Wirtschaft

Autoindustrie: Der Motor der deutschen Wirtschaft stottert

Die Deutsche Autobranche hat Absatzschwierigkeiten.

Die Deutsche Autobranche hat Absatzschwierigkeiten.

Elektromobile statt Diesel-Dreckschleudern: Der Strukturwandel in der Autoindustrie dämpft das Wachstum Deutschlands. Und er setzt die Schweizer Zulieferer unter Druck.

Der Strukturwandel in der deutschen Automobilindustrie hinterlässt tiefe Spuren im Wachstum der grössten Volkswirtschaft Europas. Nach einer aktuellen Schätzung des Münchner Prognoseinstituts «Ifo» hat die aktuelle Schwäche des wichtigsten Industriezweiges das Wachstum der deutschen Wirtschaft um 0,75 Prozentpunkte gebremst.

Die Schwäche der Automobilindustrie wird in den jüngsten Ifo-Erhebungen überdeutlich. Seit Anfang 2019 sei die Zahl der direkt im Kraftfahrzeugbau beschäftigten Personen um 1,3 Prozent gesunken. Rund 14 Prozent der im Automobilbau tätigen Unternehmen haben gemäss einer Ifo-Befragung Kurzarbeit eingeführt. Gemäss dem Ifo-Branchenexperten Timo Wollmershäuser sind 15000 bis 20000 Personen betroffen. Das sind mehr als doppelt so viele wie vor einem Jahr.

Und diese Rechnung ist noch unvollständig. Nicht in der Statistik der Automobilbauer enthalten sind zum Beispiel die Textilhersteller oder die Gummiverarbeiter, die ihre Produkte ebenfalls grösstenteils in der Autoindustrie absetzen. Wollmershäuser rechnet, dass in Deutschland derzeit rund 100000 Personen kurz arbeiten. Das wären rund doppelt so viele wie im August des vergangenen Jahres, dem Zeitpunkt der letzten offizielle Erhebung des statistischen Amtes.

Während die Automobilproduktion in Deutschland nach einem bereits schwachen Vorjahr 2019 erneut um 8,9 Prozent geschrumpft ist, nimmt der Ausstoss deutscher Automobilbauer in anderen europäischen Ländern laufend zu. Als Folge steigen Deutschlands Automobilimporte kräftig.

Über 400000 Arbeitsplätze sind in Gefahr

Wollmershäuser vermutet darin aber ein temporäres Phänomen. Er glaubt, dass sich die Handelsströme wieder umkehren könnten, wenn die derzeit unter Hochtouren laufende Umrüstung der deutschen Produktionsstandorte von Verbrennungs- auf Elektroantriebe bewältigt ist. Vom künftigen Erfolg deutscher Elektrofahrzeuge hängt auch der Fortgang der deutschen Wirtschaft ab. Das Ifo-Institut rechnet für 2020 und 2021 mit einer Konjunkturbeschleunigung auf 1,2 Prozent respektive auf 1,5 Prozent.

Die Entwicklungen in Deutschland sind auch für die Schweizer Automobilzulieferbranche von erstrangiger Bedeutung. Gemäss einer 2019 veröffentlichten Erhebung des «Swiss Center of Automotive Research» der Universität Zürich erwirtschaftet die Branche mit 34000 Mitarbeitern einen jährlichen Umsatz von rund 12 Milliarden Franken. Der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt dieser Firmen ist Deutschland.

Die «Nationale Plattform Zukunft der Mobilität», welche die Interessen aller wichtigen Anspruchsgruppen Deutschlands vereinigt, rechnet in ihrem gestern veröffentlichten Bericht zur strategischen Personalplanung mit ungemütlichen Szenarien. Sollte der deutsche Bestand an Fahrzeugen mit Elektroantrieb bis 2030 im Einklang mit den Zielen der Bundesregierung tatsächlich auf 10 Millionen Einheiten oder rund 20 Prozent steigen, wäre ein Verlust von über 400000 Arbeitsplätzen zu befürchten.

Solche Zahlen seien aber mit Vorsicht zu geniessen, gibt Wollmershäuser zu bedenken. Immerhin gäbe es in Deutschland auch grosse Anstrengungen zum Aufbau einer eigenen Industrie für Batteriezellen. Zudem sei das Land offenkundig auch für ausländische Elektromobilhersteller ein attraktiver Standort, wie der unlängst bekanntgewordene Zuzug des amerikanischen Tesla zeige.

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