Wirtschaft

Corona-Sondergesandter besorgt: «In der Schweiz könnte ein sehr hohes Niveau von Erkrankungen und Todesfällen erreicht werden»

David Nabarro, WHO-Sondergesandter.

David Nabarro, WHO-Sondergesandter.

David Nabarro, WHO-Sondergesandter für Covid-19 in Genf, staunt über die Schweiz – und ist persönlich betroffen: Ein Bekannter von ihm bekam keinen Spitalplatz. Die Schweiz müsse eine viel robustere Strategie haben, den Kampf auf Ebene der Gemeinden führen und von asiatischen Ländern lernen.

David Nabarro arbeitet seit über zwei Jahrzehnten für die UNO und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Krisenmanager. Der in London geborene Arzt leitete den Kampf der UNO gegen die Vogelgrippe, gegen Ebola und gegen Cholera auf Haiti. 2017 unterlag Nabarro als Kandidat auf den WHO-Chefposten dem heutigen Amtsinhaber. Aktuell ist er WHO-Sondergesandter im Kampf gegen Covid-19.

Herr Nabarro, die Schweiz hat eine der weltweit höchsten täglichen Neuansteckungen, gemessen an der Bevölkerung. Die besten Zahlen haben asiatische Länder wie Taiwan oder Südkorea. Kann die Schweiz etwas lernen von diesen Ländern?

David Nabarro: Ja, solche Lehren gilt es tatsächlich zu ziehen, in ganz Europa. Grundsätzlich gilt: Man muss schnell auf das Virus reagieren, robust und entschlossen – vor allem zu Beginn, wenn sich das Virus noch langsam in verschiedenen Gemeinden verbreitet. Reagiert man halbherzig, wird das Problem sehr schnell grösser. Entsprechend muss dann auch die Reaktion grösser ausfallen.

Weil die Fallzahlen exponentiell steigen?

Das Virus verbreitet sich nicht arithmetisch, sondern exponentiell. Nur sehr wenige Entscheidungsträger haben das verstanden.

Das ist auch in der zweiten Welle noch so?

Leider. Exponentiell bedeutet, die Zahlen können 8 Mal in einer Woche steigen, 40 Mal in zwei Wochen, 300 Mal in drei Wochen, über 1000 Mal in vier Wochen, und so weiter.

Bis nur noch ein Lockdown hilft?

Die Herausforderung für viele westeuropäische Länder ist, das Virus wieder in den Griff zu bekommen – ohne auf einen Lockdown zurückgreifen zu müssen. Weil das ein überaus krudes Instrument ist. Man bezahlt einen hohen Preis dafür.

Ostasien taugt da als Vorbild?

Die Massnahmen dort haben ein paar Eigenschaften gemein. Eine ist: Die Menschen sind voll engagiert. Und sie nehmen Verhaltensweisen an, die es dem Virus schwer machen. Sie halten Distanz zueinander; tragen Masken; isolieren sich, wenn sie krank sind; halten sehr gründlich Hygienemassnahmen ein, waschen sich die Hände, reinigen Oberflächen; sie schützen die gefährdetsten Gruppen.

Sie sagen, die Menschen in Ostasien machen das besser. Warum? Sind sie disziplinierter?

Das ist so, weil es eine sehr klare Kommunikation gibt zwischen Behörden und Einwohnern. Es wird nur eines gesagt: Wenn wir wollen, dass unsere Wirtschaft stark ist und dass wir unsere Freiheiten behalten, müssen wir uns alle an ein paar grundlegende Dinge halten.

Die Masken sitzen: Regeln würden in Asien laut David Nabarro disziplinierter eingehalten.

Die Masken sitzen: Regeln würden in Asien laut David Nabarro disziplinierter eingehalten.

Es wird also nicht gesagt, es gelte ein Gleichgewicht zu finden zwischen Wirtschaft und Gesundheit?

Nein, niemals. Es wird immer gesagt: Um die Wirtschaft richtig hinzubekommen, müssen wir die Gesundheit richtig hinbekommen. Es gibt kein «entweder oder», es gibt nur «sowohl als auch».

