Pharmabranche
20 Jahre Novartis: Es begann mit einem Paukenschlag

Die Hintergründe zur Fusion der Basler Chemie- und Pharmafirmen Sandoz und Ciba vor zwanzig Jahren.

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Marc Moret, der gestrenge Sandoz-Herrscher, Arzt Daniel Vasella (damals 42) und Alex Krauer, Ciba-Präsident.Mathias Leemann/Archiv Novartis AG

Marc Moret, der gestrenge Sandoz-Herrscher, Arzt Daniel Vasella (damals 42) und Alex Krauer, Ciba-Präsident.Mathias Leemann/Archiv Novartis AG

Als am 7. März 1996 Marc Moret (Sandoz-Präsident), Alex Krauer (Ciba) und der designierte CEO Daniel Vasella die Fusion bekannt gaben, war die Überraschung perfekt. Es war ein Paukenschlag für die Branche, für die Schweiz, für Basel.

Es war die grösste Fusion, die es je gegeben hatte. Beteiligt waren zwei Weltkonzerne, die jahrzehntelang nur durch einen Fluss getrennt und doch erbitterte Gegner waren: Sandoz und Ciba-Geigy. Bereits 1970 schlossen sich Ciba und Geigy zusammen. Auch das erregte Aufsehen.

Es wurden Stellen abgebaut ...

Der Novartis-Merger wird in der Fachwelt gerne als eine der wenigen gelungenen Grossfusionen dargestellt. Mehrere Faktoren waren dafür verantwortlich. Das forsche Tempo, mit dem die Fusion durchgesetzt wurde, und der unerschütterliche Glaube des Managements an die Fusion. Doch es wird gerne vergessen, dass im Zug der Fusion weltweit über 10 000 Stellen gestrichen wurde. Dennoch blieb die Zahl der Entlassungen in der Schweiz mit 140 Kündigungen deutlich tiefer als ursprünglich befürchtet.

Wahlheimat Monaco

Ex- Novartis-Präsident Daniel Vasella hatte sich Ende Januar 2013 in Risch im Kanton Zug abgemeldet, ohne aber zu verraten, wo es ihn hinzog. Das Rätsel um den neuen Wohnort gelüftet hatte Ende 2015 die «SonntagsZeitung». Aus dem Liegenschaftsregister seines früheren Wohnkantons Zug war zu entnehmen, dass der einstige Top-Manager an bester Adresse in Monaco wohnt. Dort habe er sich in einer Luxusresidenz eine Wohnung mit 268 Quadratmeter gekauft. Das Fürstentum ist für Liegenschaften das teuerste Pflaster der Welt, ein Quadratmeter kostet rund
91 000 Euro. Vasella dürfte also gemäss dem Zeitungsbericht für den neuen Wohnsitz etwa 24 Millionen Euro gezahlt haben. (TM)

Die sicheren Gewinner waren die Aktionäre. Weil die Börsenkurse 20 Prozent durch die Decke schossen, waren sie am Abend 18 Milliarden Franken reicher.

Die Jahreszahlen, die Novartis morgen Mittwoch präsentieren wird, lassen sich mit denjenigen der Firma Novartis von damals freilich kaum vergleichen.

... und Firmen ausgegliedert

Der Erfolg der Firma relativiert sich, weil nach und nach Bereiche mit tieferem Gewinnpotenzial konsequent ausgegliedert wurden. So wurde Spezialitätenchemie-Bereich Ciba SC an die Börse gebracht, wenige Jahre später Syngenta, der Zusammenschluss der damaligen Agrochemie-Divisionen von Sandoz, Ciba und der britischen Astra Zeneca. Die Ciba SC wurde schliesslich an die deutsche BASF verkauft, es wurden weltweit Tausende von Arbeitsplätzen abgebaut.

Bei allen Fusionen werden Firmenkulturen übernommen oder angepasst. Bei Novartis lautete die Devise klar: Es soll eine ganz neue Firma entstehen. Und die Fusion soll unter Gleichen («Merger among equals») stattfinden.

Wo lagen die Unterschiede der Kulturen? Ciba basierte auf Vertrauen, auf Eigenständigkeit. Und nicht so sehr auf Kontrolle. «In der Ciba hatten wir bis hinunter zur Sekretärin ein Eigenvisum, man konnte Material usw. bis zu einem Betrag von 200 Franken selber bestellen. Weiter oben im Management gingen die Befugnisse in die Millionen» erinnert sich der damalige Ciba-Informationschef Walter von Wartburg. «Das grosse Erwachen kam bei uns, als wir realisierten, dass bei Sandoz alles mehrfach visiert werden musste. Es gab einen Kontrollmechanismus, der unendlich viel stärker war als bei uns. Der Vertrauensbonus für den Einzelnen war viel kleiner», so von Wartburg.

