Pro / Kontra

Soll die St. Alban-Vorstadt umgestaltet werden? Zwei Meinungen über Chancen und Sicherheit

Soll die St. Alban-Vorstadt umgestaltet werden? Hier ist es eng auf den Trottoirs.

Regierung und Parlament wollen der St. Alban-Vorstadt ein neues Erscheinungsbild verpassen. Dagegen wehrt sich eine Gruppe von Anwohnern.

PRO: «Eine attraktive Basler Altstadt für uns alle»

SP-Grossrätin und Anwohnerin Lisa Mathys sieht in der geplanten Umgestaltung eine grosse Chance für die St. Alban-Vorstadt

Heute gibt die St Alban-Vorstadt ein eher tristes Bild ab: Die von so vielen historischen Häusern gesäumte Strasse hat dringenden Sanierungsbedarf. Der Belag ist ein löchriger Flickenteppich. Auch die Werkleitungen müssen ersetzt werden. So bietet sich die Chance, aus diesem vernachlässigten Teil der Altstadt wieder eine Visitenkarte zu machen.

Das vorgesehene Gestaltungskonzept ist nicht neu: Rittergasse, Martinsgasse, Münsterberg, Spalenberg, Malzgasse, Augustinergasse… Kurz: In vielen der schönsten Altstadt-Strassen wurde es bereits umgesetzt. Die Eckwerte: Fahrbahn ohne Absätze und Hindernisse, flache Wackenstein-Pflästerung an den Seiten, asphaltierter Streifen in der Mitte, Begegnungszone (Tempo 20, Fussgängervortritt). So lädt die «Dalbe» in Zukunft zum Flanieren ein – vom Kunstmuseum ins Dalbeloch oder bis zum St. Alban-Tor.

Heute ist diese Strecke zu Fuss ein Balance-Akt auf viel zu schmalen Trottoirs. Kommt jemand entgegen, muss man auf die Fahrbahn ausweichen, wo man heute keinen Vortritt hat. Das ist gefährlich. Kein Durchkommen gibt es für Rollstühle und Kinderwagen: Wenn etwa Bebbi-Säcke draussen stehen, reicht für sie auch an breiteren Stellen der Platz auf dem Trottoir nicht aus. Das sind unzumutbare Bedingungen.

Die neue Gestaltung ermöglicht eine vielfältigere Nutzung der ganzen Strassenbreite und die historischen Bauten kommen erst noch besser zur Geltung als heute – wie auch die vielen schönen Lädeli. Man wird endlich stehen bleiben können, um eines der liebevoll gestalteten Schaufenster zu bestaunen. Das ist heute ab Schöneck-Brunnen kaum möglich, ohne dass man das viel zu schmale Trottoir für andere blockiert. Der Platzgewinn bietet mehr Aufenthaltsqualität für alle – sowohl für die Anwohnenden als auch für Besucherinnen und Touristen. Mehr Platz für Begegnung!

Begegnungszonen sind nicht nur in der Schweiz beliebt, sie werden auch auf Wunsch der lokalen Bevölkerung immer mehr. Kein Wunder: Verkehrsberuhigte Strassen gewinnen sowohl an Lebensqualität als auch an Verkehrssicherheit. In Strassen mit Fussgängervortritt verhalten sich die rollenden Verkehrsteilnehmenden automatisch umsichtiger. Das wird auch in der St. Alban-Vorstadt so sein. Zudem dürfte – als angenehmer Nebeneffekt – unnötiger Verkehr verschwinden, der nicht hierher gehört.

Die private Beratungsstelle für Unfallverhütung hält in ihrem Bericht zu diesem Projekt fest, es erhöhe die Sicherheit «in hohem Mass». Und damit sich alle der Verkehrsregeln einer Begegnungszone bewusst sind und vor Ort informiert werden können, hat das Parlament zusätzlich Geld gesprochen. So übrigens auch für Steinpoller um den Schöneck-Brunnen und an anderen Stellen, falls sich eine Abgrenzung zum rollenden Verkehr als nötig erweisen sollte.