Das ist schon das asiatische Geheimnis?

Ein anderes Element, das sehr klar ist in Ostasien: Wenn man die Fallzahlen hinuntergebracht hat, mithilfe einer starken Reaktion der Leute, lockert man die Massnahmen nicht. Man wartet, bis die Fallzahlen tief sind und tief bleiben. Man muss die nötigen Massnahmen vorbereitet haben, um künftige Ausbrüche stoppen zu können.

Und Europa hat sich nicht an diese Grundregeln gehalten?

Die europäischen Reaktionen waren unvollständig. Sie haben es verpasst, die nötige Infrastruktur aufzubauen in den Sommermonaten, nachdem sie die erste Welle unter Kontrolle gebracht hatten. Und nun haben sie die zweite Welle. Wenn sie nun nicht die nötige Infrastruktur aufbauen, werden sie eine dritte Welle haben, und zwar Anfang des nächsten Jahres.

Lernt Europa langsam dazu?

Meine Kollegen in der WHO, der Chef des regionalen Büros in Europa, und meine WHO-Kollegen in Genf machen leider immer die gleiche Erfahrung: Sie müssen wieder und wieder sagen, dass es keine Alternative gibt. Wir müssen die beschriebenen Strategien umsetzen. So können wir dazu beitragen, Freiheiten und Freiräume aufrechtzuerhalten.

Dennoch haben viele den Eindruck, die Massnahmen gegen Covid-19 würden der Wirtschaft schaden.

Wir tun uns schwer damit, wenn das behauptet wird. Es gibt keinen Tradeoff, keinen Zielkonflikt, man muss auch keinen Kompromiss finden zwischen Gesundheit und Wirtschaft. Das Gesundheitsproblem muss gelöst werden.

Das fällt vielen Menschen schwer zu glauben, wenn es zu einem Lockdown kommt.

Das bedeutet nicht, dass man dieses Ziel mit einem Lockdown erreichen sollte. Lockdowns sind das letzte Mittel, ein Zeichen des Scheiterns. Sondern es braucht die Strategien, damit alle Gemeinden in der Lage sind, Ausbrüche unter Kontrolle zu bringen. Das ist essenziell.

Wie unterscheiden sich Ihre Empfehlungen davon, wozu Experten sonst raten: Viel Geld zu investieren in Tracen, Testen und Isolieren?

Darum geht es nicht. So versuchen es die Europäer zu präsentieren. Als eine Ansammlung vertikaler Strategien, die von oben nach unten vorgegeben werden. Man muss ganze Systeme aufsetzen, damit man im Lokalen die nötigen Kapazitäten hat, um das Virus im Griff zu haben.

Welche Rolle sehen Sie für das Contact Tracing?

Das Wichtigste ist, dass jede Gemeinde in jedem Land folgendes kann: Infizierte Personen entdecken, Ansteckungen unterbrechen und wenn die Fallzahlen steigen, diese Ausbrüche eindämmen. Natürlich muss man Ansteckungsketten frühzeitig unterbrechen können: Wenn es noch bloss ein paar wenige Fälle sind, bevor die Fallzahlen exponentiell ansteigen. Das alles muss auf lokaler Ebene organisiert sein.

Was heisst das konkret?

Es muss ein integriertes lokales System sein. Es muss in jeder Gemeinde die nötigen Kapazitäten haben, um mit Covid-Ansteckungen umzugehen. Es reicht nicht, wenn diese Kapazitäten auf kantonaler Ebene vorhanden sind. Es muss ganz unten bei den Gemeinden sein. Es braucht eine sehr genaue Überwachung der Menschen, sodass man herausfinden kann, wer sich angesteckt hat.

Das klingt nach Überwachungsstaat.

