10 Jahre Finanzkrise
Böses Erwachen bei der UBS: «Wir hatten keine Vorstellung, was da noch auf uns zukommen sollte»

Der Zusammenbruch des massiv aufgeblähten US-Immobilienmarktes löste vor zehn Jahren die grösste internationale Finanz- und Wirtschaftskrise seit den 1930er-Jahren aus. Was die Aufseher zunächst als unwahrscheinliches Ereignis einstuften, wurde kurze Zeit später Realität.

Daniel Zulauf
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Im Spätsommer 2007 rutschte die UBS in ihre schwerste Krise und musste ein gutes Jahr später vom Bund gerettet werden.

Im Spätsommer 2007 rutschte die UBS in ihre schwerste Krise und musste ein gutes Jahr später vom Bund gerettet werden.

FABRICE COFFRINI/AFP/Getty Images

Man kann den Beginn der globalen Finanzkrise rückblickend an vielen Vorgängen festmachen. Für die einen war es der kräftige Preiseinbruch im amerikanischen Markt für Ramschhypotheken. Dieser gab der Welt schon ab November 2006 einen Vorgeschmack auf die nachfolgende Katastrophe. Andere denken an die ersten Pleiten von US-Immobilienfinanzierern, mit denen das Angstvirus im März 2007 nach einer fünfjährigen Rekordfahrt auch in den Finanzmärkten Einzug hielt.

Auch der starke Rückgang der Hausverkäufe, wie ihn die US-Statistiken ab April 2007 offenbarten, kann als Startsignal für die grösste Weltwirtschaftskrise seit den 1930er-Jahren gesehen werden. So oder so hatten im April 2007 schon 500'000 amerikanische Hausbesitzer ihre Bleibe zwangsweise verlassen müssen, weil sie die Zinsen nicht mehr berappen konnten.

Es ist im Nachhinein kaum zu fassen, wie diese gravierenden Vorgänge während fast eines Jahres selbst dort eher beifällig zu Kenntnis genommen wurden, wo ihre richtige Deutung doch viel Schlimmes hätte verhindern können. Nur wenige reden so offen darüber wie Daniel Zuberbühler. Er gehörte damals als Direktor der Eidgenössischen Bankenkommission (EBK) zu den wichtigsten Figuren des Finanzplatzes.

10 Jahr Finanzkrise

Der Zusammenbruch des massiv aufgeblähten US-Immobilienmarktes löste vor zehn Jahren die grösste internationale Finanz- und Wirtschaftskrise seit den 1930er-Jahren aus. Wir blicken auf diese irritierende und beängstigende Zeit zurück und lassen sie in einer losen Serie von Beiträgen aus unterschiedlichen Perspektiven Revue passieren.

So ziemlich auf den Tag genau vor zehn Jahren sei ihm das Wort «Subprime-Kredit» erstmals zu Ohren gekommen, erzählt er. Das war an einem Treffen des Basler Ausschusses für Bankenaufsicht am Hauptsitz der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel, wo sich die internationale Gemeinde der Bankenaufseher bis heute regelmässig zum Informations- und Meinungsaustausch trifft.

Amerikanische Behördenvertreter hätten von diesen eigenartigen Hypotheken erzählt, die US-Immobilienfinanzierer über Jahre hinweg im ganz grossen Stil an finanzschwache Hauskäufer vergeben hätten und nun um die Zahlung der Zinsen bangen müssten, erzählt Zuberbühler. Zuständig hätten sich die US-Bankenaufseher aber nicht gefühlt. Schliesslich waren die Immobilienfinanzierer keine Banken im aufsichtsrechtlichen Sinn.

Mehr als ein Blechschaden

Es sollte noch fast ein Jahr dauern, bis klar wurde, dass ein immenser Teil dieser Kreditrisiken in Form von strukturierten Hypothekaranleihen direkt oder indirekt in den Büchern der Banken hängen geblieben waren. «Wir hatten einfach keine Vorstellung, was da noch auf uns zukommen sollte», erinnert sich Zuberbühler mit entwaffnender Ehrlichkeit an ein Interview, in dem er die sich immer deutlicher abzeichnende UBS-Krise noch im Oktober 2007 eher harmlos als «Blechschaden» bezeichnet hatte. Die UBS sollte vom dritten Quartal 2007 bis Ende 2009 Verluste von über 50 Milliarden Franken anhäufen, was im Herbst 2008 die staatliche Rettungsaktion nötig machte.

Im März 2007 war Zuberbühler noch damit beschäftigt, der Öffentlichkeit den Sinn einer stärkeren Fokussierung der Aufsicht auf die grössten Risiken beziehungsweise auf die grössten Banken klarzumachen.

Das Konzept der «risikoorientierten Aufsicht» war neu und erklärungsbedürftig: «Unbestritten ist, dass die Insolvenz einer Grossbank für das schweizerische Finanzsystem und für die gesamte Volkswirtschaft verheerende Folgen hätte, gegenüber denen das traumatische Ereignis des Swissair-Grounding geradezu harmlos erschiene», sagte Zuberbühler fast auf den Tag genau vor zehn Jahren auf der jährlichen Medienkonferenz der EBK dazu. Zwei Jahre später wurde die Behörde in Finma umbenannt.

