Marcel Kuchta

Pferde, nichts als Pferde. Kevin Melligers aktueller Lebensmittelpunkt ist der väterliche Pferdstall im solothurnischen Neuendorf. Der 15-Jährige verbringt seit einigen Monaten abgesehen von den Wettkämpfen fast jeden Tag von morgens früh bis zum Abend in den Stallungen und reitet dort auf vier bis fünf Pferden. Melliger junior weiss, was er will: eines Tages in die Fussstapfen seines berühmten Vaters Willi treten, der zu den erfolgreichsten Springreitern der Schweiz gehörte.

«Kevin ist sehr angefressen, sehr interessiert. Manchmal fast ein wenig zu viel», sagt der Papa über seinen Sohn und fügt lächelnd an: «Er kennt fast jedes Pferd, wem es gehört und wie viel es kostet. Dabei wäre es zwischendurch gut, wenn er ein wenig mehr auf sich schauen würde.» Kevin Melliger ist so etwas wie der Inbegriff eines Pferdenarrs. Für die Verwirklichung seines Traums hat er temporär sogar die Schulausbildung auf Eis gelegt. Bis im vergangenen Sommer hatte er in Schönenwerd eine Privatschule besucht, ehe er sich entschied, ein Timeout zu nehmen.

Mutter Nadja hatte an der schulischen Auszeit des Filius weniger Freude und bestand darauf, dass er sich nach einer anderen Lösung umschaut - mit Erfolg: Kevin wird nach den Sommerferien in Bern die Feusi-Sportschule besuchen. Damit kommt die Ausbildung ebenso wenig zu kurz wie die Reiterei. «Da immer nur am Morgen Unterricht stattfindet, habe ich jeweils am Nachmittag genügend Zeit, mit den Pferden zu arbeiten», zeigt sich der Teenager zufrieden mit dem Kompromiss.

«Manchmal ein nervöser Cheib»

In den Monaten bis dahin wird er fast jede freie Minute auf dem Rücken eines Pferds verbringen. Und das zumeist unter väterlicher Obhut. Willi Melliger begleitet die Ausbildung seines Sohns seit seinem Rücktritt vom Spitzensport intensiv und fördert ihn, wo es nur geht. «Er hat sehr viel Erfahrung und kann mir immer wieder sehr gute Tipps geben», schwärmt Kevin über die Zusammenarbeit mit dem Vater. Knatsch gebe es selten, auch wenn er manchmal «ein nervöser Cheib» sei, erzählt der Sohnemann schelmisch lächelnd über seinen Papa, den er schon als Kleinkind immer wieder zu den Turnieren begleitet hat.

Klar ist, dass für Kevin Melliger die Ausgangslage für eine erfolgreiche Karriere optimal ist. Die Infrastruktur in Neuendorf ist hervorragend, die finanzielle Unterstützung ist ebenso gewährleistet wie der allerwichtigste Faktor: gute Pferde. Vater Willi kommt als Pferdehändler immer wieder in Kontakt mit talentierten Springpferden. «Wenn ich nur halb so erfolgreich bin wie mein Vater, wäre ich schon zufrieden», wagt Kevin einen Blick in die Zukunft. Er träumt von Olympia-und WM-Teilnahmen, weiss aber ganz genau, dass der Weg an die absolute Weltspitze beschwerlich und auch unberechenbar ist.

«Kevin ist auf einem guten Weg»

Der Vater traut dem Sohn jedenfalls eine grosse Karriere zu: «Kevin hat sich sehr gut entwickelt und ist auf einem guten Weg», sagt Willi Melliger. «Es liegt nun hauptsächlich an ihm, aber auch an mir, damit er auf diesem Weg bleibt.» Das heisst einerseits, dass er seinen Sohn mit gutem Unterricht reiterisch weiterbringt, andererseits aber auch, dass er in absehbarer Zukunft ein besonders talentiertes Springpferd nicht weiterverkaufen, sondern für Kevin behalten wird. Zumal der Sohnemann im März 16 Jahre alt wird und damit auch an internationalen Turnieren im Ausland startberechtigt ist.

Am kommenden Wochenende hat Kevin Melliger nun erstmals die Gelegenheit, sein Können an einem grossen Springturnier unter Beweis zu stellen. Von den Organisatoren des CSI Zürich erhielt er eine Wildcard und wird jeden Tag an einem Wettkampf teilnehmen: am Freitag am Eröffnungsspringen, am Samstag am K.-o.-Wettkampf und am Sonntag am Teamspringen.

«Ich hoffe, dass ich bei meinem ersten Einsatz eine gute Platzierung erreichen kann», bleibt Melliger junior in seiner Zielsetzung vorsichtig. Auch Vater Willi hat keine übertriebenen Erwartungen: «Wichtig ist, dass er die Parcours ruhig bewältigen kann, alles unter Kontrolle hat und sicher ins Ziel kommt.» Kevin wird in Zürich mit der neunjährigen Oldenburger Stute Queeny, mit welcher er an der letztjährigen Schweizer Meisterschaft bei den Junioren den zweiten Rang belegte, sowie der bereits 18-jährigen, aber gemäss Kevin noch «superfitten » Holländer Stute Kassablanca an den Start gehen.

Übernachten wird Kevin Melliger während des Turniers übrigens nicht wie die Spitzencracks im Hotel, sondern bei seinem Freund und Weggefährten Martin Fuchs, dem Sohn von Thomas Fuchs. Auch der ist eine Springreiter-Legende in der Schweiz. Und auch hier gilt: Wie der Vater, so der Sohn.