Das hat nichts zu tun mit individuellen Freiheiten. Es braucht ein funktionierendes System, damit das Virus unter Kontrolle bleibt. Zum Beispiel muss die Isolierung total sein. Es reicht nicht, wenn man die Menschen in Selbstisolation schickt, und sich dann nicht darum kümmert, ob sie nach zwei Tagen wieder herauskommen. Sie müssen sich tatsächlich isolieren. Die Behörden müssen diese Isolierung prüfen. Das ist zu heikel, man kann es nicht Einzelpersonen überlassen. Und die Lage in der Schweiz ist zu ernst, als dass man es einzelnen Personen überlassen könnte.

Wie beurteilen Sie die Lage in der Schweiz? Sie arbeiten ja in Genf, haben Schweizer Bekannte.

Die Schweiz hat so hohe Fallzahlen, vor allem die Westschweiz, dass es eine viel robustere Strategie braucht von den Behörden, zusammen mit den Einwohnern.

Was sollten denn lokale Behörden in der Schweiz genau tun, die bisher keine Massnahmen ergriffen haben?

Das Gute ist, dass sie eine sehr gute Idee davon haben, wer bei ihnen lebt. Sie haben eine sehr gute Erfassung der Bevölkerung. Sie müssen Teams aufstellen, die Ansteckungen managen können. Sie brauchen eine genaue Überwachung aller Einwohner. Sie müssen in Kontakt bleiben mit den Kranken. Sie müssen die Ergebnisse von Covid-Tests kennen. Sie müssen erkennen können, ob es einen plötzlichen Anstieg der Fallzahlen gibt. Und sie müssen in ständigem Kontakt sein mit den Gesundheitsbehörden. Damit bei einem Anstieg der Fallzahlen die Gesundheitsbehörden dazu kommen können, damit sie die sozialen Kontakte in der Gemeinde einschränken können. So können die Ansteckungen strikt isoliert werden. Und wenn nötig, macht man Contact Tracing, um weitere infizierte Personen zu finden.

Was wenn die Fallzahlen schon so hoch sind wie in der Schweiz?

Die Schweiz hat ein akutes Problem mit einer Infektionskrankheit. Darauf muss sie mit einer erstklassigen Infektionskrankheiten-Strategie reagieren. Es gibt Menschen, die solche Strategien schon durchgeführt haben, in Ostasien oder in Afrika. Sie wissen, was es zu tun gilt, und sie sollten voll engagiert sein. Es braucht eine übergreifende strategische Antwort auf die steigenden Fallzahlen. Eine solche Antwort zu erkennen, ist schwierig.

Was müssen Gemeinden tun, wenn die Fallzahlen schon hoch sind?

Gegeben die hohen Fallzahlen, vor allem in der Westschweiz, würde ich folgendes erwarten: Sehr klare Anleitungen dazu, was jede Gemeinde zu tun hat. Wo es hohe Fallzahlen hat, müsste der Covid-Verantwortliche dann lokale Gruppen kontaktieren: Betriebe, oder religiöse Gruppen, Schulen oder Sportclubs. Alle müssen sich regelmässig austauschen. So würde entschieden, wie alle die Covid-Massnahmen unterstützen können. Unter anderem würde so auch geschaut, wie man Menschen mit speziellen Bedürfnissen helfen kann.

Passiert das in der Schweiz?

Ich weiss es nicht. Ich arbeite in der Schweiz. Mir hat niemand etwas gesagt von solchen übergreifenden Strategien, in den einzelnen Gemeinden. Ich hoffe, es gibt sie.

Und in Ostasien wäre das anders?

Sicher ist, wenn wir in Südkorea leben würden, wüssten wir alle ganz genau: Wen kontaktieren wir, wenn wir Symptome haben; wen kontaktieren wir, wenn wir besorgt sind. Wir würden regelmässig von der Gemeinde hören; wir würden wissen, wer die verantwortlichen Personen sind; wir wüssten, wo es Ausbrüche gab, und was dagegen getan wird. Ich weiss nicht, ob das in der Schweiz passiert. Wenn nicht, würde ich empfehlen, dass es geschieht, jetzt. Ich glaube, dass es nötig ist.

Sie arbeiten ja in der Schweiz, was machen Sie selber für Erfahrungen?

