Ein bisschen mühsam war er ja gewesen, jener Weg, den sich Roger Federer am letzten Sonntag durch die Zuschauerränge in Cincinnati bahnen musste. Doch das war es wert gewesen, denn er holte sich dort Küsschen seiner Zwillings-Töchter Myla und Charlene ab. Und die waren Federer in diesem Moment sicher mehr wert gewesen als der Check über 731'000 US-Dollar, den er gerade für seinen Masters-Sieg erhalten hatte.

Ein Hut tut immer gut

«Papa, du brauchst einen Hut!», sagte eine der beiden Sechsjährigen zu ihm und zog ihm fürsorglich die rote Kappe über den Kopf. Sie sagte nicht: «Gratuliere Papa, dass du zum siebten Mal hier gewonnen hast!». Natürlich tat sie das nicht. Die Welt der Kinder ist simpel, komplexe Zusammenhänge begreifen sie noch nicht. Es gibt nur schwarz und weiss, gut und böse. Und Papa spielt eben einfach ziemlich oft Tennis.

Dass er das viel besser kann als die meisten anderen, die jemals einen Court betreten haben, wissen die beiden nicht. Auch nicht, dass ihr Vater an diesem Tag mehr Geld verdient hatte, als die Häuser vieler Menschen kosten. Die Zwillinge Myla und Charlene interessiert nur, dass Papa Zeit zum Spielen hat – mit ihnen natürlich.

Und vielleicht ist es gerade diese unschuldige und unmittelbare Welt, aus der Federer die Kraft zieht, in seiner Welt auch mit 34 Jahren noch so hervorragend zu bestehen. Denn die Tennis-Welt ist laut und künstlich, immer in Bewegung. Alles ist Show und so wenig scheint echt, es geht um die Gunst der Fans und der Sponsoren und jeden Tag nur ums Gewinnen.

Frisch wie nie

So mancher Spieler hat sich an diesem Leben aufgerieben, aber Federer wirkt momentan frischer und hungriger als die meisten seiner jüngeren Kollegen. Mehr noch, der Schweizer untermauert gerade wieder, dass er irgendwie nicht von dieser Welt ist. Und es hatte in der Sporthistorie nicht viele Athleten gegeben, die sich mit Federer vergleichen können.

Der Baselbieter umarmte im Gedränge auf der Tribüne auch seine Frau Mirka, seit 15 Jahren die Partnerin an seiner Seite. Sie hält ihm den Rücken frei, managt die Grossfamilie, die meist wie eine Karawane um den Globus reist. Oft brauchen sie mit allen Nannys, Grosseltern und Trainern bis zu acht Hotelzimmer. Aber Federer mag nicht gerne allein sein, braucht die vertrauten Menschen um sich.

Das hat er mit Michael Schumacher gemeinsam. Der siebenmalige Formel-1-Weltmeister hat während seiner aktiven Karriere seine Kraft auch aus dem Rückhalt der Familie geschöpft. Seine Frau Corinna war stets mit Verständnis an seiner Seite. Angst kannte Schumacher im Cockpit nicht, er hatte schliesslich immer einen Glücksbringer dabei. Denn meist bestand seine Tochter Gina-Maria darauf, dass er die Haarbürste ihrer Lieblingspuppe mitnahm.

Die Familie als Kraftzentrum

Federer dürfte diese familiäre Nähe bekannt vorkommen. Schumachers Familie hielt ihn in der Hochgeschwindigkeitswelt auf dem Boden, so gewann der Deutsche auch mit über 30 Jahren den prestigeträchtigen fünften WM-Titel mit Ferrari. Erfolge jenseits der 30: Die Familie als Rezept? Auch bei Federer funktioniert es wohl so.
Doch während manchem Sieg des erfolgreichsten Formel-1-Piloten der Geschichte ein fader Beigeschmack anhaftete, blieb Federer immer ein fairer Sportsmann. Der Schweizer schaffte es, frei von jeglichen Skandalen zu bleiben. Das alleine ist schon eine Leistung in der immer wissbegierigeren Informationsgesellschaft.

Michael Jordan war das seinerzeit nicht gelungen. Als der beste Spieler der Basketball-Geschichte im Jahr 2003 mit 40 Jahren, sechs Meistertiteln und einer ellenlangen Rekordliste endgültig seinen Ruhestand erklärte, titelte die «Süddeutsche Zeitung» damals: «Gott fliegt nicht mehr». Wenn Jordan zum Dunking abhob, schien die Zeit stehen zu bleiben. Die Ästhetik, mit der der Amerikaner den Basketball zelebrierte, zeichnet auch Federers Spiel aus. Magie vielleicht. Beide zogen die Fanmassen damit in ihren Bann.

Jordan allerdings kam mit dem Leben als Basketball-Gott nicht zurecht. Er hatte Spielschulden. Der Halt, den Federer von seiner Familie bekommt, fehlte Jordan lange Zeit. Vielleicht aber ist Federer auch einfach nicht der Typ für Skandale. Er sucht keinen Streit, sondern hat etwas sehr Verbindliches und immer Authentisches.

Ein Werbegesicht, wie es im Buche steht

Federer nimmt man die Ehrlichkeit ab, auch deshalb reissen sich die Sponsoren der Edelmarken um den Schweizer. Sein Image ist einzigartig im elitären Kreise der grössten Sportler aller Zeiten. Besonders derer, die mit über 30 Jahren noch Grosses vollbrachten.

Federer hat keinen Hang zum latenten Grössenwahn, wie ihn die Box-Legende Muhammad Ali so gerne pflegte. Der sagte mal zu einer Stewardess, die ihn zum Anschnallen aufforderte: «Superman braucht keinen Gurt.» Die Stewardess antwortete trocken: «Superman braucht auch kein Flugzeug.» Solche Sätze würden Federer nicht einfallen. Seine Siege, seine Rekorde bestimmen ihn nicht, doch sie machen ihn zu einem perfekten Botschafter seines Sports.

So wie es die Sympathieträger Pelé bis heute im Fussball und Ole Einar Björndalen im Biathlon sind. Die enormen Erfolge haben sie trotzdem demütig gehalten, vielleicht der einzige Weg, sich nicht darin zu verlieren. Federer hat das geschafft. Er ist kein Tennis-Gott, aber einer der Besten, die jemals spielten.