Elysée-moi!
Humor ist, wenn es trotzdem kracht

The Economist fällt in seiner neuen Titelgeschichte über die "frivolen" Franzosen her. Die rächen sich mit britischem Humor.

Stefan Brändle
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The Economist - «Déjeuner sur l'herbe»

The Economist - «Déjeuner sur l'herbe»

Zur Verfügung gestellt

Dass sich Briten und Franzosen in einer herzlichen Hassliebe verbunden sind, ist nicht neu: Die ersten Aversionen dieser Art dürften 1066 bei der Schlacht von Hastings entstanden sein, wo die Normannen aus Frankreich die Angelsachsen schlugen. Heute noch macht sich The Economist ein Vergnügen daraus, dem gallischen Gockel eins auf die Federpracht zu geben, zumal dieser so gar nicht den liberalen Rezepten des Londoner Vordenkermagazins gehorchen will.

The Economist - Déjeuner sur l'herbe

The Economist - Déjeuner sur l'herbe

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Diesmal retouchierten die Briten Manets Gemälde «Déjeuner sur l'herbe»: Nicolas Sarkozy und François Hollande turteln darauf mit einer nackten Dame, die in britischer Vorstellung nur die Marianne sein kann, die Verkörperung Frankreichs. Dazu die Headline: «Frankreich in Selbstverleugnung. Die frivolste Wahl des Westens.» Im dreiseitigen Text wird ausgeführt, Frankreichs Präsidentschaftskandidaten verneinten die gravierendsten Probleme des Landes, so die miese Wettbewerbsfähigkeit, die hohe Arbeitslosigkeit, die noch höhere Steuerlast und die geradezu horrende Staatsschuld. Würde der Sozialist François Hollande Präsident, prophezeit The Economist ein Desaster, im Fall der Wiederwahl von Nicolas Sarkozy eine neue Euro-Krise; nur François Bayrou - der wohl ohnehin nie Präsident wird - findet in London ein Minimum an Gnade, weil er die Staatsausgaben um 50 Milliarden Euro kappen will.

Wie immer, wenn The Economist Frankreich-Bashing betreibt, folgt die Reaktion auf dem Fuss. Im Figaro, dessen Online-Ausgabe als erste die Economist-Ausgabe auf Französisch übertrug, gab es am Freitag binnen Stunden Zehntausende von Klicks und Hunderte von Reaktionen. Viele entrüstet: «Die Engländer wollen sich noch heute für Hastings rächen.» Andere verständnisvoll: «Die Kandidaten haben - wie die Franzosen generell - das gravierende Ausmass der Lage noch nicht realisiert.» Einer mit gutfranzösischem Doppelsinn: «Die Franzosen haben durchaus kapiert, aber sie wissen auch, dass die Kandidaten vor einer Wahl nie die Wahrheit sagen.»
Viele Franzosen kontern mit schwarzem, das heisst echt britischem Humor. Eine Französin, die sich bewusst als solche outet, gibt den alten Joke zum besten: «Warum haben die Franzosen den Hahn als Emblem gewählt? Weil es das einzige Getier ist, das auch dann singt, wenn seine Füsse im Mist stecken.»

Ein Landsmann erinnert an den Spruch des legendären französischen Komikers Coluche: «Frankreich geht es besser! Einverstanden, nicht besser als das letzte Jahr, sondern besser als das nächste Jahr.»

Ein weiterer bringt es noch kürzer (und aktueller): «Was ist der Unterschied zwischen Griechenland und Frankreich? Zwei Jahre.»

Sagt da noch jemand, die Frauzosen seien nicht in der Lage, sich und ihr Selbstbewusstsein auf die Schippe zu nehmen?

28. März 2012

Der gefährliche Jean-Luc

Im französischen Wahlkampf dominierte bisher der Kampf um rechte Wählerstimmen. Jetzt kommt aber auch Bewegung in die linken Fronten.

