Nichts als kalter Kaffee, sollte man meinen, wenn bereits der 22. Teil (!) einer Filmserie ins Kino kommt. Doch für «Avengers: Endgame» sind Kinobesucher auf der ganzen Welt gerade gaga. In Hongkong wurde am vergangenen Wochenende ein Mann verprügelt, als er vor dem Kinoeingang lauthals Details über die Filmhandlung preisgab. In China musste eine Frau vor Aufregung hospitalisiert werden. Der Ansturm auf den neuesten Superhelden-Film der Marvel Studios ist gigantisch.

Punkto Einnahmen und verkaufter Tickets sprengt «Endgame» gerade sämtliche Dimensionen. Allein in der Schweiz hat der Film seit seiner Premiere am vergangenen Mittwoch über 230'000 Zuschauer vor die Leinwand gelockt. 85 Prozent aller Kinotickets hierzulande wurden in dieser Zeit für diesen Film gelöst.

Für diese Kinoheldin sind Fans gaga: Nebula (Karen Gillan) in «Avengers: Endgame». Marvel Studios

Für diese Kinoheldin sind Fans gaga: Nebula (Karen Gillan) in «Avengers: Endgame». Marvel Studios

In der weltweiten Betrachtung sind die Zahlen noch beeindruckender: So spielte «Endgame» am Startwochenende an den globalen Kinokassen 1,2 Milliarden Dollar ein. Das ist knapp doppelt so viel wie der bisherige Rekordhalter, «Avengers: Infinity War» (640 Millionen, vgl. Tabelle unten), der vor einem Jahr in den Kinos lief.

«Endgame» schaffte es in jedem der 54 Länder, in denen der Film gestartet ist, auf Anhieb und mit Abstand auf Platz 1 der Charts. Marvel hat damit die riesigen Produktions- und Marketingkosten des Films (ca. 500 Millionen Dollar) bereits wieder wettgemacht.

Der Baumeister des Erfolgs

Als Baumeister dieses gigantischen Erfolgs gilt Marvel-Chef Kevin Feige. Dem 45-jährigen US-Amerikaner ist es gelungen, das Erfolgsprinzip von Fernsehserien, also das Erzählen einer zusammenhängenden Geschichte über mehrere Episoden hinweg, auf das Kino zu übertragen. Was 2008 mit Marvels erstem Superhelden-Film, «Iron Man», begann und sich danach über 20 weitere Filme erstreckte, kulminiert nun in «Endgame». Klar möchte sich das niemand entgehen lassen.

Übernahme von Marvel war ein Schnäppchen

Mit dem Erfolg von «Endgame» zementiert Disney seine Vormachtstellung am Kinomarkt. Der Unterhaltungskonzern erwarb Marvel im Jahr 2009 für den Betrag von 4 Milliarden Dollar. Rückblickend betrachtet ein Schnäppchen, denn Marvels SuperheldenFilme erzielten zusammen bereits über 19 Milliarden Dollar Umsatz.

«Avengers»-Star Jeremy Renner (zweiter von rechts) an einem Promotionsanlass.

«Avengers»-Star Jeremy Renner (zweiter von rechts) an einem Promotionsanlass.

In den letzten zehn Jahren war acht Mal ein Disney-Film der erfolgreichste Film des Jahres. Disney besitzt auch die Rechte an «Star Wars» und sämtlichen Pixar-Animationsfilmen und wird laut Analysten nach der Übernahme von Unterhaltungs-Konkurrent Fox über 40 Prozent des Kinomarktes kontrollieren.

Allein dieses Wochenende wurden 5 der 10 erfolgreichsten Filme in den US-Kinos von Disney vertrieben. In der Schweiz schafften es 3 Disney-Filme in die Top Ten (neben «Endgame» noch «Wonder Park» und «Dumbo»).

Auch Disney setzt auf Streaming

Die ausverkauften Kinosäle sind vor allem Balsam auf die Wunden der Schweizer Kinobetreiber, die zuletzt grosse Verluste einstecken mussten. 2018 war das Jahr mit den wenigsten Kinobesuchen seit 1995. Damals begann ProCinema, der Dachverband der Schweizer Kino- und Filmverleihunternehmen, mit der schweizweiten Zahlenerhebung. Die Kinobranche hat mit der steigenden Popularität von Streamingdiensten wie Netflix zu kämpfen, die ihre Filme nicht fürs Kino, sondern primär für den privaten Konsum zu Hause produzieren.

Schauspielerin Brie Larson spielt «Captain Marvel» in «Avengers: Endgame». Hier posiert sie mit Fans an der Premiere in Los Angeles.

Schauspielerin Brie Larson spielt «Captain Marvel» in «Avengers: Endgame». Hier posiert sie mit Fans an der Premiere in Los Angeles.

Auch Disney hat die Zeichen der Zeit erkannt und auf Ende Jahr einen eigenen Streamingdienst angekündigt. Disney+ soll Netflix die Abonnenten streitig machen. Dank günstigeren Abo-Preisen und Marken wie Marvel, «Star Wars», Pixar und dem eigenen reichhaltigen Filmarchiv stehen die Chancen für Disney gut. Laut einer aktuellen Studie von Mindnet Analytics sind derzeit 17 Prozent der amerikanischen Netflix-Nutzer bereit, ihr Abo zugunsten von Disney+ zu wechseln; in Haushalten mit Kindern beträgt dieser Wert sogar 23 Prozent.