Ferdinand Hirsig

Abtretender Volg-Chef: «Ein Kunde gibt bei uns im Durchschnitt 16, 17 Franken aus»

Ferdinand Hirsig hat Volg erfolgreich in der Nische positioniert – und dem Dorfladen eine Chance gegeben.

Ferdinand Hirsig hat Volg erfolgreich in der Nische positioniert – und dem Dorfladen eine Chance gegeben.

Der Bellacher Ferdinand Hirsig hat seit 2001 den Detailhändler Volg geführt und erfolgreich in einer Nische positioniert. Nun tritt er ab.

Das Pendeln wird er nicht vermissen. Doch sonst scheint Ferdinand Hirsig seinen Job in der Winterthurer Konzernzentrale des Detailhändlers Volg genossen zu haben. Seit 2001 fuhr der Bellacher fast täglich dorthin – oder in einen der 588 Volg-Läden in der Schweiz. Hirsig, der in die gleichnamige Solothurner Spielwarenhändlerfamilie geboren wurde und den Familienbetrieb nach einem Wirtschaftsstudium bis zum Verkauf 1998 führte, empfängt gut gelaunt in einem funktionalen Büro. Der 63-jährige Familienvater hat Volg erfolgreich in einer Nische positioniert: Sowohl der Umsatz als auch die Zahl der Volg-Läden sind – trotz des harten Marktumfeldes – seit 2001 klar gewachsen.

Noch immer ist in der Solothurner Altstadt der Name Hirsig ein Begriff für Spielwaren. Sie haben das Familienunternehmen bis 1998 geführt. Würden Sie heute noch ein Detailhandelsgeschäft in der Solothurner Altstadt eröffnen?

Ferdinand Hirsig: Nein, ganz klar nicht. Solothurn ist diskussionslos eine sehr schöne Stadt. Aber der Platz für selbstständige Detailhändler ist zu klein mit 17'000 Einwohnern. Man ist sehr schnell in Aarau, Basel, Bern. Vor rund 30 Jahren führte ich ein Spielwaren- und Bébéartikel-Geschäft in der Altstadt. Dieser Bereich ist heute onlinegetrieben. Da hätten wir keine Chance mehr.

Wenn man Volg anschaut, ist es auffallend, dass Sie einen Bogen um die Städte machen.

Als ich vor 18 Jahren Volg-Chef wurde, haben die Experten gesagt, Volg habe in den Dörfern keine Chance. Man müsse gross und billig sein, um zu bestehen. Wir sagten uns: Wenn wir keine Chance haben, nutzen wir sie. (lacht)

Volg wächst seit Jahren.

Als die anderen Detailhändler die Dörfer verlassen haben, haben wir genau dort investiert und haben aus Tante-Emma-Läden professionelle Dorfläden gemacht. Das Ziel war, dass niemand für den täglichen Bedarf weite Wege gehen muss. Nun kommen Migros und Coop wieder zurück. Aber wir sind mit über 580 Volg-Läden in den Dörfern sehr gut positioniert.

Das Lädeli-Sterben auf dem Land ist Realität. Warum schafft es Volg trotzdem?

Unsere Stärke ist zum einen die geografische Nähe. Sie können zu Fuss in den Laden gehen. Und zum anderen ist es auch die emotionale Nähe. Der Volg-Laden ist ein Treffpunkt.

Volg lebe von drei mal nichts, so eines Ihrer Zitate.

Wir sind für die kleineren, schnellen Einkäufe da. Ein Kunde gibt bei uns im Durchschnitt 16, 17 Franken aus. Das ist vergleichsweise wenig – oder eben drei mal nichts. Aber: Drei mal nichts – jeden Tag – das bringt Geld.

Seit Ihrem Amtsantritt ist der Umsatz gewachsen, auf 1,5 Mrd. Franken 2018. Aber die Zahl der eigenen und der belieferten Läden blieb mit rund 900 etwa gleich. Sie holen pro Laden viel mehr raus.

