Naturschutz
Mit Schutzverordnung: Dietiker Moor soll bald besser geschützt sein

Der Kanton legt nach langer Zeit eine Schutzverordnung für das Dietiker Flachmoor Schachen vor.

Tobias Hänni
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Natur trifft auf Gewerbe: Das Flachmoor Schachen in Dietikon grenzt unmittelbar an intensiv genutztes Siedlungsgebiet an.

Natur trifft auf Gewerbe: Das Flachmoor Schachen in Dietikon grenzt unmittelbar an intensiv genutztes Siedlungsgebiet an.

Zur Verfügung gestellt

Es sind gute Nachrichten für den Eisvogel, die kleine Zangenlibelle, die sibirische Schwertlilie und andere, teils seltene Tier- und Pflanzenarten, die im Dietiker Flachmoor Schachen zu Hause sind: Der Kanton Zürich hat gestern mit der Stadt Dietikon eine Verordnung vorgestellt, die das Moor von nationaler Bedeutung unter Schutz stellt – mit einer Verspätung von 19 Jahren (siehe Kasten). Das ist nicht nur für Flora und Fauna im Gebiet erfreulich, sondern auch für Dietikon. Tritt die Verordnung in Kraft, kann die Stadt die Arbeit am blockierten Gestaltungsplan für das Industriegebiet Silbern-Lerzen-Stierenmatt (SLS) wieder aufnehmen. Gegen den Plan hatten der Schweizer Vogelschutz und Pro Natura wegen des fehlenden Moorschutzes rekurriert. Der Rekurs ist derzeit sistiert.

Schutz- und Pufferzonen für das Dietiker Moorgebiet

Schutz- und Pufferzonen für das Dietiker Moorgebiet

Fachstelle Naturschutz des Kantons Zürich

«Aus Sicht der Stadt war es wichtig, dass es eine klare und eindeutige Regelung gibt, die möglichst schnell umgesetzt werden kann», sagte Dietikons Stadtplaner Jürg Bösch zur Verordnung, die ab heute öffentlich aufliegt. Der vorliegende Entwurf ermögliche die Koexistenz von Natur und wirtschaftlicher Nutzung im SLS-Gebiet und gebe den dortigen Eigentümern und der Stadt Planungssicherheit. «Nach Inkraftsetzung der Verordnung werden wir den Gestaltungsplan anpassen», erläuterte Bösch den nächsten Schritt. Grosse Änderungen werde es dabei aber nicht geben. «Wir werden uns die geplanten Standorte für Hochhäuser nochmals anschauen.» Abgesehen davon werde der neue Plan lediglich auf die Schutzverordnung hinweisen. «Da sie die Einschränkungen und Vorschriften abschliessend regelt, müssen diese nicht auch noch in den Plan einfliessen», so Bösch.

Festhalten will die Stadt an den Plänen für ein neues Schulhaus in der Stierenmatt. «Wir sind der Ansicht, dass ein Schulhaus mit der Schutzverordnung vereinbar ist», sagte Bösch zu dem Projekt, das in der Nähe des städtischen Werkhofs realisiert werden soll.

Verschiedene Puffer definiert

Der Werkhof selber ragt, wie andere Gebäude im SLS-Gebiet, teils in die zehn Meter breite Nährstoff-Pufferzone hinein, die mit der Verordnung rund um das Moorschutzgebiet definiert wurde. Der Puffer soll verhindern, dass unerwünschte Nährstoffe ins Moor gelangen und dient als Lebensraum zwischen Siedlungs- und Schutzgebiet. Neben dem Düngen und dem Pflanzen von Bäumen ist in dem Puffer jegliche Art von Gebäuden verboten. Die Eigentümer der betroffenen Liegenschaften müssen jedoch keine Anpassungen vornehmen. «Für bestehende Gebäude gilt eine Bestandesgarantie», sagte Martin Graf, stellvertretender Leiter der kantonalen Fachstelle Naturschutz. Die Verordnung komme bei diesen Gebäuden nur bei bewilligungspflichtigen Veränderungen zur Anwendung.

