsrichter Sandro Schärer vom VAR nicht zum Monitor gerufen.

Im Spitzenspiel am Sonntag gegen YB ging beiden Treffern des Leaders womöglich ein Offside voraus. Sportredaktor Jakob Weber befürwortet die Schweizer Auslegung des Videoassistenten (VAR: Video Assistant Referee) und erklärt, warum diese unkorrigierten Fehler gut für den Schweizer Fussball sind.

Im FCB-Fanforum und auf Twitter kursieren, noch während das Spitzenspiel zwischen YB und Basel läuft, diskussionswürdige Bilder. Eines zeigt die Szene vor dem 1:0 durch Jean-Pierre Nsame.

Die erste Szene. Variante 1.

Die erste Szene. Variante 1.

Bei der Hereingabe von Saidy Janko soll sich der rechte Fuss oder doch vielleicht die Schulter – beziehungsweise der Teil der Schulter, der nicht zum Arm gehört und mit dem deshalb ein Tor erzielt werden darf – im Offside befinden. Lustigerweise gibt es von der gleichen Szene mehrere Bilder. Einmal scheint Nsame deutlich im Offside. In der Kommentarspalte geben sich die FCB-Fans selber Recht. Auf einem anderen Bild , mit von Hand eingefügter «kalibrierter» Linie, lässt sich wiederum erahnen, dass Stürmer und Verteidiger Millimeter hinter dem Ball sind. Das Tor könnte also doch regulär sein.

Die erste Szene. Variante 2.

Die erste Szene. Variante 2.

Konjunktiv wohin das Auge reicht. Auch die neun Kameras, die bei einem SRF-Spiel zum Einsatz kommen, schaffen da keine Klarheit. Dem TV-Zuschauer ebenso wenig wie dem Video-Schiedsrichter.

Szene 2.

Szene 2.

In Szene 2 sieht das anders aus. Beim Freistoss vor dem 2:0 durch Guillaume Hoarau steht Christian Fassnacht bei der Ausführung doch deutlicher im Offside. Zwar kommt er nicht an den Ball, doch zum einen kommt der Ball in seine Richtung und zum anderen bindet er Gegenspieler Kemal Ademi, sodass Hoarau in dessen Rücken frei ist. Das internationale Regelwerk sieht hier eigentlich eine Abseitsstellung vor. Diese wurde von Schiedsrichter Sandro Schärer und vor allem von seinem Assistenten allerdings nicht erkannt. Ein Fehler. Schärer hatte nach dem Tor Kontakt nach Volketswil, doch der VAR ermutigte seinen Kollegen nicht, sich die Szene auf dem Monitor selber noch einmal anzuschauen. Warum? Weil diese Abseitsstellung nicht glasklar ist. Zwar werden die meisten Experten zustimmen, dass Fassnacht eher aktiv als passiv im Abseits steht, aber eben nicht alle, weil Fassnacht den Ball nicht berührt und Freistossschütze Miralem Sulejmani Hoarau und nicht Fassnacht anvisierte.

Sobald Interpretationsspielraum besteht, haben die Schweizer Video-Schiedsrichter die Devise, sich zurückzunehmen und nicht zu intervenieren. Das ist genau die richtige Handhabung. Der VAR greift nur dann ein, wenn ein klarer Fehlentscheid vorliegt, das ist im Schnitt nur etwa alle fünf Spiele der Fall. Minutenlanges Warten auf Entscheidungen, ein Ärgernis, für jeden Stadionbesucher, sind die Seltenheit.

Ganz anders ist das aktuell in England. Wie die Super League setzt auch die Premier League seit dieser Saison auf den VAR. 72 Entscheidungen wurden nach Eingriff des VAR bislang korrigiert. Während der VAR in der Super League im Durchschnitt nur alle 4,3 Spiele verändernd eingreift, interveniert er in der Premier League alle 3,1 Spiele. Weil in England anders als in der Schweiz kalibrierte Offsidelinien zum Einsatz kommen, dauert die Prozedur oft mehr als drei Minuten. Wegen ein paar Millimetern entscheidet das Schiedsrichter-Team dann auf Abseits oder eben nicht. Auch bei der Nsame-Szene wäre ein englischer VAR wohl nach einigen Minuten zu einem Urteil gekommen. Und das obwohl es auch bei den kalibrierten Linien Ermessensspielraum gibt. Einen Bildframe später, könnte sich der Stürmer, der vorher nicht im Offside war, plötzlich doch im Offside befinden. Weil der VAR sich aber für den anderen Frame entscheidet, zählt das Tor und dem TV-Zuschauer wird ein eindeutiges Urteil vorgegaukelt.

Ratlosigkeit bei den englischen Kommentatoren

Die Kommentatoren des BBC trauen sich vor lauter VAR gar nicht mehr, eigene Urteile zu fällen. Obwohl am vergangenen FA-Cup-Wochenende ohne VAR gespielt wurde, fragten sie in in fast jeder Matchzusammenfassung bei kritischen Szenen: «What would VAR have done here?» Als wüssten sie ohne VAR gar nicht mehr, was richtig und was falsch ist.

Gerardo Seoane weiss, dass in der Schweiz andere VAR-Regeln gelten als in England, Spanien oder Deutschland, da wo die kalibrierten Linien ihr Unwesen treiben. «In Spanien regen sie sich auf, wenn ein Tor wegen fünf Zentimetern nicht zählt. Wir spielen so, wie die Regeln sind. In dem Fall war es gut für uns, aber es wird auch wieder gegen uns laufen», so der YB-Coach. Auch der FCB wird in Zukunft wieder Szenen haben, wie jene mit Kevin Bua gegen den FCZ und seinem rotwürdigen Foul. Auch da gab es Interpretationsspielraum. Auch da hielt sich der VAR zurück. Und das ist gut für den Schweizer Fussball.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1