Nutzen wir die Chance für eine einladende Dalbe! Geben wir der St. Alban-Vorstadt ein freundliches Gesicht und den Menschen mehr Platz. Am 10. Februar 2019 «Ja» zu den «Massnahmen zugunsten des Fuss- und Veloverkehrs in der St. Alban-Vorstadt».


KONTRA: «Nein zur Umgestaltung der Basler Vorstädte»

Lukas Linder, Obmann des Vereins «Komitee Erhalt der Trottoirs!» fürchtet um die Sicherheit der Anwohner der St. Alban-Vorstadt

Vorstädte sind seit je her lebendige Ausfall- und Durchgangsstrassen. Hier leben steuerzahlende Einwohnerinnen und Einwohner, haben Gewerbetreibende ihren Betrieb und Kitas, Schulen, Alters- und Pflegeheime sind ansässig. Namentlich in der St. Alban-Vorstadt erfreut sich zudem der prächtige Schöneck-Brunnen besonders im Sommer grosser Beliebtheit, wo Alt und Jung im kühlenden Nass baden.

Die Sicherheit aller Menschen ist von grösster Bedeutung. Diese wird heute durch Trottoirs gewährleistet, oder – wie beim erwähnten Schöneck-Brunnen – durch die abgesetzte Pflästerung. Diese Trottoirs abzuschaffen ist verantwortungslos und fahrlässig. Sie geben Betagten, Kindern und mobilitätsreduzierten Menschen mit Rollatoren oder Rollstühlen, Sehbehinderten sowie Eltern mit ihren Kinderwagen ein Sicherheitsgefühl.

Die Begegnung in den Vorstädten leben die Anwohnerinnen und Anwohner oft schon seit Generationen. Hier und in der ganzen Stadt aufgrund von «Normen» die historisch gewachsenen Strassenzüge zu vereinheitlichen, entbehrt gesunden Menschenverstands: Wenn eine Vorstadt der «Norm» entsprechen soll, müsste man nämlich zuerst sämtliche Gebäude abreissen, da diese keiner heutigen baulichen Norm entsprechen und zudem oft am «falschen» Ort stehen.

Das selbe Bau- und Verkehrsdepartment, welches bei jedem Bauvorhaben eines privaten Hauseigentümers von Amtes wegen mitredet, ignoriert geflissentlich das in § 55 der Kantonsverfassung verbriefte Mitwirkungsrecht der betroffenen Anwohner in den Quartieren! So wurde namentlich das Projekt zur Umgestaltung der St. Alban-Vorstadt ohne Einbezug der Bevölkerung erarbeitet.

Erst aufgrund einer Petition hat das Departement eine Informationsveranstaltung durchgeführt, an der das Projekt vorgestellt wurde, eine Mitwirkung aber nicht möglich war. Die Sorgen und Bedürfnisse der Anwohner wurden nicht berücksichtigt, und das Projekt praktisch unverändert durch den Grossen Rat gebracht. Wir erwarten, dass alle betroffenen Anwohner von zukünftigen Bauprojekten im Kantonsgebiet mehr mitwirken und mitreden können!

Das Departement plant Umgestaltungen der ganzen St. Alban-, der St. Johanns-, der Spalen-Vorstadt und des Mühlenbergs; die Hebelstrasse wurde schon ihrer Trottoirs beraubt, die Malzgasse (bis zur Lautengartenstrasse) wurde mit einem budgetierten Betrag von gut 970'000 Franken ohne Einbezug des Grossen Rates geschweige der Anwohner umgestaltet.

Das Projekt Umgestaltung der St. Alban-Vorstadt ist eine teure Luxussanierung. Alleine für die ersten etwa 250 Meter der St. Alban-Vorstadt, vom Kunstmuseum bis zur Malzgasse, wird die Umgestaltung ohne Leitungsbau mit 3'121'000 Franken veranschlagt. Das entspricht einem Preis von 12'484 Franken je Laufmeter oder ungefähr dem Doppelten eines durchschnittlichen Basler Monatsgehalts.

Das Komitee «Erhalt der Trottoirs!» ist deshalb der Auffassung, dass der Beschluss des Grossen Rates anlässlich der Volksabstimmung am 10. Februar 2019 mit einem überzeugten «Nein» abzulehnen ist.

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