Zum Glück! Klassisch geht das Wachstum einfacher über Expansion. Wir haben immer Läden eröffnet, aber auch einige wenige geschlossen. Wir hatten das Wachstum somit in den Filialen.

In 363 von 588 eigenen Volg-Läden ist eine Poststelle. Inwieweit leben Sie von der Post?

2005 haben wir den ersten Vertrag unterschrieben, als sonst noch niemand daran geglaubt hat. Dies ist eine Win-win-win-Situation. Für die Post, weil sie den Service public mit relativ wenig Aufwand erfüllen kann. Wir haben mehr Frequenz und erhalten eine Entschädigung. Der dritte Gewinner ist der Kunde, der von deutlich längeren Öffnungszeiten profitiert als früher in den Poststellen.

Finanziell ist es auch lukrativ?

Es gibt eine Provision, aber es ist nicht so, dass Dorfläden dank der Post überleben.

Konkrete Zahlen dazu ...

… veröffentlichen wir nicht.

In den Jahren, in denen Sie Volg geführt haben, kamen Aldi und Lidl in die Schweiz.

Von der Geografie und der Positionierung her sind Aldi und Lidl für uns keine Konkurrenten. Unser Dorf hat im Schnitt 1200 Einwohner. Ein Aldi oder Lidl benötigt etwa 10 000 Einwohner, um zu rentieren. Dort, wo er ist, ist für uns Grossstadt. Und dort, wo wir sind, ist für ihn Pampa. Aldi und Lidl spürten wir indirekt über Coop und Migros. Wenn Coop wegen Aldi oder Lidl die Preise senkt, müssen wir reagieren.

Spüren Sie den Einkaufstourismus?

Nein. Dies hängt mit dem «drei mal nichts» zusammen. Für 16 Franken fahren Sie nicht über die Grenze.

Seit Jahren Thema ist die Expansion in die Westschweiz. Da kamen Sie aber nicht so stark vorwärts.

Die Deutschschweiz entstand auch nicht in sieben Tagen. (lacht) Es brauchte seine Zeit, bis das Konzept aufgegleist und dann auf die Sprache angepasst war. Und es brauchte Zeit, bis man wusste, was Volg ist. Heute sind wir akzeptiert. In der Romandie haben wir vor kurzem den 32. Laden eröffnet. Jetzt schauen wir, wo es dort noch weisse Flecken gibt.

Unterscheiden sich Deutsch- und Westschweizer beim Einkauf?

75 bis 80 Prozent des Sortimentes sind gleich. Es gibt aber Unterschiede bei den Spezialitäten, etwa beim Wein. Es ist schwierig, einen Hallauer in der Romandie zu verkaufen, auch wenn es ein sehr guter Wein ist. Auch im Charcuterie-Bereich gibt es Unterschiede. Und Joghurts beispielsweise sind von Frankreich geprägt. Die Romandie ist mehr Danone- als Emmi-Land.

Wie hat sich das Kundenverhalten verändert?

Insgesamt hat sich das Kundenverhalten durch den Online-Handel stark verändert, allerdings weniger im Lebensmittelsektor. Hier waren es vor allem die Öffnungszeiten, die Veränderungen brachten. Ich komme aus einer Generation, als man am Freitag einen Einkaufszettel schrieb, um samstags beim Einkauf nichts zu vergessen. Denn am Sonntag waren alle Läden geschlossen, auch am Bahnhof oder am Flughafen. Man hat weniger häufig, aber mehr eingekauft. Heute geht man morgens, mittags und abends einkaufen – und in manchen Läden auch am Sonntag. Ich muss mir nicht mehr überlegen, wann ich einkaufen gehe.

Volg hat seit 2012 rund 30 neue Tankstellenshops eröffnet. Die Branche boomt, auch bei Migros und Coop. Mit Tankstellenshops können Sie restriktive Öffnungszeiten in den Kantonen umgehen.

