Olympiasieger
«Wenn ich mal aufhöre, soll man sagen können, der hat das gewonnen, und er ist auch noch Olympiasieger»

Platz fünf setzen sich die Schweizer Springreiter bei der WM, die am Dienstag beginnt, als Ziel. Das wäre das Ticket für Olympia 2016 in Rio. Olympiasieger Steve Guerdat will an den Weltreiterspielen seinen Triumph von London bestätigen.

Michael Wehrle
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«Ich darf keinen Reiterfehler machen», sagt Steve Guerdat, der bei Weltmeisterschaft im französischen Caën mindestens das Team-Ticket für Olympia 2016 lösen will.Petter Arvidson/freshfocus

«Ich darf keinen Reiterfehler machen», sagt Steve Guerdat, der bei Weltmeisterschaft im französischen Caën mindestens das Team-Ticket für Olympia 2016 lösen will.Petter Arvidson/freshfocus

Herr Guerdat, was hat sich bei Ihnen seit Ihrem Olympiasieg vor gut zwei Jahren verändert?
Steve Guerdat: Ganz viel hat sich verändert. Zu Beginn war der Rummel sehr gross, jetzt ist es aber ruhiger geworden. Aber der Titel bleibt, der Blick der Leute ist anders. Ich werde überall als Olympiasieger vorgestellt. Der Status hat sich verändert, ich erhalte viel mehr Einladungen.

Brauchen Sie dafür viel mehr Zeit neben dem Reiten?
Kurz nach Olympia war das so. Jetzt geht es, jetzt kann ich auch mal etwas absagen. Ich habe viel gegeben, ich wollte, dass der Sport davon profitiert. Nun kann ich mich aber wieder mehr auf die Arbeit mit den Pferden konzentrieren.

Hatten Sie Angebote, den Stall zu wechseln?
Ich war ja schon vorher bei einem hervorragenden Stall. Und diese Leute sind nicht blöd. Die wissen, dass es schwierig ist, mir ein Angebot zu machen, das besser als mein jetziges ist.

Sportlich ist Olympiagold das höchste, was ein Reiter erreichen kann.
Ja, aber ich glaube, der Titel ist noch viel wertvoller, wenn man daneben auch viele grosse Turniere gewinnt.

Sie sind also weiter motiviert?
Klar, fast noch mehr als vorher. Wenn ich mal aufhöre, soll man sagen können, der hat das, das und das gewonnen, und er ist auch noch Olympiasieger.

Sodass Olympia kein Zufallssieg ist?
Genau.

Nächste Woche starten Sie bei den Weltreiterspielen, kommen die direkt im Stellenwert nach Olympia?
Ich vergleiche das nicht so gern. Weltmeisterschaften sind mehr für Reiter und Pferdeleute, bei Olympia ist es eigentlich das ganze Land, das gewinnt. Aber sportlich ist klar: was ist besser als Weltmeister? Von diesem Aspekt her ist die WM gleichwertig.

Haben Sie sich bei dieser WM ein spezielles Ziel gesetzt?
Ich habe meine Ziele übers ganze Jahr gesetzt, war auf die WM gar nicht so heiss, auch weil mir der Modus nicht so gefällt. Über WM-Ziele möchte ich gar nicht gross reden. Von den letzten vier, die um den Titel kämpfen, bin ich ja sowieso noch weit weg. Jetzt steigt aber die Motivation, ich will das Beste geben. Und wenn man an ein Championat geht, kämpft man um Medaillen. Die zählen. Doch es hat viele starke Teams, und wenn wir uns direkt für Olympia 2016 in Rio qualifizieren, ist das schon ein Riesenerfolg.

Gewichten Sie Einzel und Team gleich?
Ja, wir starten zunächst als Mannschaft. Wenn man in der Mannschaft gut ist, ist man ja auch im Einzel gut. Das erste Ziel ist, mit der Mannschaft die Top 5 zu schaffen, der Rest kommt von alleine.

Reicht Ihnen die Olympiaqualifikation?
Es ist schon schwierig, von 35 Nationen unter die besten fünf zu kommen.

Wo steht die Schweiz jetzt?
Wir können an einem guten Tag jedes Team schlagen. Das ist das schöne und gleichzeitig das Schwierige in unserem Sport. Jeder Fehler zählt, wenn eine Stange am Boden liegt, dann liegt sie dort. Es ist nicht wie beim Tennis, wo du zwei Sätze verlieren kannst und trotzdem gewinnst. Darum braucht es manchmal ein wenig Glück, dass du Stangen berührst, sie aber liegen bleiben. Beim nächsten Mal läufts im Parcours fast noch besser, aber an diesem Tag fällt die Stange bei einer ganz leichten Berührung. Wir sind sicher nicht so konstant wie Deutschland, Frankreich oder die USA, aber wir können sie schlagen und haben das auch schon oft gemacht. Wir gehören sicher zu den besseren Mannschaften. Aber in Lummen haben wir gewonnen und zwei Wochen später waren wir Letzter, dabei sind die Pferde gleich gut gesprungen.

Mit Andy Kistler haben Sie nach Urs Grünig einen neuen Equipenchef. Hat sich dadurch viel verändert?
Nein, beide sind Equipenchef und nicht Trainer. Sie kümmern sich mehr um die Organisation und die gute Stimmung, um das Ganze. Jeder Reiter hat noch seinen eigenen Trainer.

Das ganze Team trainierte letzte Woche zusammen bei Pius Schwizer. Passt Ihnen das als Einzelsportler?
Genau darum finde ich das gut, da sind wir zusammen. Im Topsport zählen Details und ich habe das Gefühl, das ist so ein Detail, das am Ende mehr hilft als kaputtmacht. Wir sind zusammen, ebenso die Pfleger. Für die Stimmung im Team ist das ein kleines Plus, das am Ende vielleicht den grossen Unterschied ausmacht.

