Radsport

Warum Stefan Küng nicht mehr an die WM-Medaille glaubte – und er sie dennoch holte

Fährt auf der Formel-1-Strecke zur Bronzemedaille im Zeitfahren: Stefan Küng.

Fährt auf der Formel-1-Strecke zur Bronzemedaille im Zeitfahren: Stefan Küng.

Die Schweizer Festspiele in Imola gehen weiter: Stefan Küng holt sich WM-Bronze im Zeitfahren. Im Ziel hat er nicht mehr damit gerechnet.

Als sich Stefan Küng dem Ziel nähert, ist es knapp. Wout van Aart sitzt schon auf dem Leaderthron, Küng macht sich daran, ihn abzulösen. Er tritt in die Pedale und holt nochmals alles aus sich heraus. Doch es reicht nicht. Drei Sekunden fehlen Küng zur Führung. Und weil mit Filippo Ganna und Rohan Dennis noch zwei Topfahrer unterwegs sind, schwindet die Hoffnung von Stefan Küng auf eine Medaille. «Ich dachte, es sei vorbei und ich habe die Medaille verpasst.»

Tatsächlich übernimmt der italienische Lokalmatador Ganna wenig später souverän die Führung. 26 Sekunden nimmt er selbst van Aart ab. So sind die Augen noch auf Titelverteidiger Rohan Dennis gerichtet. «Als Dennis einen Kilometer vor Schluss war, realisierte ich, dass es vielleicht doch noch zu Bronze reichen könnte», beschreibt Küng. Und tatsächlich: Dennis klassiert sich nur auf dem fünften Rang. Küng hat seine WM-Medaille doch noch.

Die Medaille glänzt heller für den Europameister

Vielleicht glänzt die bronzene Medaille noch ein bisschen heller, nachdem sie schon verloren geglaubt schien. Der Thurgauer Stefan Küng, der vor dem Rennen noch vom Weltmeistertitel geträumt hat, zeigt sich nun mit der Bronzemedaille sehr zufrieden: «Ich wusste, dass ich mich super vorbereitet habe und bereit bin. Nun bin ich sehr glücklich, dass ich die Medaille geholt habe.»

Dass es nichts werden würde mit dem WM-Titel, hat sich früh abgezeichnet. Schon bei der Zwischenzeit lag der Italiener Ganna klar vorne. «Da realisierte ich, dass es gegen ihn schwierig wird. Aber ich wusste auch, dass ich auf Podestkurs bin. Ich machte mich so klein wie möglich, um alles aus mir herauszuholen», beschreibt Küng.

Tatsächlich ist der Titel schnell weg. So schwärmt später der Lokalmatador und erste italienische Weltmeister im Zeitfahren Filippo Ganna im Ziel: «Es ist ein Traum für mich.»

Für Stefan Küng, vor einem Jahr überraschender Dritter im WM-Strassenrennen, ist die Bronzemedaille zwar kein Traum, dennoch wächst sein Palmarès weiter beachtlich an. Für Küng ist es bereits die zweite Zeitfahrmedaille des Jahres. An der Europameisterschaft in Plouay vor gut einem Monat hat er sich den Titel geholt. Nun doppelt er mit einer weiteren Medaille nach. «Das Feld war deutlich besser besetzt als noch an der EM. Dass ich auch diesmal wieder auf dem Podest stehe, zeigt, dass ich in der Weltspitze angekommen bin.»

Während der Coronazeit habe er sich intensiver dem Zeitfahren widmen können. «Darum habe ich nochmals einen grossen Schritt weitermachen können», so Küng, der erst der vierte Schweizer überhaupt ist, der im Zeitfahren eine WM-Medaille holt. Neben Fabian Cancellara, der sich viermal den WM-Titel und dreimal die Bronzemedaille sicherte, erreichten 1996 Alex Zülle als Weltmeister und Tony Rominger mit Bronze ebenfalls WM-Medaillen.

Zweite Medaille für das Schweizer Team

Für die Schweizer Delegation ist es nach Marlen Reussers Silberfahrt im Zeitfahren der Frauen bereits die zweite Medaille an den diesjährigen Weltmeisterschaften im italienischen Imola. Die Bilanz der Schweiz bisher: zwei Rennen, zwei Athleten, zwei Medaillen. Ursprünglich hätte die WM in der Schweiz in Martigny und Aigle stattfinden sollen. Zu erinnerungswürdigen Schweizer Festspielen könnte die Weltmeisterschaft 2020 nun gleichwohl werden. Denn die beiden Strassenrennen stehen noch bevor.

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