Interview

Wawrinka über Djokovic: «Dass er den Platz so verlassen muss, ist natürlich nicht schön»

Nach seinem Sieg im abgebrochenen US-Open-Achtelfinal gegen Titelverteidiger Novak Djokovic zeigt sich Stan Wawrinka sehr zufrieden mit seinem Niveau, fühlt mit Djokovic mit und freut sich auf die weiteren Aufgaben.

Stan Wawrinka, als dreifacher Grand-Slam-Sieger schon im Achtelfinal gegen die Nummer 1 zu spielen, ist sehr speziell. Wie erleben Sie das?

Ich bin super zufrieden mit dem Niveau meines Spiels und als Sieger vor Ihnen zu sitzen. Es ist immer speziell, gegen die Nummer 1 der Welt zu spielen. Es tut mir Leid, wie es zu Ende gegangen ist. Aber das Wichtigste für mich ist, wie ich spiele und wie ich mich bewege. Ich glaube, heute Abend war dies auf einem sehr hohen Level.

Wann haben Sie gespürt, dass bei Djokovic etwas nicht stimmt?

In erster Linie hatte ich ein gutes Gefühl auf dem Platz. Ich schlug den Ball gut und hart, und je länger die Partie dauerte, umso besser spielte ich. Ich sah ein paar kleine Anzeichen, dass er Probleme haben könnte. Aber in erster Linie war ich auf mich selber fokussiert. Ich weiss, was für ein Kämpfer er ist und wie er fähig ist, nach einem Rückstand zurückzukommen.

Sie waren also überrascht, als er aufgab und dass er vom Publikum ausgebuht wurde?

Definitiv. Wenn du gegen einen Spieler wie ihn spielst, erwartest du immer den bestmöglichen Novak. Wie gesagt, ich sah schon, dass er sich nicht toll fühlte, aber die Aufgabe war eine Überraschung. Er ist ein guter Freund und ein unglaublicher Champion. Wenn er dann aufgeben und den Platz so verlassen muss, ist das natürlich nicht schön.

Apropos Buhen. Das ist etwas, das Ihrem nächsten Gegner Daniil Medwedew hier immer passiert. Die Fans werden sicher für Sie sein. Was erwarten Sie?

(lacht) Ja, es gab einiges an Drama in diesem Jahr. Es war aber auch ein grosser Spass zum Zuschauen. Vor allem habe ich gesehen, dass er grossartiges Tennis spielt, schon den ganzen Sommer. Ein Final nach dem anderen, der Sieg in Cincinnati. Er zieht Energie aus dieser Atmosphäre. Es wird ein Viertelfinal auf sicher sehr hohem Niveau sein. Ich freue mich darauf.

Bei Grand Slams haben Sie gegen Djokovic nun eine 4:4-Bilanz, bei den anderen Turnieren steht es 2:15. Warum sind Sie in den grossen Matches so viel besser?

Ich liebe eben die Grand Slams. Zweimal spielten wir im Final (French Open 2015, US Open 2016). Da ist es klar, dass ich mein bestes Tennis spiele. Da habe ich am meisten Selbstvertrauen.

Sie spielten letztmals vor drei Jahren im Final gegen Djokovic im riesigen Arthur Ashe Stadium. Was war es für ein Gefühl, hierhin zurückzukommen?

Es ist immer speziell, auf diesen Platz zurückzukommen, erst recht für eine Night Session. Ich hatte mich seit dem Aufwärmen gut gefühlt. Physisch, und wie ich den Ball geschlagen habe. Ich hoffte auf einen guten Match.

Kann man sagen, dass Sie nun Ihre Knieverletzung endgültig überwunden haben?

Es sind jetzt zwei Jahre her seit der Verletzung. Es ist nicht eine Frage, wo ich nach der Verletzung stehe, sondern, wo ich in meiner Karriere stehe. Ich bin ziemlich zufrieden, Viertelfinal in Roland Garros, Final in Antwerpen. Ich habe grosse Lust, im Ranking wieder nach vorne und in den den Grand Slams weit zu kommen. Dazu muss man solche Matches wie heute Abend gewinnen.

Sind Sie wieder da, wo sie vor drei Jahren mit dem Gewinn des US Open waren?

Ich will und kann das nicht vergleichen. Aber ich fühle mich gut und bin zufrieden mit meinem Niveau – auch im Vergleich mit dem vor drei Jahren.

Wie geht's weiter für Stan?

Nicht wie sonst so oft, wenn er einen grossen Sieg wie gegen Djokovic eingefahren hat, steht Wawrinka noch nicht als Turniersieger oder Finalist fest. Im Viertelfinal trifft Wawrinka auf die Weltnummer 5 Daniil Medwedew.

Die bislang einzige Begegnung verlor der Schweizer 2017 in der 1. Runde in Wimbledon. Beide sind aber deutlich stärker einzustufen als vor zwei Jahren. Medwedew gewann in diesem Sommer das Masters-1000-Turnier in Cincinnati und stand in Montreal (gegen Rafael Nadal) und Washington (gegen Nick Kyrgios) im Final.

In New York ist Medwedew zum grossen, bösen Russen geworden, nachdem er sich in den letzten beiden Runden gegen Feliciano Lopez und Dominik Köpfer mit dem Publikum angelegt hat. Mittlerweile spielt der 1,98 m grosse Moskauer aber richtiggehend mit diesen Emotionen.

1«Ich lag heute 3:6, 0:2 zurück. Ich hatte Schmerzen in den Adduktoren und in der Schulter. Ich dachte, ich werde nicht spielen, weshalb ich so viel Schmerzmittel wie möglich nahm. Aber dass ihr alle so gegen mich wart, gab mir erst die Energie zu gewinnen. Herzlichen Dank», sagte er nach seinem Achtelfinal-Sieg gegen Überraschungsmann Dominik Köpfer.

Spielerisch konnte Medwedew aber sowohl gegen den spanischen Oldie als auch gegen den überraschenden deutschen Qualifikanten nicht restlos überzeugen. So rückt auch ein reiner Schweizer Halbfinal in Reichweite. Gewinnen am Dienstag Wawrinka gegen Medwedew und Roger Federer gegen Grigor Dimitrov, treffen die beiden Doppel-Olympiasieger von Peking 2008 aufeinander.

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