Daniela Ryf, wie fühlt man sich nach einem Ironman?

Daniela Ryf: Man hat überall Schmerzen und Blasen an den Füssen, dazu blaue Zehennägel. Manchmal kommt noch Sonnenbrand dazu. Am Tag nach dem Rennen, wenn die grosse Party ist, habe ich Beine wie ein Elefant. Das ist zum Teil ziemlich unangenehm. Am besten wäre es ja, wenn man danach noch etwas trainiert, aber gerade nach einem Ironman macht man das nicht. Alles andere ist dann wichtiger. Schwere Beine gibt es. Aber die Glücksgefühle lassen dich das vergessen.

Warum nehmen Sie kein Eisbad?

Das hätte ich machen sollen! Habe ich aber leider nicht (lacht).

Wie lange dauert es, bis Sie so eine Tortur verarbeitet haben?

Nach vier, fünf Tagen fühle ich mich erholt. Mental ist es schon deutlich schwieriger. Wenn ich ein ganzes Jahr auf einen bestimmten Tag trainiert habe, an dem ich meine Bestleistung abrufen will, und mein Ziel dann auch erreiche, brauche ich danach schon einen gewissen Abstand. Es fällt mir danach schwer, motiviert zu bleiben.

Wie gehen Sie damit um? 

Es ist ja nicht gerade so, dass ich in eine Depression verfalle, aber irgendwann falle ich in ein Loch, das ist völlig normal und ich kenne das aus den letzten Jahren. Natürlich habe ich am Morgen Mühe, aufzustehen und ich frage mich: ‹Wieso trainierst du jetzt?› Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass ich das nicht kenne. Ich muss mich neu orientieren, mir neue Ziele setzen. Ich sehe das auch als Ansporn.

Sie haben ihre Bestzeit trotz einer Verbrennung durch eine Qualle pulverisiert. Im Marathon waren nur neun Männer schneller. Hand aufs Herz: Welche Ziele können das sein?

Ich habe das Gefühl, dass ich mich noch verbessern kann. Aber es ist jetzt noch zu früh, um darüber nachzudenken. Jetzt bin ich noch im Hoch und ich diesen Augenblick so lange wie möglich auskosten. Sicher ist, dass ich erst im Frühling wieder ein Rennen bestreiten. Aber ganz ehrlich: Daran möchte ich jetzt wirklich noch nicht denken.

Kann Daniela Ryf entspannen?

Zugegeben: Das musste ich erst noch lernen. Aber keine Sorge: Mir ist klar, dass ich wohl nie mehr so ein Rennen zeigen werde. Da wäre es ja schade, wenn ich das nicht geniessen könnte. Nach dem Rennen blieb ich mit meiner Familie noch ein paar Tage auf Hawaii. Wir entspannten am Strand, waren mit Delfinen Schwimmen. Das gibt mir enorm viel. Und nach dem letzten Rennen darf man sich auch einmal einen Cocktail gönnen.

Sie waren nach dem Ironman auf Hawaii mit ihrem Bruder in New York. Was haben Sie da erlebt?

Wir waren zum Beispiel am Broadway in einem Musical. Und natürlich beim Shopping. Wir haben viel und gut gegessen, waren bei einem Eishockey-Spiel der New York Rangers. Und wir machten eine Bootstour mit dem Triathlon-Club der Polizei: Auf dem Wasser «rumfräsen» – eine tolle Erfahrung.

Haben Sie beim Essen gesündigt?

Gemüse habe ich jedenfalls keines gegessen in den letzten beiden Wochen (lacht). In New York lauert an jeder Ecke eine Versuchung, überall hat es tolle Restaurants, die ich sehr gerne ausprobieren würde. Aber du kannst ja nicht alle fünf Minuten essen. Es geht eben nicht alles. Zum Glück haben wir den einen oder anderen Insider-Tipp erhalten. Wir waren dann zum Beispiel in einer tollen Burgerbude.

Burger, Bier, Pizza und Chicken Nuggets: Darauf müssen Sie sonst meistens verzichten, oder?

Täuschen Sie sich nicht! Chicken Nuggets sind gar nicht mal so schlecht. Ich esse ohnehin alles. Klar, Burger gibt es in der Woche vor dem Ironman schon nicht gerade. Da achte ich schon auf die Ernährung. Das heisst aber nicht, dass eine Pizza nicht drin liegt. Ich esse auch Pommes Frites und Schokolade. New York war aber auch deshalb spannend für mich, weil ich Ernährungswissenschaften studiert habe. New York ist ein Place to be mit den Coffee-Shops, oder speziellen Smoothie-Kreationen. Für mich ist das doppelt spannend.

Nach ihrem Sieg zeigte Sie der «Blick» im Bikini und titelte «So hart, so sexy». Stört Sie das?

Ich muss zugeben: Das habe ich noch gar nicht gesehen. Und ich werde es mir auch nicht anschauen. Ich habe sechs Monate unglaublich hart trainiert, da darf ich auch einmal im Bikini rumlaufen. Ob mich das stört? Ich bin da sehr entspannt. Klar, mein Ziel ist es, eine tolle Leistung zu zeigen. Andererseits denke ich mir auch: Was in der Schweiz gemacht wird, ist im Vergleich zu anderen Ländern ja noch heilig.

Wie viele Gratulationen haben Sie eigentlich erhalten?

Sehr viele! Und auf den verschiedensten Kanälen, sogar auf Linkedin (lacht). Ich glaube, es waren etwa 1500 und jede einzelne freut mich. Am Anfang wollte ich allen persönlich antworten, aber das musste ich schnell aufgeben.

Stach eine Nachricht heraus?

Eine Mutter hat mir geschrieben, dass ihre Tochter gesagt habe: ‹Schau, Mami. Ich habe dir doch gesagt, Pink ist eine starke Farbe. Daniela Ryf hat auch in Pink gewonnen.› Das ist schon sehr berührend. Oder wenn Menschen schreiben, ich hätte sie so inspiriert, dass sie jetzt mit dem Triathlon beginnen würden. Menschen, die mir erzählen, sie hätten nicht schlafen können, weil sie mir zuschauen wollten.

Ab wann haben Sie eigentlich wieder Lust auf Training?

Ganz ehrlich? Lust habe ich nicht gross. Wenn ich zwei Wochen gar nichts mache, fühle ich mich schon etwas unwohl. Aber wenn ich eine halbe Stunde täglich laufen gehe, dann ist das für mich schon ausreichend. Aber ich freue mich schon, mich etwas zu bewegen, auch wieder ein bisschen zu planschen.

Was bedeutet «ein bisschen planschen» für Daniela Ryf?

Einen Kilometer zu schwimmen, das schon (lacht). Aber danach in den Spa-Bereich, also wirklich entspannt. Wie es mit dem Training weitergeht, weiss ich wirklich noch nicht. Ich weiss auch nicht, wie lange ich Pause mache. Jetzt möchte ich Zeit mit meinen Freunden und meiner Familie verbringen, meine Kolleginnen treffen. Ich werde meinen Göttibuben wieder sehen, denn es war schon eine sehr intensive Zeit. Seit Juni war ich zehn Tage zu Hause. Training ist momentan nur Nebenbeschäftigung.