Vor dem WM-Auftakt standen immer wieder verschiedene Schweizer Natispieler im öffentlichen Zentrum. Shaqiri beispielsweise, die schillernde Bayern-Figur, war ein beliebtes Sujet.

Von Captain Inler veröffentlichte die NZZ multimedial jedes Detail seiner Vergangenheit.

Lichtsteiners Aufstieg zum internationalen Top-Verteidiger wurde in allen Facetten beleuchtet, die Formschwankungen von Xhaka und Djourou standen vom ersten Camp-Tag an täglich zur Debatte.

Und nahezu jeder Experte porträtierte das neue SFV-Stürmer-Juwel Josip Drmic. Nach der späten Wende im schwierigen Startspiel gegen Ecuador jubelte die Fussball-Schweiz geschlossen dem Siegtorschützen Haris Seferovic zu.

Behramis spektakuläres Tackling und sein wilder "Galopp" über das halbe Spielfeld lösten landesweit einen Sturm der Begeisterung aus.

Einer aber blieb im Hintergrund, genoss den perfekten WM-Start ohne Tweets und laute Grussbotschaften: Rodriguez, der eigentliche Auslöser der Glücksgefühle.

Der linke Aussenverteidiger ist in jeglicher Hinsicht ein Phänomen. Als knapp 18-jähriger verdrängte er beim FCZ den früheren Nationalteam-Leader Ludovic Magnin.

Zwei Saisons später verschaffte er sich in Wolfsburg ohne allzu grosse Verzögerung Zutritt zur Stammformation eines ambitionierten Bundesligisten.

In der SFV-Auswahl ging er seit dem Debüt im Herbst 2011 gleich vor - immer still und leise zwar, aber keineswegs schüchtern, sondern zielorientiert.

In Brasilien setzt das Gros der Equipen auf der linken Aussenverteidigerposition auf eher erfahrene Spieler. Rodriguez zählt zu den jüngsten Stammspielern.

Wobei: Sein 92er-Jahrgang trügt. Seit seinem Wechsel nach Deutschland hat er bereits 75 Bundesliga-Spiele bestritten. In der letzten Saison verpasste Rodriguez keine Sekunde. Beim VFL gehörte er mit 15 Skorerpunkten zu den produktivsten Professionals.

Die grosse Reichweite

Urs Fischer erinnert sich an Rodriguez' erste Jahre in Zürich: "Damals waren sich alle Junioren-Trainer einig, dass Rici seinen Weg machen wird."

Fischer lotste das begehrte Talent in die Super League. Ihn habe er forcieren können, blickt der frühere FCZ-Coach und jetzige Thun-Verantwortliche zurück.

Die exzellente Entwicklung überrascht ihn nicht: "Er ist mit einer sehr guten technischen Qualität und einer hohen Spielintelligenz ausgestattet."

Rodriguez besitzt zudem die Gabe, sich permanent dem steigenden Niveau anzupassen. Mehr Druck und Aufmerksamkeit hemmen ihn nicht.

Dass er mit höheren Ansprüchen umzugehen weiss, demonstrierte er in den Monaten nach dem Gewinn des U17-WM-Titels. Derweil einige ebenso talentierte Kollegen abdrifteten, fokussierte er sich immer nur aufs Wesentliche.

Seinen Lebensmittelpunkt verlegte er nicht in den bunten Teil der Illustrierten. Für ihn ist das Wohlbefinden nicht eine Frage der Anzahl publizierter Geschichten über sein Privatleben.

Der Sohn lateinamerikanischer Einwanderer saugt die Eindrücke lieber auf, als sie auf allen möglichen Kanälen zu kommentieren. Die Reichweite auf dem Rasen ist ihm wichtiger.

Es gelingt ihm generell gut, das Leben zu vereinfachen. Keine Aussetzer, keine Skandale, keine komplizierten Klubwechsel. Die Planung der Laufbahn funktioniert wunschgemäss. Aus der Ruhe zu bringen, ist er praktisch nicht. Selbst die törichsten Fragen beantwortet Rodriguez in der WM-Base in Porto Seguro ohne aufgesetztes Lächeln. Freundlich, bestimmt, korrekt.

Das Lob der Wortführer

Für Klischees eignet sich der hoch anständige junge Mann aus Schwamendingen nicht. Er trägt den Haarzopf nicht, um aufzufallen.

Und nur weil sein Körper von ein paar Tattoos mehr bedeckt ist, käme keiner auf die Idee, ihn als jungen Paradiesvogel zu klassifizieren. Er kopiert niemanden, Rodriguez wirkt ausnahmslos echt und unverstellt - oder wie es Behrami sagt: "Einfach so, als wäre er schon zehn Jahre bei uns dabei."

Seine Art kommt bei den Mitspielern gut an. Sie schätzen den pflegeleichten Kollegen. Und seine spielerischen Inputs auf dem Feld gewichtet der Kern als speziell hoch: "Er hat unglaubliche Qualitäten im Spiel gegen vorne", lobt Behrami und hebt die Bedeutung des Wolfsburgers gleich noch um mehrere Prozentpunkt an: "Ich zähle ihn bereits zu den wichtigsten Spielern, die wir haben."

Lichtsteiner, der andere Wortführer aus dem Spitzensegment der Serie A im Schweizer Team, pflichtet dem Tessiner bei: "Dass er in der Bundesliga bereits alle Standards ausführen darf, spricht für ihn. Ricardo kann eine grosse Karriere machen."

Die Meinung des Juventinos dürften diverse Klub-Manager teilen. Fällt Rodriguez an der WM-Endrunde weiterhin derart auf, bahnt sich im Juli ein Transfer zu einem europäischen Topklub an. (si)