Sieben Stunden und bis weit nach Mitternacht tagte der von Novak Djokovic präsidierte Spielerrat am Freitag. Am Tag darauf kam es zu einem regelrechten Exodus: Mit Jamie Murray, Robin Haase, Sergei Stachowski und Trainer-Vertreter Dani Vallverdu, der derzeit zum Stab von Stan Wawrinka gehört, gaben gleich vier der zwölf Mitglieder ihre Demission aus dem Gremium bekannt. Sie machen fehlenden Einfluss und Veränderungswillen geltend. Der Ukrainer Stachowski schrieb sogar, es gehe nur noch um Vorteilnahme und persönliche Interessen. Die ganze Wahrheit werde mit Sicherheit bald ans Licht kommen.

Was er damit meinte, präzisierte er nicht. Stachowski schied bereits in der Wimbledon-Qualifikation aus und weilt längst nicht mehr in London. Gut möglich aber, dass ein Treffen von Ratspräsident Novak Djokovic und Ex-Spieler Justin Gimelstob Auslöser für den Exodus war. Gimelstob war während über einer Dekade einer von drei Spielervertretern im Direktoren-Board und ein enger Verbündeter von Novak Djokovic. Als solcher war er massgeblich daran beteiligt, dass der Ende Jahr auslaufende Vertrag des Briten Chris Kermode als ATP-Präsident nicht verlängert wird. Gimelstob galt selber als Anwärter auf den Posten.

Djokovic: «Eine freundschaftliche Beziehung»

Doch im April wurde er wegen schwerer Körperverletzung zu drei Jahren Haft auf Bewährung, 60 Tagen gemeinnütziger Arbeit und einer Therapie zur Aggressionsbewältigung verurteilt. Unter dem öffentlichen Druck legte er am 1. Mai sein Amt als Spielervertreter nieder. Gleichwohl pflegt er weiterhin den Kontakt mit Novak Djokovic, wie dieser am Montag in Wimbledon erklärte. «Wir haben eine freundschaftliche Beziehung und Justin sagte mir Bescheid, als er in London war. Wir haben uns kurz getroffen und bleiben telefonisch in Kontakt.» Das legt den Schluss nahe, dass Djokovic in Gimelstob immer noch einen valablen Kandidaten auf die Nachfolge Chris Kermodes sieht.

«Wir haben nicht darüber gesprochen, ob und in welcher Rolle er ins Tennis zurückkehren könnte», sagte Djokovic. Gimelstob habe derzeit einige Probleme zu lösen. «Es ist keine einfache Zeit für ihn.» An der Personalie Gimelstob spaltet sich der Spielerrat. Die Befürworter um Djokovic will die Organisation des Welt-Tennis fundamental umwälzen. Die Unterstützer des scheidenden Kermode, zu denen Roger Federer, Rafael Nadal und Stan Wawrinka zählen, wollen indes allenfalls nur moderate Veränderungen. «Es ist sehr beunruhigend, was in den letzten Monaten passiert ist», sagt Wawrinka. Im Mai hatte er in einem offenen Brief in der britischen Zeitung «Times» einen «besorgniserregenden Zerfall der moralischen Werte» im Welttennis moniert.

Roger Federer zeigt sich besorgt über die Entwicklungen.

Roger Federer zeigt sich besorgt über die Entwicklungen.

Djokovic als Anwalt der Kleinen

Ähnlich äusserte sich Roger Federer, der den Spielerrat früher selber lange Zeit präsidiert hatte. Er beklagte die häufigen Streitigkeiten im Rat und dessen Unfähigkeit, Kompromisse einzugehen. «Es ist keine schöne Situation, aber ich weiss auch nicht, was die Lösung ist, sagte der Baselbieter. Offenbar sind die Fronten im Spielerrat inzwischen derart verhärtet, dass Entscheidungen verunmöglicht werden. Robin Haase sagte in Wimbledon gegenüber holländischen Medien, ein Teil des Rats und die drei Vertreter im Direktoren-Bord (Alex Inglot, Weller Evans, David Edges) seien nicht bereit, auf Vorschläge einzugehen. Sein Vorschlag, Kermode ein weiteres Jahr Zeit zu geben, sei zwar von 47 Spitzenspielern getragen, aber dennoch übergangen worden.

Djokovic sieht sich indes in der Rolle als Anwalt der Kleinen. «Mein Team will zwar, dass ich zurücktrete. Aber etwas in mir sagt mir, dass ich bleiben soll, denn ich fühle, dass wir Teil einer grossen Veränderung im Tennis sind. Der Serbe vertritt die Meinung, die Grand-Slam-Turniere gäben einen zu geringen Anteil ihrer Einnahmen an die Spieler weiter. Momentan könnten nur die besten Hundert vom Tennis leben. «Das versuchen wir zu ändern. Wir möchten, dass mehr Spieler die Kosten decken und ein anständiges Leben führen können.» Darin sind sich alle Beteiligten einig. Doch darüber, wie dies zu bewerkstelligen ist, herrscht nach wie vor Uneinigkeit. Die Treffen von Novak Djokovic mit Justin Gimelstob tragen mit Sicherheit nicht zur Beruhigung der Gemüter bei.