In Frankreich sind heute mehr als 3,5 Millionen Menschen beim Arbeitsamt eingeschrieben. Der Psychiater Michel Debout, Gerichtsmediziner an einem Krankenhaus in Saint-Etienne, erinnert nun in einem Buch namens «Der Traumatismus der Arbeitslosigkeit» (le traumatisme du chômage) daran, welche menschlichen Dramen hinter der Rekordarbeitslosigkeit stecken. Und wie dieser Umstand verdrängt wird. «Die Gesundheit der arbeitslosen Personen und die Auswirkungen der Joblosigkeit auf die Gesundheit bilden ein eigentliches Schwarzes Loch», schreibt Debout. So erfasse das französische Statistikamt Insee alle möglichen Aspekte des «chômage» (Arbeitslosigkeit) – ausser die gesundheitlichen.

«Ein Gefühl des Sterbens»

Debout beschreibt aus seiner klinischen Erfahrung sehr präzis, wie belastend ein Jobverlust ist. Eine Entlassung wecke «ein Gefühl des Zusammenbruchs, ja des Sterbens». Es folge ein Gefühl der Erniedrigung, gefolgt von posttraumatischen Symptomen wie Appetitverlust, Schlafmangel, Depressionen. Rachegefühle stellten sich ein, «vor allem, wenn das Unternehmen weiterhin grosse Gewinne macht», so Debout. Das fördere Schuldgefühle, die oft nur durch Alkohol oder Psychomittel gemildert würden. Alleinstehende isolierten sich noch mehr, Familien und Kinder litten psychisch wie auch finanziell.

Das französische Institut für Gesundheit und medizinische Forschung (Inserm) bringt nun erstmals etwas Licht in das von Debout benannte Schwarze Loch: In diesem Frühjahr veröffentlichte es eine Studie über den direkten Bezug zwischen Arbeitslosigkeit und Selbstmord. In französischen Regionen, in denen die Zahl der Joblosen nach dem Krisenjahr 2008 stark gestiegen war, nahm die allgemeine Suizidrate um bis 2,6 Prozent zu. Von 2008 bis 2010, das heisst in drei Jahren, begingen in ganz Frankreich 584 Franzosen Selbstmord, weil sie zuvor ihren Job verloren hatten, eruierte das Inserm bei der Nachprüfung jedes Falles.

Michel Debout fordert die Regierung deshalb auf, die Arbeitslosigkeit nicht nur als ökonomisches, soziales und finanzielles, sondern auch als gesundheitliches Problem zu betrachten. Würde er sich damit durchsetzen, hätte das gewaltige Konsequenzen – was auch der Hauptgrund der Verdrängung sein dürfte. Erstens hiesse es, dass die herkömmlichen Lösungsansätze für die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit zu kurz griffen: Liberale Ökonomen hätten nur die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit vor Augen und nähmen die sozialen Folgekosten davon aus, meint Debout; und die Gewerkschaften gehen nach seiner Meinung zu wenig auf die spezifischen Bedürfnisse der Joblosen ein, sondern ordneten sie allen Erwerbsfähigen unter.

Gesellschaftsvertrag bis zum Tod

Debout schwebt selber ein System vor, in dem jeder Bürger einen «Gesellschaftsvertrag» eingeht, der mit dem Berufseinstieg beginnt und bis zum Tod dauert. Arbeitet der Erwerbsfähige, gilt der normale Arbeitsvertrag; vor- und nachher greift aber dieser Gesellschaftsvertrag, mit Geltung für die Zeit der Ausbildung, Weiterbildung und Rente. Oder eben auch während der Arbeitslosigkeit, fügt Debout an: Während dieser Zeit erhalte der Betroffene Schutz von der Allgemeinheit; zugleich werde er aber auch für gemeinnützige Arbeiten eingesetzt.

Das sei auch mit Kosten verbunden, räumt Debout ein; diese seien aber unter dem Strich sicher tiefer als die einer Arbeitslosenversicherung, die auch die gesundheitlichen Schäden einbeziehe.