Ich habe Schweizer Freunde, die unter schweren Covid-Erkrankungen leiden. Einen hat es sehr schwer getroffen, er lebt im Kanton Waadt. Er konnte keinen Platz mehr finden in einem Spital. Obschon er wenig Sauerstoff im Blut hatte. Es gab schlicht keinen Platz mehr. Ich glaube wirklich, in dieser Situation mit sehr vollen Spitälern, muss dies als hohe Priorität behandelt werden von den Behörden. Das passiert bestimmt, aber ich weiss nichts davon.

Sollten als hohe Priorität behandelt werden, so Nabarro: volle Spitäler in der Westschweiz.

Sollten als hohe Priorität behandelt werden, so Nabarro: volle Spitäler in der Westschweiz.

Was sagen Ihnen denn Ihre schweizerischen Bekannten?

Ich frage sie, hat dich jemand kontaktiert? Weisst du, wer für dich verantwortlich ist, falls du krank wirst? Und sie sagen, Nein. Das ist überraschend in einem Landesteil, mit einer der höchsten Fallzahlen in ganz Europa. Sehr seltsam. Es überrascht mich, dass es nicht als nationaler Notstand behandelt wird.

Müssen die Massnahmen nicht den jeweiligen Kulturen angepasst sein? In der Schweiz wird vielleicht individuelle Freiheit höher gewichtet als in Asien.

Ich bin einfach besorgt. In der Schweiz könnte ein sehr hohes Niveau von Erkrankungen und Todesfällen erreicht werden. Die Fallzahlen sind extrem hoch in den Kantonen Genf, Waadt und Wallis. Es gibt wirkliche Überlastungen der Spitäler. Es ist eine extrem ernste Situation. Wir sollten sicher zugleich über individuelle Freiheit sprechen. Aber will die Schweizer Bevölkerung wirklich alarmierend hohe Zahlen von Toten sehen und von Menschen mit Langzeitfolgen? Wenn das passieren würde, wäre es auf Jahre hinaus eine Herausforderung. Es ist ein Notfall.

Also brauchen wir mehr Einschränkungen. Da haben wir aber wieder das Abwägen von Gesundheit und Wirtschaft.

Ich bleibe dabei. Es gibt keinen Tradeoff. Wenn man Freiheiten haben will, muss man dieses Virus zurückdrängen. Dafür braucht es abgestimmte Aktionen. Wenn die Fallzahlen sinken, und sie werden sinken, dann können wir so frei sein, wie wir wollen. Aber jetzt gerade? Sollten die Skiressorts öffnen? Unter welchen Bedingungen? Sollten wir Ansammlungen haben? Mit welchen Regeln? Braucht es eine Maskenpflicht, auch draussen, ja oder nein? Darüber müssen wir jetzt reden.

Wobei in Europa ja viele Länder mit hohen Fallzahlen zu kämpfen haben.

Es geht nicht nur um die Schweiz. Andere Länder müssen dieselbe Realität konfrontierten. Dieses Virus wird nicht auf einmal müde, und wieder verschwinden. Wir wissen mittlerweile: Es hat Langzeitfolgen für einen von zwanzig Angesteckten. Es beschädigt die Organe. Es geht auch um junge Menschen und solche im mittleren Alter. Es ist keine triviale Krankheit, sondern eine sehr ernsthafte.

Könnte man Ihre Einschätzung so zusammenfassen: Wenn man Ihren Vorgaben folgt und das Virus unter Kontrolle hat, dann kann man seine Freiheiten behalten. Aber sobald man die Kontrolle verliert, dann muss man eine Wahl treffen?

Das kann man so sagen. Wenn man das Virus zurückhalten kann mit einer wirklich robusten Verteidigung, dann ist es absolut möglich, ein Leben mit vielen Freiheiten zu haben. Man kann in Nachtclubs gehen. Oder Halloween feiern, wie sie es Südkorea getan haben. Es gibt ein paar Einschränkungen, vor allem wenn sich das Virus in einem Landesteil verbreitet. Aber das wissen sie in Südkorea und sie haben sich damit arrangiert. Das hat nichts zu tun mit politischen Philosophien oder kulturellen Unterschieden.

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