Athletic Bilbao ist der andere Fussball-Klub. Einverstanden, der FC Barcelona und Real Madrid mussten seit der Gründung der Primera Division 1928 auch nie absteigen. Trotzdem ist Bilbao einzigartig. Denn Athletic lebt den Lokalpatriotismus wie kaum ein anderer Klub auf der Welt.

So ist das Kader ausschliesslich mit Spielern bestückt, die aus dem Baskenland stammen oder in einem baskischen Klub ausgebildet wurden. Eine ähnliche Philosophie wie Athletic Bilbao verfolgt offenbar die künftige Führung um die designierten Bernhard Burgener (Präsident) sowie gemäss «Basler Zeitung» Marco Streller, Alex Frei und Massimo Ceccaroni, die Verantwortlichen im Bereich Sport. Gesehen haben wir das Strategie-Papier nicht. Also nennen wir es mal «Basel first».

Passt auch zum Zeitgeist. «Basel first» lautet also der Plan. Offiziell bestätigen will das natürlich keiner, weder von der aktuellen noch von der zukünftigen Führung. Aber «Basel first» wird immerhin von einem Insider bestätigt. Und: «Basel first» macht Sinn, wenn man die Vorgänge und die Menschen analysiert, die bald den Schweizer Branchenprimus lenken werden.

Der aktuelle Verwaltungsrat hat sich schon längere Zeit mit der Übergabe des Klubs beschäftigt und dies auch öffentlich kundgetan. Daraufhin wurden Präsident Bernhard Heusler (44,2 Prozent der Aktien) und Sportdirektor Georg Heitz (25 Prozent) mit diversen Offerten konfrontiert.

Es soll Anfragen aus China, aus dem arabischen Raum und aus Russland gegeben haben. Die Basler wurden mit Anfragen konfrontiert, die den FCB als Geldvehikel deklarierten und mit dem Klub Kasse machen wollten. Schliesslich hat der Klub im letzten Jahr 30 Millionen Franken Gewinn erzielt. Aber die Basler wurden auch mit Anfragen konfrontiert, die den FCB als neues Spielzeug erwerben wollten – analog zu den katarischen Investoren von Paris Saint-Germain.

Nur: Der Verwaltungsrat war clever genug, in der Causa «Übergabe des Klubs» den Mitgliedern das letzte Wort zu gewähren. Allein dadurch geraten sie nicht mal ansatzweise in Versuchung, einen lukrativen Pakt mit einem ausländischen Investor zu schliessen. Ausserdem wäre eine ausländische Lösung – wenn auch eine seriöse – bei den FCB-Mitgliedern kaum mehrheitsfähig.

Eine progressive, von Geld getriebene Vorwärtsstrategie wäre wohl nur mit einer ausländischen Lösung möglich gewesen. Deshalb erscheint es logisch, dass die neue, einheimische Führung eher «zurück zu den Wurzeln» tendiert, um neue Reize zu schaffen. Denn in diesem Punkt sind sich alle einig: Der FCB braucht neue Reize.

Zu gross für die Schweiz

Heusler und Heitz haben beim FCB Ausserordentliches geleistet. Im Mai wohl zum achten Mal in Folge Meister. Fünfmal in der Champions League. Beinahe alljährlich eine Umsatz- und Gewinnsteigerung. Aber mit ihrer überaus erfolgreichen Arbeit haben sie den FCB unfreiwillig in ein Dilemma geführt.

Der Klub wurde zu gross für die Schweiz, aber er wird künftig nicht gross genug sein für die Champions League. Denn die Königsklasse entwickelt sich immer mehr zu einer geschlossenen Liga der absoluten Premium-Klubs. Notabene ein exklusiver Kreis, der für einen Schweizer Klub unerreichbar ist, solange er die Regeln des Financial Fairplays befolgt, also nur ausgibt, was er selber erwirtschaftet, und sich nicht mit Finanzspritzen aufplustert.

Heusler und Heitz haben den FCB in ein Spannungsfeld zwischen lokaler Verankerung, nationaler Dominanz und internationaler Ausstrahlung manövriert. Und sie haben diese schwierige Aufgabe hervorragend gelöst. Der FCB ist, auch wenn zuletzt Stimmen nach fehlenden Identifikationsfiguren laut wurden, ein Klub mit starken Wurzeln geblieben. National ist er seiner Vorreiterrolle gerecht geworden. Und mit seinen internationalen Auftritten ist es ihm mehrmals gelungen, Grenzen zu verschieben – insbesondere gegen superreiche Klubs aus der englischen Premier League. Mehr ging nicht.

