Übernahme

137 Jahre lang war Möbel Pfister unverkäuflich – das änderte sich im Sommer durch diesen Kniff

Die weit grössere XXXLutz-Gruppe aus Österreich kauft das weit kleinere Aargauer Einrichtungshaus Möbel Pfister.

Die weit grössere XXXLutz-Gruppe aus Österreich kauft das weit kleinere Aargauer Einrichtungshaus Möbel Pfister.

Die österreichische XXXLutz-Gruppe kann dank der Übernahme des Aargauer Möbelhauses bei der Eroberung des Schweizer Marktes eine Abkürzung nehmen. Die Mitarbeiter müssen vorerst nicht um ihre Stelle bangen – und erhalten ein Geschenk.

In einer Marktwirtschaft hat alles seinen Preis. Das gilt auch für die Möbel-Pfister-Gruppe, die sich unter Verweis auf ihre besondere Eigentümerkonstruktion stets als unverkäuflich dargestellt hat. Noch vor zwei Jahren sagte der Präsident des Verwaltungsrates der F.-G.-Pfister-Holding dieser Zeitung auf die Frage, wie er auf ein Kaufangebot des US-Onlinehändlers Amazon reagieren würde: «Dann würden wir uns gebauchpinselt fühlen. Aber in unserer Stiftungsurkunde heisst es klipp und klar, dass wir nicht verkäuflich sind. Unmöglich, selbst wenn wir wollten! Wir haben das Erbe von Fritz Gottlieb Pfister zu vollziehen. De facto gehört die Firma den Mitarbeitenden.»

Wie sich nun zeigt, sind auch Stiftungsurkunden nicht in Stein gemeisselt, wie Corina Eichenberger an einer Medienkonferenz einräumen musste. Die langjährige Aargauer FDP-Nationalrätin ist seit Anfang Juli Präsidentin der Pfister-Stiftung. Bis vor kurzem lautete der Zweck der Stiftung simpel: Sicherung der Selbstständigkeit und Kontinuität der Holding sowie Vorsorge und Wohlfahrt der Mitarbeitenden. Der klare Auftrag hatte seinen guten Grund. Seit der Firmengründer 1966 die Aktien seiner Firma an die Fürsorgestiftung der Möbel Pfister AG verkaufte, gehört diese ihren Mitarbeitenden.

Die Österreicher machten lange einen Bogen um die Schweiz

Nun hat der Stiftungsrat diesen Wunsch neu interpretiert. Per 18. Juni 2019 hat er den Auftrag wie folgt ergänzt: «Sicherung der Selbstständigkeit und Kontinuität der F.-G.-Pfister-Holding AG, in dem sie die Aktionärsrechte an dieser Gesellschaft derart ausübt, dass das Gedeihen der Unternehmensgruppe auf die bestmögliche Weise gewährleistet wird.»

Die Konsequenz dieser kleinen Änderung ist der Verkauf des traditionsreichen Aargauer Einrichtungshauses. Neue Eigentümerin wird die XXXLutz-Gruppe. Die Österreicher sind nach Ikea die zweitgrösste Möbelhändlerin Europas. XXXLutz ist mit 22 000 Mitarbeitern in 12 Ländern und 297 Filialen ein Branchenriese. Möbel Pfister kommt mit 1800 Mitarbeitern, 20 Filialen und den Marken Hubacher, Egger und Svoboda auf einen geschätzten Jahresumsatz von lediglich gut 500 Millionen Franken. Pfister gibt keine Zahlen bekannt.

«Wir glauben, das Management muss im Land bleiben»: XXXLutz-Sprecher Thomas Saliger erklärt die Firma, die Möbel Pfister gekauft hat

«Wir glauben, das Management muss im Land bleiben»: XXXLutz-Sprecher Thomas Saliger erklärt die Firma, die Möbel Pfister gekauft hat

    

Doch im Schweizer Markt bringt die Firma weit mehr Gewicht auf die Waage als ihre neue Besitzerin. Mit einem geschätzten Marktanteil von gegen 15 Prozent gehört Möbel Pfister zu den engsten Verfolgern von Ikea.

