Super Bowl

Superman und Superschurke - Tom Brady könnte sich mit einem sechsten Superbowl-Titel unsterblich machen

An ihm scheiden sich die Geister: Superstar-Quarterback Tom Brady.

An ihm scheiden sich die Geister: Superstar-Quarterback Tom Brady.

Tom Brady ist im US-Sport gleichzeitig Lichtgestalt und Bösewicht. Am Sonntag kann sich der 41-jährige Quarterback der New England Patriots mit einem sechsten Superbowl-Titel unsterblich machen.

Tom Brady hat sich schon ein paar Mal selber gespielt, auf Kinoleinwänden, er war unter anderem in den «Entourage»-Filmen zu sehen. Als Hollywoodfigur hat Brady enormes Potenzial – er taugt gleichzeitig zum Schurken und zum Helden. Der 41 Jahre alte Quarterback der New England Patriots ist die vielleicht kontroverseste Person im US-Sport, einem Kosmos, in dem es an Reizfiguren nicht mangelt. Amerika liebt es, zu hassen und hochzujubeln, Brady bietet zu beidem Anlass.

Seine Geschichte beginnt im Norden Kaliforniens, in San Mateo, er wächst als kleiner Bruder dreier softballspielenden Schwestern auf. Alle nennen ihn «den kleinen Brady», er ist katholischer Messdiener und Zeitungsverträger, träumt aber früh in anderen Sphären: «Eines Tages werde ich ein grosser Name sein», so schreibt er es in einem Schulaufsatz. Er sollte recht behalten, gegen alle Wahrscheinlichkeiten.

Ein Spätberufener

Denn Brady ist bereits 14, als er sich seinem ersten Footballteam anschliesst, an der High School in Junipero Serra, er war Ersatzquarterback bei einem Team, dass in neun Partien keinen einzigen Touchdown zustande brachte. Eigentlich war Brady zu spät dran, denn in den USA gibt es viele Eltern, die ihre Kinder ab dem Kindergartenalter zu Profis heranzuzüchten versuchen und dafür sechsstellige Summen ausgeben.

Doch bei Brady ist es anders, er ist ein Spätberufener. Weil er dennoch fürchtet, dass niemand von ihm Notiz nimmt, verschickt er Videoaufnahmen an College-Verantwortliche.

Tom Brady - Superman und Superschurke.

Tom Brady - Superman und Superschurke.

Er landet in Michigan, wo er mit Widrigkeiten kämpft. Nach einer Blinddarmoperation verliert er über zehn Kilo an Gewicht, wieder ist er nur Ersatzspieler. Greg Harden, einer von Bradys wichtigsten Bezugspersonen ist Mentaltrainer, sagte ihm: «Ich kann dir nicht helfen, die Nummer 1 von Michigan zu werden. Aber ich kann dir helfen, dass du glaubst, dass du die Nummer 1 von Michigan werden solltest.»

Die Sitzungen mit Harden helfen, Brady sagt inzwischen über ihn: «Es gibt nicht viele Menschen, die mich so stark beeinflusst haben wie er.»

Der Jüngling Brady setzt sich bei den Wolverines durch – und schafft es auf den Radar der NFL. Im Draft des Sommers 2000 sichern sich die Patriots die Rechte an ihm, in der sechsten Runde und an 199. Stelle, was sich als cleverste Wahl der Geschichte herausstellen wird.

Brady schien das schon damals zu wissen, in einem Anflug von prophetischem Grössenwahn sagte er: «Ich bin die beste Entscheidung, die diese Organisation je getroffen hat.»

«Ich bin die beste Entscheidung, die diese Organisation je getroffen hat.»

«Ich bin die beste Entscheidung, die diese Organisation je getroffen hat.»

Der unfehlbare Saubermann

In den ersten Wochen bei den Patriots war Brady vor allem dafür zuständig, seinen Teamkollegen bei Dunkin’ Donuts Snacks zu holen, doch er sollte sich nicht täuschen: Denn Brady ist inzwischen der erfolgreichste Quarterback, seit 1967 das Superbowl-Zeitalter begann. Wenn sich Brady in der Nacht auf Montag mit den Los Angeles Rams misst, wird das seine neunte Teilnahme sein, fünf Mal gewann er die Trophäe bereits.