Das ist eine der grossen Veränderungen in den letzten 15 Jahren. Zu Beginn waren die Öffnungszeiten durch Tankstellenshops getrieben. Es gibt heute schweizweit um die 1800 Tankstellen- und Convenience-Shops. Das verändert unser Einkaufsverhalten, aber auch das Angebot. Wir beliefern rund 100 TopShop-Tankstellenshops, die sich jeweils an Agrola-Tankstellen befinden. Wir haben auch hier bewusst ein Dorf-Konzept gewählt. Die Tankstellenshops befinden sich deshalb nicht in den Städten oder an der Autobahn.

Aber ist es fair, wenn der kleine Detailhändler wegen kantonaler Gesetze abends schliessen muss, aber die Tankstelle darf dank Bundesregeln noch offen bleiben?

Was ist schon fair? Ist es fair, dass die Autobahnraststätte Würenlos die ganze Zeit geöffnet haben darf, nur weil er über die Autobahn geht? Ist es fair, dass sich das grösste Shoppingcenter im Flughafen befindet, quasi mit 24-Stunden-Betrieb? Das ist Tatsache. Und wir müssen uns an diese Realitäten halten. Ist es fair, dass der Solothurner Detailhändler abends früh schliessen muss, während im Aargau nebenan länger geöffnet ist? Das ist auch nicht fair. Das ist halt in der Schweiz mit dem Föderalismus so. Wir passen uns an.

Sie sagten 2015, ein Onlineshop sei nichts für Volg. Nun haben Sie ein einen. Haben Sie sich geirrt?

Nein. Es ist ja nicht verboten, schlauer zu werden. Wir haben zwar einen Onlineshop und einen Heimlieferservice. Aber eigentlich gilt meine Aussage noch: Der Heimlieferservice ist nichts, was Volg wirtschaftlich weiterbringt. Wir sind dort auf tiefem Niveau erfolgreich. Wir machen es, weil wir lernen wollen.

Lukrativ ist es nicht?

Im Online-Handel verdient praktisch niemand Geld mit Lebensmitteln. Es ist gerade mal Nespresso. Der Rest beübt sich. Nur etwa 2,8 Prozent des Umsatzes wird im Lebensmittelbereich online getätigt. Schuhe und Kleider sind da ein anderer Markt.

Volg hat kein Bio-Label.

Das ist auch richtig so! Der Bio-Anteil im Lebensmittelmarkt beträgt 6 Prozent. Da kann man nicht sagen, dass dies täglicher Bedarf ist. Bio ist eher eine städtische Angelegenheit. Je ländlicher man ist, desto mehr Gärten und eigenes Gemüse findet man. Hauptpunkt ist aber: Wir haben sehr beschränkt Platz in den Läden – im Schnitt 170 Quadratmeter Fläche. Wenn ich da den täglichen Bedarf abdecken will, fülle ich bereits mit dem Grundsortiment den Laden.

Wie hat sich das Kundenverhalten seit Ihrem Antritt 2001 verändert?

Was zum täglichen Bedarf gehört, hat sich seither stark gewandelt. Es geht vor allem um den Convenience-Bereich und «To-go»-Angebote. Vor 15 Jahren war der grösste Fertigartikel der Leisi-Teig, weil er schon ausgewallt war. Oder vielleicht noch eine Büchse Ravioli. Vor zehn Jahren hat auch niemand nach einem Sandwich in einem Dorfladen gefragt, und schon gar nicht nach Birchermüesli oder geschnittenen Früchten. Heute kann man einen Laden ohne solche Produkte nicht mehr führen.

Wohin geht der Trend?

Ich bin nicht Mike Shiva. (lacht) Was man ganz gewiss sagen kann: Die Mobilität wird weiter zunehmen, und damit das Bedürfnis nach schneller – und neuerdings – gesünderer Verpflegung. Da müssen wir ausbauen.

Wie geht es für Sie weiter?

Anfang September gebe ich die Volg-Leitung ab. Bis Ende 2020 leite ich aber die Division Detailhandel/Energie bei der Volg-Muttergesellschaft Fenaco weiter. Danach schauen wir. Ich bin optimistisch. Ich habe nie im Vorfeld grosse Pläne gemacht.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1