US-Internetriese

Angriff auf Schweizer Detailhändler: Amazon hat hochfliegende Pläne in der Schweiz

Eine Mini-Drohne des Online-Händlers Amazon inklusive befestigter Paketkiste. Amazon will in Zukunft Bestellungen mit automatischen Mini-Drohnen zustellen. Die bestellte Ware soll damit in30 Minuten zum Käufer gebracht werden.

Eine Mini-Drohne des Online-Händlers Amazon inklusive befestigter Paketkiste. Amazon will in Zukunft Bestellungen mit automatischen Mini-Drohnen zustellen. Die bestellte Ware soll damit in30 Minuten zum Käufer gebracht werden.

Der US-Internetriese bläst zum Grossangriff: Amazon prüft Drohnen-Paketflüge und dafür bereits Gespräche mit hiesigen Behörden geführt. Zudem will das Online-Warenhaus das Sortiment für Schweizer Shopper massiv vergrössern. Einheimische Geschäfte geraten noch stärker unter Druck.

Drohnen könnten in Zukunft den Pöstler teilweise ersetzen. Und es könnten Drohnen des US-Techgiganten Amazon sein - auch in der Schweiz. Diese Erkenntnis lassen Aussagen der Schweizer Flugsicherungsfirma Skyguide zu. «Ja, wir hatten Gespräche mit Amazon», sagt Geschäftsführer Alex Bristol im Gespräch mit dieser Zeitung, als er gefragt wird, ob Amazon bereits einmal vorstellig wurde, um Drohnen-Pakete in der Schweiz fliegen zu lassen.

Die Google-Tochter Wing habe ebenfalls schon bei Skyguide angeklopft, sagt Bristol. «Denn die Schweiz ist weltweit anerkannt in der Entwicklung eines rechtlichen Rahmens für den Drohnenverkehr, und da helfen wir tatkräftig mit.»

Beim Bundesamt für Zivilluftfahrt hat man Kenntnis von den Plänen. Eine erste offizielle Anfrage von Amazon und Google habe man bereits 2014 erhalten, wie ein Sprecher bestätigt. «Und in den letzten Jahren gab es immer wieder informelle Gespräche mit den grossen Drohnenfirmen.» So ist beispielsweise Googles «Wing» Mitglied so genannten SUSI-Gruppe, in der sich verschiedene Drohnen-Anbieter in der Schweiz formiert haben, um nötige Rahmenbedingungen voranzutreiben.

Grünes Licht in den USA

Damit kündigt sich auch in der Schweiz an, was kürzlich in den USA in Branchenkreisen für Aufsehen sorgte, im Trubel der Corona-Pandemie aber etwas unterging: Die US-Zivilluftfahrtbehörde FAA hat Amazons Tochterfirma «Prime Air» vor wenigen Tagen grünes Licht für kommerzielle Paket-Drohnenflüge gegeben. Das weltweit grösste Online-Warenhaus kann somit schon bald Bücher, Socken oder Zahnpasta per Luft an die amerikanische Kundschaft liefern. «Wing» hat die Zulassung ebenfalls erhalten.

In der Schweiz ist es bisher vor allem die Post, die im Drohnen-Wettlauf vorne mitmischt. Sie setzt die fliegenden Maschinen im Gesundheitswesen für den Transport von Laborproben ein. Seit Anfang 2017 wurden über 2000 kommerzielle Flüge erfolgreich absolviert. Hinzu kommen mehr als 2000 Testflüge und über 20'000 Testkilometer.

«Drohnen sind schneller, effizienter und ökologischer als ein Kurier auf der Strasse», heisst es auf Anfrage bei der Post. Gerade im Gesundheitswesen sei das Potenzial gross, da dort die Transporte zum Beispiel von Blutproben oft dringend seien. Für die Massenzustellung sei die Technologie hingegen nicht geeignet. «Die Drohne wird den Pöstler nicht ersetzen, aber sinnvoll ergänzen.»