Der Ansatz war auch deshalb nicht unbestritten, weil er implizit immerhin eine Häufung «kleinerer Unfälle» auf dem Finanzplatz in Kauf nahm. Zu Recht, erklärte Zuberbühler, denn «es ist diese immense Schadenshöhe und nicht die – aus heutiger Warte kleine – Eintretenswahrscheinlichkeit, welche eine intensive Überwachung der Grossbanken rechtfertigt». Die geringe Wahrscheinlichkeit sollte wenige Monate später in der Gestalt eines schwarzen Schwans auch die Schweiz und ihre beiden Grossbanken heimsuchen.

Ein gewisses Unbehagen gegenüber den Finanzkolossen war freilich schon damals innerhalb der Aufsichtsbehörden vorhanden. So hatte die UBS in den fünf Jahren nach dem Platzen der Technologieblase an den internationalen Aktienbörsen ihre Bilanzsumme um atemberaubende 1100 Milliarden Franken aufgebläht und dafür lediglich 10 Milliarden Franken mehr Eigenkapital hinterlegt (siehe nachfolgende Grafik).

Zu wenig Fantasie

Derweil veranlassten die Grossbanken «Hintergrundgespräche» für Journalisten, in denen Finanzmathematiker die Aufgabe hatten, die wetterfesten Risikosysteme der Finanzkonzerne darzulegen. Eine Schlüsselgrösse war der sogenannte Value-at-Risk (VAR).

Die Kennzahl sollte mit einer Wahrscheinlichkeit von 99 oder 98 Prozent den maximal möglichen Verlust feststellen. Selbst unter härtesten Stressszenarien kamen die Grossbanken mit ihren Modellen auf Maximalverluste von lediglich zwei bis drei Milliarden Franken, was damals etwa einem Quartalsgewinn entsprach, erinnert sich Zuberbühler an eine Klausurtagung im Mai 2007 im Berner Kursaal.

Zwar wussten die Bankaufseher um die Grenzen der Risikomessgrösse VAR, zumal der Wert definitionsgemäss keine Extremsituationen abbilden kann. Doch das theoretische Wissen nützt wenig, wenn es in der menschlichen Fantasie keinen Platz für den schwarzen Schwan gibt. In der vagen Erwartung möglicher Verluste, welche die UBS im schwächelnden US-Hypothekenmarkt ereilen könnten, erkundigte sich die EBK im Februar 2007 nach deren Risikoexposition.

Am 9. März 2007 kam die Antwort aus London: Die UBS Investment Bank werde von der Verschlechterung des US-Hypothekenmarktes sogar noch profitieren, weil sie mit dem Aufbau sogenannter Short-Positionen dessen negative Entwicklung bereits vorweggenommen habe.

Die Nationalbank sei auch nach dieser beruhigenden Meldung einigermassen skeptisch geblieben, vor allem ihr aktueller Präsident Thomas Jordan, der damals noch die Nummer drei im dreiköpfigen Direktorium war, erinnert sich der damalige EBK-Präsident Eugen Haltiner. Er arbeitete zuvor bei der UBS als Generaldirektor.

Tatsächlich waren es die Notenbanken, die mit ihrem Auftrag zur Wahrung der Stabilität des Finanzsystems einen präziseren Blick für das Gesamtbild hatten als die EBK, die für die Überwachung der einzelnen Banken zuständig war. Umso mehr bedauert Haltiner im Rückblick, dass die Nationalbank «nicht mehr auf die Pauke gehauen» habe. Vor allem im Juni, als das Problem der US-Ramschhypotheken erstmals im Stabilitätsbericht öffentlich erwähnt wurde, wäre die Forderung nach Konsequenzen opportun gewesen, meint Haltiner.

Immer weniger Eigenkapital

Doch eine umfassende Aufarbeitung der Finanzkrise müsste schon weit vor den Zeiten ihres Ausbruches einsetzen. Bruno Gehrig, Wirtschaftsprofessor an der Hochschule St. Gallen und EBK-Mitglied von 1992 bis 1996, sagt: «Es war ein grosser Fehler, dass wir den Banken die Möglichkeit gaben, ihre Bilanzrisiken mit eigenen Modellen selber zu berechnen.»

Das Konzept sah vor, dass unterschiedliche Aktiven in einer Bankbilanz mit unterschiedlichen Risikofaktoren gewichtet und entsprechend mit mehr oder weniger Eigenkapital unterlegt werden konnten. Es war in den späten 80er-Jahren vom Basler Ausschuss für Bankenaufsicht zum internationalen Standard erhoben worden.

In der Folge gingen die Eigenkapitalquoten der Grossbanken von bis zu 20 Prozent in den frühen 60er-Jahren drastisch zurück. Die Anwendung der internen Modelle liess es zu, illiquide, aber scheinbar sichere Kreditpositionen in die Handelsbücher zu übertragen und die Risiken dort kleinzurechnen.

Als Gehrig 1996 die EBK verliess, hatten die Grossbanken noch etwa sieben Prozent ihrer Bilanzsumme als Eigenkapital auf der Seite. Beim Ausbruch der Finanzkrise waren es weniger als zwei Prozent. Ab August 2007 operierten EBK und Nationalbank im Krisenmodus «Stufe gelb» und intensivierten die Zusammenarbeit.

Es war jener Monat, in dem die UBS unmittelbar nach der Bekanntgabe eines weiteren Rekordgewinns eine erste Warnung vor Verlusten im US-Hypothekenmarkt absetzte. Anfang 2008 begannen die ersten Vorbereitungsarbeiten für eine Rettungsaktion.