Natürlich: Der FCB hat Mittel erwirtschaftet, die es ihm erlaubt hätten, punkto Transfers in neue Sphären aufzusteigen. Die Basler hätten sich Spieler für 10 Millionen Franken leisten können. Aber Spieler, die einen Marktwert von 10 Millionen Franken haben, kommen nicht nach Basel. Selbst wenn sie sechsmal im Jahr Champions League spielen können. Denn das Tagesgeschäft heisst nicht Bayern München oder Chelsea. Das Tagesgeschäft heisst Vaduz, Thun, Luzern, St. Gallen oder Lausanne. Klubs, die ein 10-Millionen-Mann nicht mal vom Hörensagen kennt.

Die aktuelle Führung hat den Spagat zwischen Ausbildungsklub und Europa-Player auf eindrückliche Art hingekriegt. Aber sie erreichte nun den Kulminationspunkt. Sie hätte zwar problemlos ihre Arbeit fortsetzen können. Und damit wohl auch die Meister-Serie. Aber im internationalen Vergleich hätte sie sich damit abfinden müssen, dass sie nur noch die zweite Geige spielt. Das hätte Heusler und Heitz wohl am wenigsten Probleme bereitet. Schliesslich waren sie es, die bei jeder Gelegenheit betonten, welch toller Wettbewerb die Europa League ist. Doch die Öffentlichkeit verbindet die Namen Heusler und Heitz mit glanzvollen FCB-Auftritten in der Champions League. Eine Benchmark, die mittelfristig nicht mehr als solche definiert werden soll.

Zu gross für die eigenen Talente

Heusler und Heitz übergeben den Klub nicht, weil sie sich vor der Verantwortung scheuen. Sondern weil sie erkannt haben, dass sich der FCB neu ausrichten muss und dies vorzugsweise mit einer neuen Führung tut. Sie haben erkannt, dass der FCB zwar jährlich gegen sieben Millionen Franken in den Nachwuchs investiert, aber die Pipeline, die zur 1. Mannschaft führt, zusehends enger wird. Warum? Weil der FCB den Anspruch hat, international konkurrenzfähig zu sein und deshalb vornehmlich Nationalspieler verpflichtet. Kurz: Der FCB ist für die eigenen Talente zu gross geworden.

«Basel first» ist eine sinnvolle Neuausrichtung. Erst recht, weil der FCB die richtigen Köpfe für dieses Projekt gefunden hat. Menschen, die «Basel first» mit hoher Glaubwürdigkeit vertreten können, weil sie «Basel first» leben.

Marco Streller und Alex Frei wurden als Nationalspieler gar wegen ihrer Herkunft verunglimpft, was ihre Verbundenheit mit der Basler Heimat eher noch verstärkt hat. Und Massimo Ceccaroni wurde in Basel gar zur Kultfigur. Nicht wegen seiner fussballerischen Brillanz. Ceccaroni traf auch dann nicht, als er mal einen Penalty schiessen durfte. Aber Ceccaroni, der 25 Jahre beim FCB spielte, steht noch heute für Loyalität und bedingungslose Einsatzbereitschaft.

Streller, Frei und Ceccaroni sind Basler durch und durch. Gemein ist ihnen aber nicht nur der Dialekt, sondern auch ihre Affinität für den Nachwuchs. Kurz: Mit diesem Triumvirat im sportlichen Bereich ist «Basel first» ein glaubwürdiger Weg.

Nur: «Basel first» zu implementieren, braucht Zeit. Einerseits wegen der bestehenden Verträge mit den aktuellen Spielern. Andererseits, weil Rückholaktionen von ehemaligen Baslern nicht von heute auf morgen realisiert werden können.

Wie «Basel first» im Detail definiert wird, steht noch offen. Man kann davon ausgehen, dass der FCB den Lokalpatriotismus nicht so radikal lebt wie Athletic Bilbao. Basel wird weiterhin Spieler aus der Westschweiz, aus Zürich, aus dem Tessin oder aus dem Ausland engagieren. Aber der FCB wird sich Richtung Ausbildungsklub bewegen.