Brady hält etliche NFL-Rekorde, er ist die Lichtgestalt dieses Sports – und doch schlägt ihm bei vielen Amerikanern Ablehnung entgegen. Es gibt der Gründe vieler, weshalb Brady unpopulär ist: Er gibt sich als fast unfehlbarer Saubermann, sein Leben ist ständig zur Schau gestellte Perfektion, auch die Ehe mit dem Model Gisele Bündchen leuchtet er aus.

Fotomodel Gisele Bündchen mit Ehemann und Football-Spieler Tom Brady.

Fotomodel Gisele Bündchen mit Ehemann und Football-Spieler Tom Brady.

Seine wichtigste Triebfeder, der Ehrgeiz, lässt ihn in manchen Situationen stillos wirken, etwa wenn er das Backgammon-Spielbrett quer durch den Privatjet wirft, weil er gerade verloren hat.

Neid 

Brady büsst auch für die Abneigung, die den Patriots seit den «Spygate»- und «Deflategate»-Affären entgegenschlägt, bei denen nachgewiesen wurde, dass das Team sich mit unlauteren Mitteln Vorteile verschafft hatte. Als Posterboy der Patriots zielt die Wut da nicht zuletzt auf Brady, obwohl seine Verwicklung nie belegt werden konnte. Zuletzt wurde er dafür kritisiert, dass bei seinem Garderobenspind eine Weile lang ein «Make America Great Again»-Cap zu sehen war, das Markenzeichen des Präsidenten Donald Trump. Doch der Hauptgrund, weshalb viele Brady nicht mögen, ist: Neid.

Es gibt Teams, die es in ihrem Bestehen noch nie in die Super Bowl schafften, Houston, Cleveland, Jacksonville sowie Detroit, während die Patriots mit Brady eine fast surreale Dynastie errichtet haben. Oft wurde der Untergang herbeigeschrieben, eingetroffen ist er nie, nicht einmal jetzt, wo der Quarterback im Spätherbst der Karriere angekommen ist.

Der Hauptgrund, weshalb viele Brady nicht mögen, ist: Neid.

Der Hauptgrund, weshalb viele Brady nicht mögen, ist: Neid.

Wunderprodukt «Avocadoglace»

Es scheint, als würde Brady sich einfach weigern, dass der Alterungsprozess fortschreitet, er sieht noch immer aus wie ein übereifriger Mittzwanziger. Doch hinter seiner beneidenswerten Fitness steckt ein System – und Entbehrungen. Es heisst, Brady gehe jeden Abend gegen 20.30 Uhr zu Bett – egal ob während oder nach der Saison – er verzichtet auf Alkohol, Zucker, Koffein, Gluten und, warum auch immer, Erdbeeren.

Dafür greift Brady zu einem Produkt, von dessen Existenz niemand wusste, ehe der Star den Verzehr öffentlich machte: Avocadoglace. 2016 veröffentlichte Brady ein Kochbuch, das die «Washington Post» mit dieser Rezension würdigte: «Es kostet 200 Dollar und ist voll mit Zutaten, die Sie nicht besitzen und nirgendwo auftreiben können.»

Das Werk mag Bradys Sympathiewerte im Land nicht erhöht haben, aber die Diät funktioniert: Brady ist der inzwischen älteste Quarterback der Liga, aber er hat wenig von seiner Effizienz eingebüsst. Noch immer vermag er dann zu brillieren, wenn es wirklich zählt.

Brady greift zu einem Produkt, von dessen Existenz niemand wusste, ehe der Star den Verzehr öffentlich machte: Avocadoglace.

Brady greift zu einem Produkt, von dessen Existenz niemand wusste, ehe der Star den Verzehr öffentlich machte: Avocadoglace.

Kein Gedanke an den Rücktritt

In der Nacht auf Montag wird Brady seine Jugendhaftigkeit noch einmal unter Beweis stellen müssen: Die Rams sind bei den Buchmachern zwar leichter Aussenseiter, aber sie sind jünger und mindestens ebenso talentiert wie ihre Widersacher. Mit einem sechsten Titel würde Brady an seinem Vermächtnis weiterschreiben.

Und manch einer dachte sich, dass das für ihn doch der perfekte Moment wäre, um triumphal in den Sonnenuntergang zu reiten. Brady zerstreute die Gerüchte jedoch sofort: «Die Chancen, dass ich aufhöre, liegen bei null Prozent.» Dass der nimmersatte Musterprofi dem Sport erhalten bleiben wird, ist eine gute Nachricht – unabhängig davon, ob man ihn für Superman oder den Superschurken hält.

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