Medikamente

Bund unterschätzt Sparpotenzial massiv – bei 25 Arzneimitteln erheben Pharmafirmen Einsprache

Zahlreiche Medikamente werden in der Schweiz günstiger.Alex Spichale

Zahlreiche Medikamente werden in der Schweiz günstiger.Alex Spichale

Die Einsparungen fallen dank tieferen Preisen mit 190 Millionen Franken deutlich höher aus. Schon nach der ersten Überprüfungsrunde ist der Grossteil der erwarteten Einsparungen für alle drei Jahre erreicht. Bei zahlreichen Medikamenten haben Pharmafirmen jedoch Einsprache erhoben.

Die Einsparungen bei den rezeptpflichtigen Medikamenten sind weit grösser als vom Bund erwartet. Die vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) verfügten Preissenkungen lassen die Ausgaben für Arzneimittel um 190 Millionen Franken pro Jahr sinken. Das ist deutlich mehr, als der Bundesrat ursprünglich schätzte. Er ging lediglich von 60 Millionen Franken aus.

Diese Einsparungen betreffen nur ein Drittel aller rezeptpflichtigen Medikamente in der Schweiz. Denn das BAG geht bei der Preisüberprüfung gestaffelt vor. Das Amt überprüft pro Jahr ein Drittel aller Präparate, womit sich die ganze Senkungsrunde über drei Jahre erstreckt. Ursprünglich rechnete der Bundesrat mit Einsparungen von gesamthaft 180 Millionen Franken bei den Originalmedikamenten und weiteren 60 Millionen Franken bei den Generika.

Für die grosse Diskrepanz zwischen der geschätzten und der tatsächlichen Einsparungen führt das BAG mehrere Erklärungen an. So seien beim ersten Drittel besonders viele umsatzstarke Medikamente enthalten, etwa Krebs- und Autoimmunpräparate, sagt Jörg Indermitte, Co-Leiter Sektion Medikamente. Rund 50 Prozent des Umsatzes aller rezeptpflichtigen Medikamente befänden sich im ersten Drittel.

Jedoch war von Anfang an klar, welche Medikamente pro Jahr überprüft werden. Deshalb ist es schwer nachvollziehbar, weshalb der Bundesrat so konservativ schätzte. Nun ist bereits bei der ersten Überprüfungsrunde der Grossteil der erwarteten Einsparungen für alle drei Jahre erreicht.

Jörg Indermitte dämpft jedoch die Erwartungen für die nächsten Überprüfungsrunden. Da nun die Preise vieler umsatzstarker Medikamente bereits gesenkt wurden, werden die Einsparungen für das laufende Jahr voraussichtlich etwas tiefer ausfallen.

Bei 25 Arzneimitteln haben die Pharmaunternehmen Einsprachen gegen die verfügten Preissenkungen erhoben. Erhält das BAG vor Bundesverwaltungsgericht Recht, so liessen sich abermals bis zu 50 Millionen Franken einsparen, sagt Indermitte. Unter den Medikamenten befinden sich umsatzstarke Präparate wie der Blutdrucksenker Sortis, das Schmerzmittel Brufen oder das Krebsmittel Xtandi.

Vor der gestrigen Bekanntgabe musste das BAG viel Kritik seitens der Krankenversicherungen wie etwa Helsana einstecken. Laut dem Krankenkassenverband Curafutura hätten alleine mit der ersten Preissenkungsrunde 300 Millionen Franken eingespart werden können. Diese Berechnung gehe jedoch davon aus, dass bei sämtlichen Medikamenten die Preise gesenkt würden, sagt Jörg Indermitte vom BAG. Doch bei rund 45 Prozent blieben die Preise der überprüften Präparate unverändert. Diese Arzneimittel seien im Vergleich zum Ausland und im Vergleich mit anderen Medikamenten zur Behandlung derselben Krankheit in der Schweiz weiterhin wirtschaftlich.

Trotz der Diskrepanz begrüsst Helsana die Einsparungen sehr. «Glücklicher- weise fallen sie höher aus als vom BAG ursprünglich geplant», sagt Sprecher Stefan Heini. Unerwähnt seien jedoch die Verzögerungen von bis zu fünf Monaten bei der diesjährigen Überprüfungsrunde geblieben. Dies habe die Prämienzahler deutlich über 30 Millionen gekostet.

Tatsächlich hätten die Preise bereits per Dezember des letzten Jahres sinken sollen. Durch die Verzögerung fanden die Preisanpassungen gestaffelt statt. Die ersten Präparate wurden per 1. Januar angepasst, bei den letzten wird es per 1. Juni so weit sein.

Das BAG rechtfertigt die Verzögerungen mit einem deutlich höheren Aufwand. Bei dieser Preissenkungsrunde habe neben dem Auslandpreisvergleich erstmals auch die Wirkung eines Medikaments mit einbezogen werden müssen. Die Wahl der Vergleichspräparate habe zu grösseren Diskussionen mit den Pharmafirmen geführt.

Die Pharmaindustrie spricht derweil von «schmerzhaften Preissenkungen». Die Einsparungen bei den kassenpflichtigen Medikamenten seien massiv höher als ursprünglich angenommen, schreibt der Lobbyverband Interpharma. Zudem habe die Pharmabranche zusätzliche Preissenkungen in der Höhe von 105 Millionen Franken hinnehmen müssen. Grund dafür: Das BAG sei dazu übergegangen, neue Medikamente oft nur befristet auf die Liste der kassenpflichtigen Medikamente aufzunehmen. Läuft diese Frist von ein bis zwei Jahren ab, wird der Preis eines Arzneimittels erneut überprüft. Allein im vergangenen Jahr seien drei Viertel aller neu aufgenommenen Präparate nur befristet auf die Liste gelangt.

Diese Praxis führe dazu, dass die Preise der betroffenen Medikamente bereits lange vor der regulären Dreijahresüberprüfung gesenkt würden.

Dreijährige Pause

Interpharma verschweigt jedoch, dass die Medikamentenpreise zwischen 2015 und 2017 nicht mehr gesenkt wurden. Dabei profitierte die Pharmabranche aufgrund des Auslandpreisvergleichs von einem vorteilhaften Wechselkurs, da sich der Euro gegenüber dem Franken in dieser Zeit massiv abschwächte. Mit ein Grund für die dreijährige Pause war ein Urteil des Bundesgerichts, das die Pharmaindustrie selber anstrengte. Sie wehrte sich gegen die Praxis des BAG, die Preissenkungen lediglich auf einen Vergleich mit dem Ausland abzustützen. Die Branche setzte sich vor dem Bundesgericht durch, weshalb das BAG nun auch die Wirkung eines Präparats in den Vergleich einfliessen lassen muss.

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