Chrämerhuus
Eigenes Liedgut zwischen Realität und Skurrilität bei den Kummerbuben

Die Kummerbuben waren mit ihrem dritten Album «Weidwund» zu Gast. Im Wesentlichen geht es um Begegnungen mit vom Leben gezeichneten Gestalten.

Bettina Nägeli
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Die Kummerbuben um Sänger Simon Jäggi (vorne) überzeugen mit ihrem neusten Album auch im «Chrämi».

Die Kummerbuben um Sänger Simon Jäggi (vorne) überzeugen mit ihrem neusten Album auch im «Chrämi».

Zur Verfügung gestellt

Die sechs Mannen vorne auf der Bühne machten einen schmächtigen, ja gar harmlosen Anblick, der jedoch – der Kenner wusste es bereits, der Neuling würde es sogleich bemerken – trügte: Rauchig verwegen und gleichzeitig sehnsüchtig die Stimme Simon Jäggis, harmonisch aufeinander abgestimmt und gleichsam Grenzen austestend das Zusammenspiel der fünf Musizierenden. In gewohnter Manier wussten die Kummerbuben am Karfreitagabend das Publikum im Chrämerhuus zu packen, begonnen beim sagenhaften «Mondfisch» und einer Betrachtung der Heimtücke des Absinths.

Wer vordergründig auf Zeilen aus traditionellem Volksliedtum, die seit 2007 den Ruf der Kummerbuben ausmachten, wartete, tat dies vergebens: «Weidwund», das dritte und kürzlich getaufte Album des Berner Sextetts, knüpft zwar an die ambivalente Stimmung seiner beiden Vorgänger an, schöpft seine Inhalte jedoch aus einer – mindestens ebenso ergiebigen – Fundgrube: dem Leben.

«Weidwunde» Protagonisten

Irgendwo zwischen dem Pol der Realität und jenem der Skurrilität positionierte sich dann das zu Hörende: Da begegnete man etwa Küre Schneider, einem dieser «Helde vom Dorf», der jahrelang in Gestalt des Obi-Bibers als YB-Maskottchen fungierte.

In der Geschichte der Kummerbuben bewirkt der Wechsel des Hauptsponsors nicht etwa Küres Ende als Biber, sondern vielmehr dessen vollständiges Aufgehen in der Rolle desselben. An anderer Stelle traf das Publikum auf den ehrenwerten Metzgermeister Lüthi, der in Melancholie schwelgend das Ende des «Schlachthof Nord» miterlebt. Begegnungen mit vom Leben gezeichneten Gestalten, mit verkannten Helden – mit «weidwunden» Protagonisten eben – gab es an diesem Abend so manche.

«Das vormalige Konzept der ‹Verrumpelung› alter Volkslieder hat für uns seinen künstlerischen Reiz verloren», so Frontmann Jäggi zur Begründung der kummerbubschen Neuorientierung. Er, der als Geschichtenerzähler fungiert, sprich aus dessen Feder die neuen Texte stammen, arbeitet mit Bildern als Ausgangspunkte. Dies schien sich augenblicklich in seiner Umkehrung auf das Publikum zu übertragen: Die Ausdrücke auf den Gesichtern, von andächtig in die Leere blickend über wohlwissend schmunzelnd bis hin zu ausgelassen lachend, zeugten vom ausgelösten Kopfkino.

Ohne Akkordeon, dafür mit Gitarre

Die wirkungsvollen Worte waren verpackt in ebenso effektive Klanggewänder: Ohne das Akkordeon von Mario Batkovic und damit zulasten des einst kennzeichnenden Balkaneinflusses, dafür mit Gitarrenvirtuose Moritz Alfons zugunsten differenzierterer Arrangements.

Das musikalisch auf der Bühne Dargebotene lässt sich in der Konsequenz kaum mit einem einzigen Begriff charakterisieren; zu vielfältig, zu bunt erschien es. Unter der tiefen Holzdecke erfüllten feinste Balladen den Raum, brachten mitreissende Tanznummern denselben zum Erbeben. Virtuose Saxofonsoli, markante Banjoklänge, eingängiges Klarinettenspiel und wuchtige Paukenschläge liessen die lauschende Schar in eine Klangwelt eintauchen, um nur für den Hauch eines Moments wieder aufzutauchen und sogleich von der nächsten verschluckt zu werden.

Musikalische Variabilität

Keiner vermisste sie, die Schweizer Volkslieder, die einst das Charakteristikum der Kummerbuben darstellten und auch an diesem Abend vereinzelt gespielt wurden. Die aus dem Leben gegriffenen Geschichten, einmal abstrahiert, ein anderes Mal surrealistisch, gepaart mit der musikalischen Variabilität haben sich als neues Signum der Band etabliert.