Fussball
Xherdan Shaqiri ist gefangen im goldenen Käfig

Die dritte Saison bei Bayern München und immer noch ist der Stammplatz weit entfernt. Pep Guardiola setzt lieber auf müde Weltmeister und ein 17-jähriges Eigengewächs. Xherdan Shaqiri, schliessen Sie einen Wechsel immer noch aus?

Sebastian Wendel, München
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Edeljoker

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Keystone

Xherdan Shaqiri will weg. Vladimir Petkovic, der neue Schweizer Nationaltrainer, wartet auf ihn. Und sowieso: Lust zu reden hat er keine. Er hält dann aber doch an, als er unter den zahlreichen Journalisten die drei Schweizer entdeckt. «Mach vorwärts, ich habe keine Zeit», blafft er den Kollegen an, der Schwierigkeiten beim Aufstellen der Kamera hat. Der Blick geht ins nirgendwo, immer wieder runzelt er die Stirn und und beisst auf die Lippen. Nein, freuen mag er sich über das 2:1 im Auftaktspiel gegen Wolfsburg nicht. Diesen Eindruck vermögen auch die Fussballer-typischen Phrasen, die Shaqiri in Perfektion beherrscht, nicht zu kaschieren.

Der Anspruch ist gestiegen

Vor 27 Tagen hat Shaqiri das Training bei Bayern aufgenommen. Hinter dem 22-Jährigen lag eine Weltmeisterschaft, an der er in den Spielen gegen Ecuador und Argentinien zu grosser Form auflief. Eine WM, an der er der grosse Star der Schweizer Mannschaft war. Die Erlebnisse in Brasilien haben sein Selbstverständnis, ein grosser Spieler zu sein, wachsen lassen. Also ist er am 28. Juli zu Bayern zurückgekehrt mit dem Anspruch, endlich auch im Klub eine Schlüsselrolle einzunehmen.

Am Freitag aber, als Pep Guardiola die Startaufstellung gegen Wolfsburg bekannt gibt, muss sich Shaqiri fragen: «Bin ich dem Trainer wirklich wichtig?» Vier deutsche Weltmeister und Arjen Robben dürfen sich warm machen, obwohl sie zwölf Tage später als der Schweizer ins Training eingestiegen sind und Guardiola über ihre körperliche Verfassung klagt. Auch Gianluca Gaudino spielt, ein 17-jähriges Eigengewächs, das die Saisonvorbereitung als Kaderauffüller begonnen hat. Shaqiri aber darf nicht. Das Lob von Guardiola für die Form in den Testspielen – nicht mehr als eine hohle Phrase. Als er nach einer Stunde eingewechselt wird, wirkt Shaqiri wie ein Fremdkörper. Er verliert Bälle, die Mitspieler übersehen ihn. So tritt keiner auf, der schon zwei Jahre Teil des Teams ist. Die «Süddeutsche Zeitung» schreibt in ihrer bissigen Einzelkritik: «Shaqiri kam nach 61 Minuten zusätzlichem Urlaub für Mario Götze. Allerdings mit so wenig Elan, als ob er sich bereits am Grillteller bedient hätte.»

Stellen Sie andere Fragen

«Der Trainer hat so entschieden, damit muss ich klarkommen», sagt Shaqiri und zuckt mit den Schultern. Die Enttäuschung kann er nicht verbergen. Auch darüber, dass ihm Guardiola mit keinem Wort begründete, warum nicht er, sondern andere spielten. Schliesst er einen Weggang von Bayern immer noch aus? Die Frage muss man ihm stellen. Jetzt, wo sich abzeichnet, dass Shaqiri auch in seinem dritten Jahr bei Bayern nicht mehr als ein Ergänzungsspieler sein wird. Die Antwort kommt schnell: «Darüber ist genug geredet worden. Stellen Sie andere Fragen!»

Er will nichts Falsches mehr sagen, nachdem vor ein paar Wochen ein Vorfall für Wirbel gesorgt hat. Damals überboten sich die Medien wieder einmal mit Wechselspekulationen, worauf sich Bayerns Sportdirektor Matthias Sammer zu einem Machwort gezwungen sah: «Shaqiri bleibt, er ist unsere Zukunft.» Shaqiris Antwort auf Twitter: «Ich lebe in der Gegenwart, nicht in der Zukunft.» Das ist in München nicht gut angekommen. Warum sonst liess Shaqiri ein paar Tage später über seinen Bruder und Berater Erdin ausrichten, die Gespräche mit anderen Vereinen seien auf Eis gelegt, Bayern sei erster Ansprechpartner?

Keine Chance auf Stammplatz?

Mittlerweile verhandeln beide Seiten sogar über eine Verlängerung des bis 2016 laufenden Vertrags. Wobei Shaqiri gut beraten ist, nicht voreilig zu handeln. Die Gefahr, mit der Unterschrift unter einen langfristigen Vertrag endgültig im goldenen Käfig gefangen zu sein, ist gross. Unter 20 Millionen Franken ist Bayern nicht gesprächsbereit. Aber wer zahlt das schon für einen Schweizer Ergänzungsspieler? Liverpool bot im Sommer als absolutes Maximum 18 Millionen.
Die Chancen, unter dem «unentlassbaren Guardiola» (O-Ton Bayern-Bosse) Stammspieler zu werden, seien gleich Null. Das sagen die Journalisten, die Tag für Tag nahe bei der Mannschaft sind. Der Trainer sagt über Shaqiri: «Er ist der beste Einwechselspieler, den ich kenne.» Zudem plant Guardiola einen Wechsel zum 3-4-3-System, das nicht zu Shaqiri passt. Und 2015 kommt mit Marco Reus wohl das nächste offensive Schwergewicht nach München.

Shaqiri hat einmal gesagt, Bayern zu verlassen, sei in jedem Fall ein Rückschritt. Das mag sein. Aber nicht umsonst existiert die Weisheit, dass auf einen Schritt zurück meistens zwei nach vorne folgen. Ein Wechsel würde die Einsicht bedingen, es bei Bayern nicht zum Stammspieler geschafft zu haben. Die Frage lautet: Lässt Shaqiris Stolz dies zu?