Bald ein Jahr ist es her, dass «Toni*» – wie sich ein heute 36-Jähriger in Internet- und SMS-Chats oft nannte – vom Kreisgericht in Aarwangen zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Gestern bestätigte das bernische Obergericht in zweiter Instanz diese Strafe grundsätzlich. Aktuell sitzt der verheiratete Familienvater bereits im vorzeitigen Strafantritt auf dem Berner Thorberg. Vor dem eigentlichen Strafvollzug muss sich der Schweizer – der in Wirklichkeit einen ganz anderen Namen trägt und nicht in der Region lebte – jedoch der ebenfalls verfügten stationären Behandlung unterziehen.

Auf frischer Tat ertappt

Doch nicht alle Schuldsprüche der über dreissig vorab mit Kindern begangenen Sexualdelikten respektive die dazu gefällten erstinstanzlichen Strafmasse wollte «Toni» akzeptieren. Dasselbe traf auch auf die Generalprokuratur und einen Teil der Privatklägerinnen aus der Region sowie der übrigen Deutschschweiz zu. Konkret befand das Kreisgericht «Toni» Ende Oktober 2009 in zwölf Fällen wegen sexueller Handlungen mit Kindern, sechs Mal wegen sexueller Nötigung, drei Mal wegen Vergewaltigung sowie elf Mal wegen der Verbreitung von Pornografie, für schuldig. Praktisch alle diese Urteile sind inzwischen rechtskräftig geworden; ebenso alle Opfer-Entschädigungen.

Ertappt wurde «Toni» 2007 auf frischer Tat, weil eines der Opfer vor einem neuerlichen Treffen in Murgenthal die Polizei informierte. Erst wenige Tage zuvor hatte der angebliche Fotograf die damals 14-jährige Wynauerin unter dem Vorwand bei sich zu Hause aufgesucht, ein Fotoshooting durchführen zu wollen. Als die Mutter derweil zur Arbeit ging, vergewaltigte «Toni» das Mädchen mehrfach.

Ähnlich das Vorgehen in einem anderen Fall. Kurz vor Weihnachten 2003 ist «Toni» bei einer 15-Jährigen in Hägendorf zu Hause. Die immergleiche Masche von der Aussicht auf Modelfotos, allenfalls gegen ein kleines Entgelt, verfängt auch diesmal. So bindet er die jungen Mädchen zudem mittelfristig an sich. Die Solothurnerin jedenfalls lässt sich ein paar Monate nach diesen Übergriffen von «Toni» nach der Arbeit in Langenthal abholen, worauf es in einem Wald bei Niederbipp gegen ihren Willen erneut zu sexuellen Handlungen kommt.

Höhere Zurechnungsfähigkeit

Wie in den meisten übrigen Fällen auch erschien das Vorgefallene dem Mädchen peinlich; ob den Aussagen gegenüber den Untersuchungsbehörden sowie vor der ersten Instanz entlastet auch das Obergericht «Toni» in diesem Fall vom Vorwurf der Vergewaltigung. Zum selben Urteil kommt das Obergericht in weiteren Vorfällen, die sich mit einem anderen Mädchen über drei Jahre in Worben zugetragen haben. Obschon die damals Minderjährige mehrmaligen Geschlechtsverkehr zugab, reichten ihre Aussagen nicht aus, um «Toni» die Vergewaltigung nachzuweisen. So spricht ihn das Obergericht im Gegensatz zur Vorinstanz frei. Es bleibt aber bei der Verurteilung der sexuellen Nötigung und Handlung mit einem Kind. All das hat zudem keinen Einfluss auf das Gesamtstrafmass, da das Obergericht «Tonis» Zurechnungsfähigkeit weniger tief einschätzt als die Vorinstanz.

Obergerichtspräsidentin Annemarie Hubschmid spricht denn auch von einem «äusserst schweren Fall». Vorab, weil er eine Vielzahl von Opfer betrifft, sich über eine lange Dauer zieht und die Vorfälle die sexuelle Integrität der Mädchen besonders verletzten.

«Erhebliche Rückfallgefahr»

Ebenso bestätigte das Obergericht gestern die stationären Massnahmen. Bevor der eigentliche Strafvollzug beginnen kann, müssen diese Wirkung zeigen. Bis jetzt sei das aber noch zu wenig der Fall. Konkret bestehe nach wie vor eine «erhebliche Rückfallgefahr», so ein aktueller forensischer Expertenbericht. Anders der Schluss eines Therapieberichts: Gewisse Lockerungen des Regimes seien sinnvoll und ambulante Massnahmen erfolgversprechender, so «Tonis» Therapeut.

Die gestrigen Entscheide sind nun noch beim Bundesgericht anfechtbar.

* Name der Redaktion bekannt.