Ist die Stimmung im Team wichtig?
Ja es ist ein Einzelsport, aber beim Nationenpreis sind wir ein Team. Jetzt sind wir zehn Tage lang ein Team, das hilft.

Sie haben auch eine Frau im Team, spielt das eine Rolle?
Mir ist das völlig egal, die Besten sollen mit. Der Sport ist nun mal gemischt. Darum denken wir gar nicht dran.

Ändert eine Frau etwas am Umgangston?
Nein, überhaupt nicht.

Reiten Frauen anders?
Das glaube ich schon. Sie reiten andere Pferde. Es gibt Pferde, die passen besser zu Männern, andere besser zu Frauen. Da geht es auch um Kraft. Aber es ist ein Paar-Sport, es zählen beide. Und jeder Reiter muss sein Pferd finden, damit es als Paar passt.

Sie sind zwar erst 32 Jahre alt, aber Olympiasieger. Pius Schwizer ist in der WM-Equipe mit 52 der Älteste und Erfahrenste. Sind Sie eine Art Leader?
Ein bisschen. Aber Paul Estermann war bei Olympia auch schon dabei. Romain Duguet und Jane Richard sind Neulinge. Es gehört für Pius und mich dazu, ihnen zu helfen, wenn sie unsicher sind. Aber sie kennen ihren Job auch.

Sie setzen Ihr Olympiapferd Nino des Buissonnets sehr dosiert ein, jetzt wieder bei der WM. Klappt das?
Ich möchte Nino so lange wie möglich im Sport erfolgreich haben. Bis jetzt ist das alles aufgegangen. Nach dem Olympiasieg steigen die Erwartungen. Nicht bei mir, aber bei den Leuten. Sie erwarten immer Siege. Wenn ich Fünfter im Weltcupfinal werde, haben viele das Gefühl, das ist ein Drama. Aber ich habe ein gutes Gefühl und viel Freude mit ihm. Ausser der zweiten Runde vor kurzem in Aachen, die sehr enttäuschend war, sind wir immer dabei gewesen.

Zuletzt haben Sie in Münster gewonnen, die Form stimmt?
Ja er ist gut in Form.

In Aachen verweigerte Nino. War das eine grosse Enttäuschung, auch weil viel Geld auf dem Spiel stand?
Ans Geld habe ich überhaupt nicht gedacht. Aber Aachen ist eines der grössten Turniere, da willst du als Olympiasieger gewinnen. Das war ein Ziel, ich habe alles darauf gesetzt. Und nun gings halt in die Hose.

Haben Sie das im Griff, dass Nino bei der WM nicht wieder stehen bleibt?
Nino ist so gut, dass er manchmal in einem schweren Parcours zu vorsichtig ist. Deshalb blieb er in Aachen nicht zum ersten Mal stehen. Es liegt an mir, ich darf keinen Reiterfehler machen, dann springt er. Bei zwei ganz kleinen Springen in Belgien habe ich mit ihm das wieder geübt und nur deshalb sind wir vor der WM nochmals nach Münster an ein grosses Turnier gefahren.

Sie waren schon die Nummer eins der Welt, nun sind Sie noch die 16. Spielt das für Sie eine Rolle?
Ich war jahrelang immer in den Top Ten. Ich habe jetzt aber viele junge, unerfahrene Pferde. Ich musste mich entscheiden. Mache ich mit den älteren guten Pferden auf höchstem Niveau weiter, oder führe ich junge heran. Im ersten Fall hätte mir dann mal eine ganz schlechte Zeit gedroht, jetzt nehme ich dafür ein kleines Tief in Kauf. Ich setzte so nicht auf den kurzfristigen Erfolg. Dafür komme ich hoffentlich umso stärker zurück.

Was sagen die Sponsoren dazu?
Es spielt für die Sponsoren schon eine Rolle, wo einer auf der Weltrangliste steht. Ich mache sicher sehr viele Fehler, aber ich will immer das Beste machen für die Besitzer und die Pferde. Ich will meinen Sport noch viele Jahre ausüben. Ich bin bereit, mal einen Schritt rückwärts zu gehen, um langfristig Erfolg zu haben. Das habe ich schon öfters gemacht. Klar wäre ich lieber die Nummer eins. Aber jetzt ist es anders, das muss einem als Reiter bewusst sein. Ich habe damit kein Problem. Mein erstes Ziel ist es nicht, die Sponsoren glücklich zu machen.

Für den Laien wird das Springreiten immer unübersichtlicher: Weltcup, Nationenpreis, Global Champions Tour, Grand Slam. Finden Sie das gut?
Dieses Durcheinander ist ein bisschen schade. Vieles, was in den vergangenen Jahren gekommen ist, hilft unserem Sport. Aber jetzt wird es Zeit, dass alles besser strukturiert wird.

Wie suchen Sie Ihre Turniere aus?
Meine erste Priorität ist immer der CSIO, das heisst, wenn ich für einen Nationenpreis aufgeboten wurde, habe ich noch nie abgesagt, auch wenn ich dafür auf eine Global Tour oder ein anderes Turnier verzichten musste. Und danach entscheide ich, was für meine Pferde das Beste ist. Ich habe zum Beispiel Anfang Juli auf Paris verzichtet, wo es viel Geld zu gewinnen gab. Aber ich hätte nur zwei Pferde reiten können, also ging ich nach Mons Ghlin in Belgien, wo ich vier Pferde einsetzen konnte.