Corona-Virus

Ansturm auf den Detailhandel: «Wie Weihnachten und Ostern am gleichen Tag»

Leere Fleischregale heute morgen in einer Aargauer Migrosfiliale.

Leere Fleischregale heute morgen in einer Aargauer Migrosfiliale.

Lebensmittelläden in der ganzen Schweiz werden von Kunden überrannt. Doch nicht alle Regionen sind gleich stark betroffen. Eine Reportage.

Die Migros in Wettingen AG öffnet erst in fünf Minuten, doch schon jetzt blockiert eine Schlange kaufwilliger Kunden die Türe. Mit Einkaufswagen und Taschen bewaffnet, besetzen vor allem Senioren den Haupt- und Nebeneingang. Die Warterei verleitet zum Schwatz, es bilden sich Grüppchen. Corona ist bei allen das Thema. Die vom Bundesrat geforderten zwei Meter Mindestabstand hält hier aber fast niemand ein. Wie denn auch, wenn die Schlange schon so fast bis zu den Parkplätzen reicht.

Als um Punkt 8 Uhr endlich die Türen öffnen, bewegt sich die Masse schnell zur Verkaufsfläche. Doch bald wird klar: Die wirklich Schnellen waren schon letzten Samstag hier, denn etliche Regale sind leer. Mehl, Eier, Pasta, Dosen und Saucen gibt es kaum, auch das Zwiebackregal ist nur halb gefüllt. Besser sieht es bei der Butter aus. «Sehen Sie, das haben wir alles heute Morgen aufgefüllt», erklärt eine Verkäuferin und zeigt auf die fast vollen Regale.

Mit Schutzhandschuhen bewaffnet greift sie zur Butter und berichtet von der Kaufwut. Es gab einen schlimmen Ansturm, wie wenn Ostern und Weihnachten auf den gleichen Tag gefallen wären. Gleich zum Schichtbeginn stürmten schon Leute rein, sicher sechs- bis zehnmal mehr als sonst. Sie habe nicht gewusst was los sei. «Die Menschen waren panisch und unfreundlich, eine Frau hat mich angerempelt und dann rumgeschrien, bis mir die Tränen kamen», berichtet sie und schiebt weiter Butterblöcke ins Kühlregal. Sie habe auch gesehen, wie eine Frau einem älteren Mann das letzte WC-Papier-Pack aus der Hand gerissen habe.

«Die spinnen doch», ruft eine Seniorin die mitgehört hat. Und fasst sich an den Mund wegen des Schimpfworts. Sie ist 84, kann die Aufregung nicht verstehen. Die Leute würden Übertreiben, es sei eine Stimmung wie im Krieg. Ihr Enkel sei Arzt, sogar er habe sie angerufen und ihr ins Gewissen geredet, dass sie möglichst nicht mehr aus dem Haus soll. Doch einkaufen müsse sie trotzdem. Sie gehe jetzt immer morgens direkt nach Ladenöffnung, von der Schichtarbeit früher sei sie sich das sowieso gewohnt.

Auch Milch war heute nicht rund um die Uhr verfügbar.

Auch Milch war heute nicht rund um die Uhr verfügbar.

Lieferung am Wochenende entschärft die Situation

Die Verkäuferin nickt ihr zu. Sie selbst hat auch nicht mehr eingekauft als an andern Wochenenden: «Ich hatte gar keine Zeit nach meiner Samstagsschicht, ich musste meine Kinder abholen.» Es sei aber alles bestellbar, das sehe sie auf der internen Liste. Heute um 11 Uhr komme zum Beispiel die nächste Lieferung Mehl, einen Engpass gebe es wirklich nicht.

Dasselbe bestätigt auch der Verkäufer im Coop in der Zürcher Innenstadt beim Central nahe des Hauptbahnhofs. Man müsse sich keine Sorgen machen wegen der Versorgung. Er kann das leicht sagen: Im hoch frequentierten Coop in der Grossstadt sind die Regale an diesem Morgen voller als in der Aargauer Agglomeration. «Das liegt daran, dass wir gestern noch eine Lieferung erhalten haben. Der Chef war extra da um sie entgegenzunehmen», meint er. Weil zusätzlich die Touristen fehlen, scheinen die Lebensmittelgeschäfte in der Innenstadt weniger vom grossen Ausverkauf betroffen zu sein.

In Zürich herrschte heute Mittag kein Mangel an Eiern.

In Zürich herrschte heute Mittag kein Mangel an Eiern.

Doch die Anzahl Leute, die auf dem Arbeitsweg im Geschäft neben dem Central einen Halt macht, ist unverändert hoch. Wohl deshalb hat Coop hier eine besondere Massnahme ergriffen und für Kunden am Eingang Desinfektionsmittel aufgestellt.

, meint der Angestellte, der gerade die Softdrinks auffüllt. «Ich spüre zwar schon, dass etwas in der Luft ist, aber ich habe nicht mehr eingekauft. Denn wir haben schon seit langem einen kleinen Notvorrat zu Hause». Was ihn aber stört: Dass im Moment alle deutlich mehr Arbeiten müssen. In den nächsten Tagen erwartet er zudem eher eine Verschlimmerung der Situation, so wie es in Italien heute der Fall sei.

Das gleiche erwarten auch seine Chefs in der Zentrale. Migros, Coop, und weitere Detailhändler schalteten am Montag deshalb ein grosses Inserat im «Blick» und appellierten an die Solidarität der Kunden: Man solle nicht mehr als nötig kaufen und die ausgelasteten Mitarbeiter möglichst nicht strapazieren.

Im Kanton Glarus herrscht Gelassenheit

Das Corona-Virus bereitet aber nicht überall im gleichen Mass Sorgen. In den eher abgelegenen Bergregionen, etwa im Kanton Glarus, ist die Stimmung entspannter: Obwohl es nur einen einzigen grossen Migros gibt, bilden sich hier keine Schlangen und leere Regale gibt es kaum. Die Kassiererinnen tragen auch keine Schutzhandschuhe. Dennoch prophezeit eine Verkäuferin: «Bis am Abend wird das Mehl wieder weg sein.»

Insgesamt blicken die Leute eher gelassen auf die Hektik im Unterland, wie das Beispiel einer älteren Dame zeigt: Sie berichtet von ihrer Enkelin, die in Horgen arbeite. «Ganz schlimm», müsse das sein, ihre Auszubildenden seien alle in Panik. Dabei würden diese gar nicht zu einer Risikogruppe gehören. Und sowieso, das viele Essen, dass jetzt zusätzlich gekauft werde, lande am Schluss doch sowieso im Abfall. Ihre Devise deshalb: «Ich koche weiterhin für meine Enkel und bedanke mich jeweils bei den Verkäufern für ihr Arbeit.»

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