Das wussten auch Andreas und Richard Seifert, die Eigentümer der XXXLutz-Gruppe. Sie konnten die Firma 1973 von ihrer Mutter übernehmen. Nach der Erbschaft gingen die Brüder auf Expansionstour in Europa. Nach Deutschland folgten die umliegenden Nachbarstaaten im Osten, später Skandinavien.

Nur um die Schweiz machten sie stets einen Bogen – trotz der Nähe und einer weit überdurchschnittlich kaufkräftigen Kundschaft. «Möbel Pfister ist ein sehr starker lokaler Anbieter, da überlegt man sich lange und gut, ob man investieren soll», erklärte der Lutz-Gesandte Thomas Saliger die Zurückhaltung seiner Patrons.

Möbel Pfister – historische Aufnahmen:

Zweimal in fünf Jahren den Chef ausgewechselt

Im letzten Jahr blies die Firma dann doch zum Angriff. Im April erfolgte die Eröffnung einer ersten Filiale in Rothrist. Diese ist mit einer Verkaufsfläche von 15 000 Quadratmetern so gross wie die wichtigsten Möbel-Pfister-Geschäfte in Suhr, Dübendorf und Etoy bei Lausanne. Demnächst eröffnet eine weitere Grossfiliale in Affoltern bei Zürich. Für den nächsten Supermarkt in Zürich-West fehlt nur noch die Baubewilligung.

Die Vermutung liegt nahe, dass der Möbel-Pfister-Führung ob dieser geballten Wucht das Herz in die Hose gerutscht ist. Doch Verwaltungsratspräsident Rudolf Obrecht will dies nicht gelten lassen. Man habe sich «aus einer Position der Stärke und ohne jeden Zeitdruck» zum Verkauf entschieden. Der Möbelhandel habe sich von einem lokalen zu einem globalen Geschäft entwickelt, in dem Grössenvorteile für einen zunehmend scharfen Preiswettbewerb sorgten.

Die Geschichte von Möbel Pfister:

Der Verkauf sei ganz im Sinne des Stiftungszweckes, sagte Obrecht. «Alles was wir tun, muss dazu beitragen, dass wir uns auch in Zukunft behaupten können, konkurrenzfähig bleiben, profitabel arbeiten und somit Arbeitsplätze sichern.» Auch Saliger betonte, dass in der Schweiz keine Stellen gestrichen würden.

Offen bleibt die Frage, ob sich Möbel Pfister nicht aktiver auf den verschärften Wettbewerb hätte einstellen können, um die Selbstständigkeit zu sichern. Unter Obrechts Führung hat Möbel Pfister in den letzten fünf Jahren zweimal den operativen Chef gewechselt. Diese Fluktuation war dem guten Gedeihen des Möbelhändlers kaum förderlich.

Allein die Immobilien dürften 500 Millionen wert sein

Jedenfalls ist den Österreichern der Eintritt in den Schweizer Markt eine grosse Summe wert. Zwar wurde über den Verkaufspreis Stillschweigen vereinbart. Doch es ist davon auszugehen, dass allein die mit dem Handelsgeschäft übertragenen Immobilien von Möbel Pfister einen Wert von mindestens 500 Millionen Franken aufweisen. 20 Millionen Franken dieses Verkaufserlöses sollen nach Dienstjahren an die Mitarbeiter verteilt werden. Das macht im Schnitt 11'000 Franken pro Person – ein netter Zustupf.

Doch der Rest verbleibt in der Holding, die damit neue Investitionen tätigen will, etwa in vielversprechende Jungfirmen. In der Person des früheren Chefs des Swiss Economic Forums, Stefan Linder, weiss der Verwaltungsrat seit Juli auch schon einen Spezialisten für solche Aktivitäten in seinen Reihen. Dass Linder um die Risiken solcher Finanzierungsaktivitäten weiss, macht diese freilich nicht kleiner. Umso mehr sollten sich die Protagonisten der Holding die Frage stellen, ob ihre Ideen für die Verwendung des Vermögens mit den Vorstellungen Fritz Gottlieb Pfisters im Einklang sind.

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