Unterschiedliche Chefs

Auch die beiden Spitzenmanager Marc Moret und Alex Krauer waren sehr verschieden. Moret hatte Sandoz optimiert, wo es nur ging. Sandoz war so rentabler, es gab Applaus von der Börse. Schwächen im Kommunikationsbereich von Sandoz offenbarten sich jedoch bei der Brandkatastrophe von Schweizerhalle 1986. Ciba hingegen war sich nicht zu schade, Greenpeace-Aktivisten, die Ciba-Kamine erklommen hatten, zu einer Suppe und einem offenbar auch von Greenpeace akzeptierten Dialog einzuladen.

Trotz allen Versuchen um Harmonie, rückblickend setzte sich die einstige Sandoz-Kultur durch. Besonders die Figur und der Führungsstil Daniel Vasellas prägt die Firma trotz seines Abgangs 2013 zum Teil bis heute noch.

Die Fusion war aber letztlich eine Erfolgsstory. Novartis ist eine der erfolgreichsten Pharmafirmen der Welt. Der damals gewählte Weg, dass eine Person an der Spitze sich um alles und jedes kümmert, sei rückblickend wohl richtig gewesen, sagt Walter von Wartburg. «Aber man muss auch sehen, es blieb viel auf der Strecke, bei der Eigeninitiative und der Eigenverantwortung.» Kein Wunder wird heute an einer neuen Firmenkultur gearbeitet.

Auf die alte «Ciba-Tradition» beruhen wohl die verschiedenen Novartis-Initiativen wie etwa auf dem Gebiet der Malariabekämpfung und die Problematik der medizinischen Unterversorgung in armen Ländern.

Gerangel in der Branche

In der Pharmabranche wurde es nach den Fusionen in den 90er-Jahren etwas ruhiger. Novartis blieb, obwohl der französische Konzern Sanofi für Novartis einst 85 Milliarden bot, selbstständig. Umgekehrt schaffte es Novartis nicht, die andere Konkurrentin in Basel, Roche, zu kaufen. Die Roche-Eigentümerfamilie sperrte sich dagegen, Novartis sitzt auf einer Beteiligung von 33% an Roche. Eine Fusion scheint derzeit kein Thema. Aber das hiess es damals bei Sandoz und Ciba-Geigy auch lange Zeit.

Chronologie

7. März 1996 Sandoz und Ciba geben die Fusion zu Novartis bekannt. Es war damals der grösste Firmenzusammenschluss der Welt. Alex Krauer (Ciba) wird Präsident, Daniel Vasella (Sandoz) CEO und sein Schwiegervater Marc Moret (Sandoz) Ehrenpräsident. Weltweit werden 10 000 Stellen abgebaut.
Dezember 1996 US-Kartellbehörde gibt grünes Licht für die Fusion.
März 1997 Ciba Spezialitätenchemie wird ausgegliedert, Börsengang.
1998 Gründung des Novartis Institute for Functional Genomics, La Jolla USA.
November 2000 Die Agrosparten von Astra Zeneca und Novartis werden in Syngenta zusammengeführt.
2001 Novartis Malaria Initiative wird aufgebaut.
Mai 2001 Das Krebsmedikament Glyvec wird in den USA zugelassen, ein Durchbruch.
Mai 2001 Gründung des Forschungsabteilung Novartis Institute for Biomedical Research in Cambridge, USA
Oktober 2002 Verkauf der Lebensmittel- und Getränkesparte (u. a. Ovomaltine, Wander).
Mai 2003 Die Marke «Sandoz» wird als Generikasparte reaktiviert. Nach Lek (Slowenien) stossen Hexal (D) und Eon Labs (USA) dazu. Sandoz ist in dem Bereich Nr. 2 der Welt.
2004 Eröffnung des Novartis Institute for Tropical Disease (NITD).
Juni 2006 Lucentis wird in den USA zugelassen.
März 2009 US-Zulassung für das Krebsmedikament Afinitor zur Behandlung verschiedener Krebsarten.
Januar 2010 Joe Jimenez löst Daniel Vasella als CEO ab.
September 2010 Zulassung des MS-Medikamentes Gilenya.
2011 Novartis schliesst die Akquisition von Alcon ab, die mit Ciba Vision und Novartis Ophtalmics die neue Division Augenheilkunde bildet.
August 2013 Daniel Vasella tritt auch als Präsident des Verwaltungsrates zurück. Er soll eine Abgangsentschädigung von 70 Millionen Franken erhalten, was zu einem Entrüstungssturm führt. Später verzichtet er auf das Geld. Der neue Präsident heisst Jörg Reinhardt.
Dezember 2014 In Italien werden Novartis und Roche Preisabsprachen vorgeworfen (Avastin/Lucentis). Die beiden Firmen bestreiten dies.
April 2014 Novartis konzentriert sich auf Pharma, Augenheilkunde und Generika. Das Geschäft mit Tiergesundheit und Impfstoffen wird verkauft, das Rezeptfrei-Geschäft in ein Gemeinschaftsunternehmen mit Glaxo-Smith-Kline ausgelagert. IT, Einkauf, Immobilienmanagement werden in der neuen Einheit Novartis Business Services zusammengefasst. Stellen werden abgebaut. (STS)