Doch es gibt Herausforderungen, wie das Wetter zum Beispiel. Starker Wind oder Regen können Drohnenflüge jederzeit grounden. Und auch bei strengsten Sicherheitsvorkehrungen bleibt ein Risiko bei der Technik. Das musste auch die Post feststellen. Seit Testbeginn sind zwei Drohnen des «gelben Riesen» abgestürzt, eine in einem Wald, die andere in den Zürichsee.

Grossangriff steht kurz bevor

Und dann gäbe es noch die gesellschaftliche Akzeptanz. Neue Technologien werden nicht nur mit offenen Armen empfangen. So kann beispielsweise der Geräuschpegel von Drohnen als störend empfunden werden. Die Post informiert deshalb die Anwohner immer, wenn eine neue Route lanciert wird.

In der Luft droht mit Amazon die wohl grösste Herausforderung. Doch mit dieser Bedrohung ist die Post nicht allein. Der gesamte Schweizer Detailhandel ist betroffen. Denn der Grossangriff der US-Firma scheint kurz bevorzustehen.

Dabei hatte der Konzern Ende 2018 noch einen Rückzieher gemacht hatte. Weil der Bund das Schweizer Mehrwertsteuergesetz änderte, unterband die US-Firma mit einem Börsenwert von 1,6 Billionen Dollar kurzum Lieferungen in die Schweiz von der internationalen Amazon.com-Plattform.

Der Frust der Schweizer Shopper

Viele Produkte wurden so unzugänglich. Stattdessen verwies die Firma auf ihre europäischen Adressen wie Amazon.de, Amazon.fr oder Amazon.co.uk. Nur: Auch hier bleibt für viele Schweizer Shopper oft nur der Frust, wenn es heisst: «Dieser Artikel kann nicht an die ausgewählte Adresse geliefert werden.»

Nun soll sich das ändern. Wie die «Handelszeitung» mit Verweis auf ein Branchenmagazin kürzlich berichtete, will Amazon den Versand von Artikeln von Drittverkäufern für die Schweiz stark ausweiten. Der Plan läuft unter dem Titel «Fulfillment by Amazon» (FBA).

Denn das neue Mehrwertsteuergesetz von 2019 machte Kleinsendungen ab einer gewissen Umsatzhöhe steuerpflichtig. Mit dem FBA-Programm würde Amazon selbst die Schweizer Zollgebühren und Einfuhrumsatzsteuer seiner Kunden einziehen.

Ein Amazon-Sprecher sagt, dass man das Programm «so bald wie möglich» in der Schweiz lancieren und das Angebot damit signifikant vergrössern werde. Schon heute erzielt Amazon in der Schweiz laut Schätzungen des Beratungsunternehmens Carpathia einen Online-Umsatz von 790 Millionen Franken – nur die Migros-Tochter Digitec-Galaxus und der deutsche Modehändler Zalando kassieren mehr ein.

«Schweizer Händler geraten stärker unter Druck»

Damit nimmt der US-Konzern allen Schweizer Detailhändler die Hoffnung, die nach dem Amazon-Rückzug Ende 2018 leise gehofft hatten, dass sich die Schweiz zu einem Sonderfall im Onlinehandel entwickeln könnte, wo Amazon nur eine kleine Rolle spielen würden.

«Es war immer klar, dass Amazon den Schweizer Markt nicht einfach so aufgeben würde», sagt Patrick Kessler, Geschäftsführer vom «Handelsverband», der hierzulande 350 Händler wie Coop, Brack, Digitec-Galaxus, Orell Füssli oder PKZ vertritt. Die knapp zweijährige Schonzeit sei trügerisch gewesen.

Immerhin, sagt Kessler, würden sich auch Chancen bieten, da manche Geschäfte hierzulande über Amazon bald einfacher an internationale Kunden gelangen könnten. Dennoch sei klar: «Mit der Ausweitung werden einige Schweizer Händler stärker unter Druck geraten.» Mit oder ohne Drohne.

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