Es ist 20.56 Uhr, als die Champions League-Hymne ertönt. «Mir hei no lang nid gnue. Dr Bär isch gierig», prangert in Mitten einer schillernden gelbschwarzen Choreografie, mit welcher die YB-Fans diesen historischen Moment feiern. Wie gross die Euphorie und das Selbstvertrauen des Schweizer Meisters ist, zeigt das Prunkstück der Choreo: Ein Bär, der nach dem Henkelpott greift.

YB spielt Champions League. Genau diesem Moment hat ganz Bern entgegengefiebert. Schon Stunden vor dem Anpfiff ist die Stadt in gelbschwarz getaucht. Die Vorfreude auf die Königsklasse ist an jeder Ecke spürbar. Im YB-Trikot ins Büro, ein vorzeitiger Feierabend: Am gestrigen Freudentag ist alles erlaubt. Viele Fans sind schon eine Stunde vor Anpfiff auf ihren Plätzen, um jede Sekunde zu geniessen.

Mit dem Anstoss von Guillaume Hoarau – neben Miralem Sulejmani und Loris Benito einer von nur drei YB-Spielern mit Champions-League-Erfahrung – peitscht das ausverkaufte Stade de Suisse sein Team nach vorne. Ein Vorstoss von Kevin Mbabu, der zum Einwurf führt, wird ebenso bejubelt, wie ein Hoarau-Kopfball, der knapp am Tor vorbei geht.

Ein aufsässiges YB

Die YB-Spieler auf dem Feld stehen ihren Fans in Nichts nach. Frech, aber nicht übermütig agieren die Berner in der Anfangsphase. Weil Sékou Sanogo (12.) ein Luftloch schlägt und United-Goalie de Gea einen Gewaltschuss von Mohamed Camara aus dem Winkel fischt, wird die Berner Druckphase zu Beginn nicht mit einem Tor belohnt. Die Fans feiern trotzdem jede gelungene Aktion und davon gibt es viele.

United-Coach José Mourinho verfolgt die Startphase dagegen versteinert in seiner Coaching-Zone. Nach 22 Minuten verschwindet er grantelnd auf der Ersatzbank. Sein Team kommt auf dem ungeliebten Kunstrasen nicht in die Gänge. «Wir sind hier in der Schweiz. Zu Gast bei einem der grössten Tennisspieler der Geschichte. Roger Federer hat auch seine Lieblingsunterlage und muss doch gelegentlich auf ungeliebtem Terrain gewinnen. Wir müssen das auch so handhaben», hatte Mourinho vor der Partie noch gesagt.

Doch die Leistung von Manchester verbietet in den ersten 30 Minuten jeglichen Vergleich mit dem Maestro. Die Engländer verzeichnen keine einzige Torchance. Stattdessen kommt das aufsässige YB alle paar Minuten zu weiteren Gelegenheiten. Christian Fassnacht (30.) verstolpert in aussichtsreicher Position die beste von ihnen.

Ein fragwürdiger Elfmeter

Die Nervosität der Young Boys vor dem United-Tor rächt sich in der 35. Minute. Ein Haken, ein Schuss in den Winkel und der französische Weltmeister Paul Pogba trägt sich als erster Torschütze in YBs Champions-League-Historie ein. Neun Minuten später mutiert Pogba endgültig zum Partycrasher. Weil der deutsche Schiedsrichter Deniz Aytekin die Handspielregel falsch auslegt, bekommt Manchester einen äusserst fragwürdigen Elfmeter, den Pogba souverän ins Kreuzeck hämmert. 0:2.

Nach der Pause das gleiche Bild. Manchester macht nur das Nötigste, YB drängt auf den Anschluss. Doch in der 66. Minute ist es wieder Pogba, der das Spiel schnell macht und im entscheidenden Moment auf Anthony Martial durchsteckt. Der von Camara noch abgefälschte Schuss landet zum 0:3 in den Maschen. Spätestens jetzt ist allen klar, dass YB gegen diese englische Effizienz nicht ankommt.

Die YB-Fans schweigen kurz, ehe sie zurück in den Partymodus schalten und ihr Team nach vorne brüllen. Auch die Spieler geben nicht auf, doch weil Camara, Assalé und Aebischer weiter im Abschluss sündigen, endet YBs erstes Champions-League-Spiel zwar ohne den mehr als verdienten eigenen Treffer, aber mit der Erkenntnis: Wir können mit den Grossen mithalten. Am 2. Oktober wartet mit Juventus, das trotz Ronaldo-Rot gegen Valencia mit 2:0 gewann, die nächste Bewährungsprobe.