Rüschlikon
Gottlieb Duttweilers Geist lebt auch an seinem 125. Geburtstag noch weiter

Sein nun nahender 125. Geburtstag bietet Anlass für eine Spurensuche. Sie führt nach Rüschlikon, genauer: in den Park «im Grüene», im Volksmund auch «Duttipark» genannt.

Matthias Scharrer
Drucken
Teilen
Park im Grünen
6 Bilder
Wunderbare Aussicht auf den Zürichsee
Gottlieb Duttweiler Institut
Kasperlitheater
Duttis Büste
Miniatureisenbahn für Kinder

Park im Grünen

Limmattaler Zeitung

In den Stimmen der Besucher, die an diesem Nachmittag im Rüschliker Strohhaus sind, schwingt Ehrfurcht mit: «Er war schon ein Eigenwilliger», meint ein älterer Mann. «Das ist halt so bei Genies», ergänzt eine Frau, die sich eben noch über eine Vitrine mit Handschriften und einer alten tragbaren Maschine zum Kaffeerösten gebeugt hat. Die Rede ist von Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler, der im August vor 125 Jahren in Zürich zur Welt kam - und von vielen trotz aller Verehrung immer noch kumpelhaft «Dutti» genannt wird.

«Dutti» bleibt eine Ausnahmeerscheinung, auch 51 Jahre nach seinem Tod: Mit Migros revolutionierte er das Einkaufen in der Schweiz. Mit Hotelplan leitete er hierzulande das Zeitalter des Massentourismus ein. Kurz vor seinem Tod legte er den Grundstein für das Gottlieb Duttweiler Institut (GDI), den ersten privaten Think Tank der Schweiz. Daneben war der Zürcher über Jahrzehnte National- und Ständerat für den von ihm gegründeten Landesring der Unabhängigen (LdU) - um nur einige Aspekte seines Wirkens zu nennen.

Der 125. Geburtstag

Sein nun nahender 125. Geburtstag bietet Anlass für eine Spurensuche. Sie führt nach Rüschlikon, genauer: in den Park «im Grüene», im Volksmund auch «Duttipark».

Hoch über dem Zürichsee und gleich unterhalb der Autobahn nach Chur gelegen, ist der Park heute in erster Linie ein Ausflugs- und Freizeitort für Familien. Kinder können hier auf einer Miniatur-Eisenbahn fahren, an schönen Mittwoch- und Sonntagnachmittagen Esel reiten und Kasperlitheater gucken - oder einfach auf den Wiesen herumtollen. Natürlich gibts auch ein Restaurant. Und im Strohhaus, wo Gottlieb Duttweiler oft mit seiner Frau Adele zusammensass und neue Ideen besprach, bietet eine kleine Ausstellung Einblicke in sein ungewöhnliches Leben.

Der Park an sich zeugt bereits von «Duttis» Geist, zu dem nebst kaufmännischem Kalkül auch die grosszügige Geste des Schenkens gehörte: Nachdem der Unternehmer ihn ursprünglich als private Anlage hatte gestalten lassen, machte er das Areal 1946 unentgeltlich für alle zugänglich. Fünf Jahre zuvor hatte er die Migros AG in eine Genossenschaft umgewandelt und die Anteilscheine an seine Kunden verschenkt. Der Park wird seit der Gründung aus dem Migros-Kulturprozent finanziert - einer weiteren «Dutti»-Erfindung.

«Fast alles von Duttweilers Denken ist noch aktuell»

Ob Migros, «Duttipark», Kulturprozent oder GDI - viele der von Duttweiler gegründeten Institutionen haben weiterhin Bestand. Doch wie weit ist das Denken ihres Gründers noch aktuell? Ich klopfe beim GDI an, das am Rande des Parks «im Grüene» liegt. Das Entrée ist lichtdurchflutet: Raumhohe Fenster, weisse Wände, ein grüner Teppich auf Steinboden und Ledersofas prägen den Raum. Mohnblumen im Foyer erinnern an die Blumen-Aquarelle, die Adele Duttweiler malte. «Dutti ist immer präsent», sagt die Dame am Empfang lachend und deutet auf die bronzene Duttweiler-Büste, die auf einen Balken an der Wand geschraubt ist.

Zur Frage nach «Duttis» Aktualität gibt spontan Alessandro D'Elia Auskunft. Er ist bereichsübergreifend für die Unternehmensentwicklung des GDI verantwortlich. «Fast alles von Duttweilers Denken ist noch aktuell», sagt er. Und präzisiert: «Besonders die Idee, Konsumenten und Produzenten einander näher zu bringen.» Mit selber produzierten Waren den preistreibenden Zwischenhandel auszuschalten war eine der Grundideen des Migrosgründers. Durch Online-Shopping habe diese Entwicklung neuen Auftrieb erhalten, erklärt D'Elia: «Der Produzent hat vermehrt Macht.» Das zeige sich auch daran, dass Direktverkauf und Tante-Emma-Läden auf dem Vormarsch seien. Grosse Einkaufszentren auf der grünen Wiese hingegen hätten weniger Zukunft - nicht zuletzt aufgrund der steigenden Benzinpreise.

Kasperli mit Briefkasten

Und noch etwas bleibe aktuell: das Gedankengut der Gemeinsamkeit. «Duttweiler hat den Konsumenten immer als Teil der Gesellschaft verstanden. Er war ein knallharter Geschäftsmann, wusste aber, dass er einen grossen Teil zurückgeben musste - nicht aus Opportunität, sondern aus Überzeugung.»

Aus Begegnungen gemeinsam etwas weiterentwickeln: Diese Grundidee liege übrigens auch dem GDI zugrunde, das als Trendforschungsinstitut und als Begegnungsort diene. Draussen im Park beginnt gerade das Kasperlitheater. Begegnung und Austausch zwischen Konsumenten und Produzenten auch hier: «Kasperlipost» steht auf einem gelben Kasten, der links von der Bühne montiert ist. Kasperli quasselt nicht nur - er hat auch einen Briefkasten.

Aktuelle Nachrichten