Beim Bau neuer Gebäude müssen die Vorschriften der Verordnung hingegen in jedem Fall beachtet werden. Dabei gilt: Es gibt keine Güterabwägung. «Da er in der Verfassung verankert ist, hat der Schutz des Moors Vorrang vor anderen Interessen», sagte Stadtplaner Bösch. Für Neubauten im SLS-Gebiet unterscheidet die Verordnung dabei zwischen verschiedenen Zonen. Neben der relativ schmalen Nährstoff-Pufferzone legt sie noch einen sogenannten Störungspuffer sowie einen hydrologischen Puffer fest. Im Störungspuffer, der über die Hälfte des Industriegebiets umfasst, dürfen – zur Minimierung der Lichtverschmutzung – beispielsweise Gebäude in Richtung Moor nur die gesetzlich vorgeschriebene Mindestanzahl Fenster aufweisen. Auch die Maximalhöhe ist, wegen der Beschattung des Moors, beschränkt, wobei mit zunehmenden Abstand zur Schutzzone auch die erlaubte Höhe zunimmt. In der hydrologischen Zone, die über das bestehende Industriegebiet hinausgeht, sind wiederum Gebäude verboten, die den Wasserhaushalt des Moors beeinträchtigen könnten. Bei unterirdischen Bauten, die unter den Grundwasserspiegel reichen, muss etwa nachgewiesen werden, dass sie keine Zuflüsse zum Moor blockieren.

Erlass bis Ende Jahr

Laut Graf von der Fachstelle Naturschutz stiess der Kanton bei der Erarbeitung der Schutzverordnung auf die grosse Herausforderung, «den verschiedenen Interessen im Gebiet gerecht zu werden». Einerseits weise es eine wertvolle Natur auf, anderseits sei es ein wichtiges Arbeitsplatz- und Investitionsgebiet. «Dass ein nationales Flachmoor derart nahe bei einem Siedlungsgebiet liegt, ist selten. Die Arbeit an der Verordnung war für den Kanton deshalb ziemliches Neuland», sagte Graf.

Der Entwurf der «Schutzverordnung Limmataltläufe», die auch kleine Gebiete auf Geroldswiler und Oetwiler Boden umfasst, liegt bis Ende Mai öffentlich auf. Während dieser Zeit können schriftliche Einwendungen gemacht werden. Laut Graf sollen diese bis nach den Sommerferien «gewürdigt» werden, «bis Ende Jahr wollen wir die Verordnung erlassen.» Wann sie letztlich in Kraft gesetzt werde, hänge davon ab, ob Rekurse dagegen eingehen.

Genaustens geprüft wird die Verordnung nun nicht zuletzt vom Vogelschutz Schweiz. «Abgesehen von der Möglichkeit zur Stellungnahme zu einem früheren Entwurf wurden wir nicht in die Erarbeitung miteinbezogen», sagt die stellvertretende Geschäftsführerin Christa Glauser. Das sei erstaunlich, da man zusammen mit Pro Natura gegen den Gestaltungsplan rekurriert habe. Laut Glauser bleibt der Rekurs sistiert, bis die Schutzverordnung steht. «Zunächst prüfen wir nun, ob sie abdeckt, was sie abdecken müsste.»

Der lange Weg zur Moorschutzverordnung

Schon 1958 scheidet der Zürcher Regierungsrat in der Schachen ein Naturschutzreservat aus. Dieses enthält aber noch keinen Moorschutz.

1980 wird die Moor- und Auenlandschaft vom Kanton als Natur- und Landschaftsschutzgebiete von überkommunaler Bedeutung definiert.

1994 legt der Bund ein Inventar mit Flachmooren von nationaler Bedeutung an. In dieses wird auch das Moor Schachen aufgenommen. Der Bund verpflichtet die Kantone, die Moore innert dreier Jahre formell mit einer Verordnung zu schützen. Der Kanton Zürich kommt dem beim Dietiker Moor jahrelang nicht nach.

Erst als sich 2012 die Dietiker Stimmbevölkerung für den Gestaltungsplan Silbern-Lerzen-Stierenmatt ausspricht, wird die fehlende Schutzverordnung zum Thema. Aufgrund des mangelnden Moorschutzes reichen der Schweizer Vogelschutz und Pro Natura Rekurs gegen den Gestaltungsplan ein. Die beiden Organisationen kritisieren unter anderem, dass der Plan die gesetzlich vorgeschriebenen Mindestabstände zum Moor nicht einhält und mit dem Bau von bis zu 50 Meter hohen Gebäude gegen die Schutzziele verstösst. Aufgrund des Rekurses wird der Gestaltungsplan vorerst auf Eis gelegt, und der Kanton nimmt die Arbeit an der Schutzverordnung auf.

Im Juni 2014 landet das Dietiker Flachmoor auf der Traktandenliste des Kantonsrats. Mit grosser Mehrheit überweist der Rat ein Postulat der beiden SP-Gemeinderätinnen Rosmarie Joss (Dietikon) und Sabine Ziegler (Zürich), das die Regierung verpflichtet, so schnell wie möglich eine Schutzverordnung zu erlassen.

Anfang 2015 beteiligt sich die Stadt Dietikon mit 15000 Franken an der Ausarbeitung der Schutzverordnung. Schon damals hiess es vonseiten des Kantons, man wolle die Verordnung noch im selben Jahr öffentlich auflegen. (hae)