Jean-Luc Mélenchon

Jean-Luc Mélenchon

Die französischen Medien nennen ihn schon den dritten Mann: Jean-Luc Mélenchon, Präsidentschaftskandidat der "Linksfront" legt in den Meinungsumfragen immer mehr zu. Der 60-jährige Ex-Sozialist bewirbt sich heute für die Kommunisten und seine Parti de Gauche, die Oskar Lafontaines "Linker" nachempfunden ist; und er kommt nun auf etwa 15 Prozent der Umfragestimmen und liegt damit teilweise im dritten Rang - vor der Rechtsextremistin Marine Le Pen und dem Mittepolitiker François Bayrou.

Noch liegt Mélenchon weit hinter den beiden Frontrunnern François Hollande und Nicolas Sarkozy (je ungefähr 28 Prozent) zurück, was die Vorhersagen für den ersten Wahlgang am 22. April betrifft. Doch die Dynamik ist klar auf seiner Seite. Vor ein paar Tagen vereinigte der Mann mit der roten Krawatte mehrere zehntausend Anhänger an der Place de la Bastille in Paris, wo es nicht an revolutionären Anleihen fehlte und Mélenchon zum "Bürgeraufstand" aufrief. Am Dienstagabend ist er in Lille (Nordfrankreich) aufgetreten - und zu seiner eigenen Überraschung strömten weit über 10 000 Besucher herbei.

Zu Tränen gerührt ob dieses Ansturms, trat Mélenchon vor den Versammlungsraum, wo die überzähligen Anhänger warteten. "Der Fluss ist aus seinem Bett getreten", rief er in seiner pathetischen Art aus und kündigte bereits seinen Einzug in die Stichwahl an, nachdem er minutenlang über seine Lieblingszielscheibe, die „Schakale des Front National", hergefallen war.

Solche spontanen Auftritte wirken viel stärker als die oft bemühenden, millimetergenau kalibrierten Inszenierungen der beiden Spitzenkandidaten. Mélenchon ist ein Volkstribun, und mit seiner grimmig-verdriesslichen Art verkörpert er fast perfekt den "râleur", den französischen Stänkerer.

Dazwischen schimmert immer wieder sein schräger Humor durch. "We are very dangerous" (wir sind sehr gefährlich) meinte er in Lille in schlechtestem Englisch.

Das war eine Replik auf eine Bemerkung Hollandes, der in London erklärt hatte: "I am not dangerous" - was den britischen Investoren die Angst vor einem Wahlsieg der französischen Sozialisten nehmen sollte.

In Paris kam Hollandes Satz aber als Kniefall vor den Finanzmärkten an, was Mélenchon nun genüsslich ausnützt. Seine Verballhornung in Lille war aber auch auf die Umfragen gemünzt: Der Kandidat der französischen Linkspartei könnte Hollande bald einmal gefährlicher werden, als diesem lieb ist. An sich hat der pragmatische Spitzenreiter des Parti Socialiste nichts dagegen, wenn Mélenchon seine linke Flanke abdeckt - und im zweiten Wahlgang dann zu seiner Wahl aufruft, um die Wiederwahl Sarkozys zu verhindern.

Wenn aber Mélenchon immer stärker wird und dem blassen Hollande im ersten Wahlgang zunehmend Stimmen wegnimmt, dürfte dieser nur noch als Zweitplatzierter hinter Sarkozy in die Stichwahl einziehen. Für Hollande wäre das ein psychologisch starkes Handikap.

Einzelne PS-Vertreter suchen deshalb diskret Kontakte zum Mélenchon-Lager zu knüpfen, um eine Selbstzerfleischung der Linken zu verhindern. Doch Mélenchon will von solcher Taktiererei nichts wissen; in Lille betitelte er seine früheren Parteifreunde PS-Genossen nur als "grosse Lügner". In einem Interview hatte er schon erzählt, wie ihn Hollande reinzulegen versucht habe:

Das Hollande-Lager lernt wieder eine alte Weisheit: Mit Partei-Dissidenten ist selten gut Kirschen essen.