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Wie die Snowboard-Anarchos die Skiindustrie retteten

Die Snowboards - oder besser gesagt ihre Fahrern - haben viel zum heutigen umfangreichen Schneesportangebot beigetragen.

Die Snowboards - oder besser gesagt ihre Fahrern - haben viel zum heutigen umfangreichen Schneesportangebot beigetragen.

Die Snowboard-Industrie kriselt. Bei den Winterliebhabern ist das Fahren auf zwei Brettern wieder angesagt. Wo aber wäre der Skisport ohne den Trend der 1990er stecken geblieben?

Die Bewegung hat ihren Schwung verloren. Grosse Sporthändler wie Ochsner und Intersport klagen über sinkende Verkaufszahlen von Snowboards. Selbst Schwimmbrillen finden besseren Absatz. Auch aus vielen Skiregionen haben sich die Snowboarderinnen und Snowboarder schleichend verabschiedet. Bei den Schneesportschulen machen Snowboardlektionen nur noch ein Nischengeschäft aus, Tendenz sinkend.

Snowboarden ist out, berichtete gestern die Sendung «Heute Morgen» von Radio SRF. Dieser Trend hat sich schon länger abgezeichnet. Seit dem Jahr 2007 sind die Snowboardverkäufe in den USA, dem Mutterland der Snowboardbewegung, rückläufig. In der Schweiz ein noch tristeres Bild: Wenig Schnee, eine Wintersportindustrie in der Krise – und die Enthusiasten entscheiden sich, wenn überhaupt, für Ski.

Dabei hätte es gerade für die Skiindustrie schlimmer kommen können. Ausgerechnet die Snowboardbewegung war es, die diese in den 1990ern rettete – vor der Fantasielosigkeit.

Auf die Sprünge geholfen

Ohne Amerikaner lässt sich der Snowboardboom, der in der Schweiz seit den 1990ern stattfand, nicht erklären. Schon in den 1930ern war mit Planken an den Füssen herumexperimentiert worden. Der Vorläufer des Snowboardens war das Snurfen. Dabei standen die Sportler auf einem dem Surfbrett nachempfundenen Brett und hielten die Spur mittels einem Strick, der an der Front befestigt war und zur Hand führte. Ab 1978 entwickelten Jake Burton und Tom Sims die Snurfbretter weiter. Burton setzte vor allem mit seiner Bindung neue Massstäbe. Seine gleichnamige Marke sollte die noch junge Sportart prägen wie keine andere – und wurde Kult. Doch Burton und Sims mussten hart um einen Platz an der Sonne kämpfen. Skiliftbetreiber weigerten sich anfangs schlicht, Snowboarder auf den Anlagen zu transportieren.

Das erging der kleinen Snowboardszene in der Schweiz nicht besser. Zuerst begegneten die Skifahrer den Snowboardern mit purer Verachtung, später mit Argwohn. Mit ihren breiten Gleitflächen zerstörten die Snowboarder schliesslich die schönen Zweierspuren am Bügellift!
Der Snowboardtrend aber war stärker. Die Skihersteller mussten sich etwas einfallen lassen. Und sie reagierten: Zuerst mit dem Carvingski, der dank Taillierung drehfreudiger und einfacher zu fahren war. Später brachten sie Freeski in allen Varianten und Farben auf den Markt. Die Designs der Ski ähnelten denjenigen der Snowboards immer mehr.

Die Geschichte des Snowboarrds

Snowboard- und Freestyleboom sei dank, erhielten die Skigebiete ein neues Gesicht. Vielerorts stampfte man Snowparks aus dem Boden. 1998 wurde Snowboarden olympisch und der Schweizer Gian Simmen gewann in der Halfpipe von Nagano Gold.

Board, Telemark, Biker am Lift

Auch abseits der Piste veränderte das Snowboard vieles. Der Freeride- und Tourenski-Boom beschert der Wintersportindustrie bis heute immerhin noch etwas Wachstum und ist ohne Snowboard nicht erklärbar: Erst mit der breiten Planke an den Füssen kam im Tiefschnee etwas wie Surf-Feeling auf. Die Tourenskifahrer aber wedelten noch immer mit ihren schmalen Spriessen die Hänge herunter. Und so inspirierten sich die Skibauer von den Snowboards. Bald waren die Ski breiter und die Fahrer erhielten mehr Auftrieb. Der Touren- und Freeride-Trend nahm sprunghaft zu. Schliesslich haben die Snowboarder punkto Klamotten für frischen Wind gesorgt: mal bunt, mal weit, mal eng – Snowboard-Kleider sind auch bei vielen Skifahrern das Mass der Dinge.

Skifahren wurde wieder attraktiv und so kam es, dass viele Snowboarder auf Ski umsattelten, was wiederum bei manchen Snowboardern zu reaktionärem Verhalten führte. Etwa dann, wenn sie die mühsam und zum Teil mit eigener Muskelkraft aufgebauten Schanzen nicht mit den Skifahrern der neueren Generation teilen mochten.

Ochsner? Uncool!

Da die konservativen Skifahrer, dort die Snowboard-Anarchos – das war einmal. Die Szenen schmolzen allmählich ineinander. Auf den Pisten gibt es längst kein Entweder-oder mehr. Bereits stehen Biker an den Skiliften. In Kandersteg können neuerdings Sportler samt ihren sogenannten Fatbikes mit den ganz fetten Reifen am Bügellift hochfahren. Verschwinden wird das Snowboard deshalb nicht. Beim Nachwuchs im Spitzensport nimmt die Zahl der Snowboarder sogar zu.

Wie Ochsner und Intersport haben auch die kleinen Skater- und Surfläden zu kämpfen. Traditionellerweise führen die Nischenläden auch Snowboards im Sortiment. Denn welcher Snowboarder kauft seine Ausrüstung schon im grossen, aber etwas biederen Ochsner oder Intersport?

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