Grüne Wiesen, idyllische Seen, schneebedeckte Berge: Der Videoclip zur Ballade «Tere Bin» («Ohne dich») hat alles, was die Postkartenlandschaft Schweiz zu bieten hat. Vor dieser Kulisse singen die indischen Filmstars Ranveer Singh und Sara Ali Khan von ihrer Liebe.

Der Musikclip hat vor kurzem die 110-Millionen-Grenze auf Youtube überschritten, und die Klickzahlen klettern weiter nach oben. Das Lied ist Teil des Bollywood-Films «Simmba» – und ein Grosserfolg für die Organisation Schweiz Tourismus. Denn das Alpenland feiert damit sein Bollywood-Comeback.

Dass der Musikclip in der Schweiz gedreht wurde, kommt nicht von ungefähr. Hauptdarsteller Singh ist seit 2016 Markenbotschafter von Schweiz Tourismus und hat sich als Glücksgriff erwiesen, um die Schweiz bei seinen Landsleuten zu bewerben. Denn just nach Vertragsabschluss begann sein kometenhafter Aufstieg in der indischen Kinometropole. Er konnte gleich zwei Blockbuster verbuchen und gilt aktuell als gefragtester Star in Bollywood.

... und sein Musikclip «Tere Bin» aus seinem aktuellen Blockbuster «Simmba» zählt auf Youtube über 100 Millionen Klicks.

Österreich als Konkurrenz

«Singh konnte die Produzenten überzeugen, die Sequenzen in der Schweiz zu drehen», sagt André Aschwanden, Sprecher von Schweiz Tourismus. Die Organisation übernehme in solchen Fällen die Visumbeschaffung, die Flüge, die Unterbringung und Verpflegung sowie die öV-Tickets für die Filmcrew. «Darüber hinaus halfen wir natürlich bei der Auswahl der Drehorte.» Zum Zug kamen Grindelwald, Iseltwald, der Grimselpass und Gruyère.

Der Erfolg lässt hiesige Touristiker auf ein Wiederaufflammen der Liebschaft Schweiz – Bollywood hoffen. Denn diese hatte zuletzt quasi eine Beziehungspause eingelegt. Vor allem in den 00er-Jahren begann Bollywood einen Bogen um die Schweiz zu machen, nachdem in den 90er-Jahren bis zu 50 Filme hierzulande gedreht wurden. Doch andere Länder wie Österreich erkannten das touristische Potenzial und begannen die Filmproduzenten professionell zu umgarnen – inklusive finanzieller Zuschüsse.

Wie stark der Bollywood-Effekt tatsächlich ist, ist schwer messbar. Fakt ist aber, dass die Logiernächte von indischen Gästen hierzulande in den 2000er-Jahren prozentual weniger stark zulegten als in den 90ern.

Die Zahl von chinesischen und arabischen Gästen wuchs hingegen stärker, wie Zahlen des Bundesamtes für Statistik zeigen (siehe nachfolgende Grafik). «Vor allem bei jungen und urbanen Indern erlangte die Schweiz ein etwas verstaubtes Image, sozusagen als Urlaubsdestination für Grosseltern», sagt Aschwanden. Vor einigen Jahren titelte die «Schweiz am Sonntag» denn auch: «Bollywood hat sich sattgesehen».

Ein politischer Konflikt half

Dabei schienen Bollywood und die Schweiz einst unzertrennlich. Die indisch-alpine Romanze nahm in den 60er-Jahren ihren Anfang. Damals diente die pittoreske Berglandschaft als Ersatz für das mit Pakistan umkämpfte Kaschmir, das für Filmdreharbeiten Tabu war.

Der Boom kam dann in den 80er- und 90er-Jahren dank Regisseur Yash Chopra, der mehr als ein Dutzend Filme in der Schweiz drehte, darunter die ultimative Bollywood-Schnulze «Dilwale Dulhania Le Jayenge» (kurz: DDLJ) mit Kultstar Shah Rukh Khan. Sie zementierte das Image der Schweiz als romantische Traumdestination. In Interlaken BE steht noch heute eine Statue des Regisseurs.

Seither wurden über 170 Filme zumindest teilweise in der Schweiz gedreht.
Und nun also die Hoffnung auf ein Comeback. Eine indische Zeitung titelte kürzlich in Anbetracht eines möglichen Revivals: «Bollywood’s Love Affair with Switzerland continues.» Laut Aschwanden wird der Musikclip «Tere Bin» auch im indischen Fernsehen ausgestrahlt.

In einigen Kinos hängen Schweiz-Plakate und vor Filmbeginn laufen Promotionsvideos mit Bildern von Singhs letztjähriger Reise an den Genfersee. Was sich Schweiz Tourismus die Marketingoffensive kosten lässt bei einem Jahresbudget von 94 Millionen Franken, verrät der Sprecher nicht. Branchenkenner rechnen mit mehreren hunderttausend Franken, die Singh einkassieren dürfte.

Auch die Swiss profitiert

Ob dank Singh oder nicht: Die Zahl der Hotelübernachtungen aus Indien ist 2017 auf 739 000 gestiegen – ein Plus von 23 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Und für 2018 sprechen die provisorischen Zahlen für einen neuen Rekordwert.

Davon profitiert auch die Swiss, die täglich ab Zürich nach Delhi und Mumbai fliegt. Für Sprecher Aschwanden ist klar: «Für dieses Wachstum sind die Aktivitäten mit Ranveer Singh mitverantwortlich. Die Schweiz wird dank ihm vermehrt mit einem hippen und coolen Image verbunden.»

Politisch kommt Bewegung ins Thema: Der Berner Ständerat Werner Luginbühl (BDP) hat eine Interpellation an den Bundesrat eingereicht mit dem Titel: «Die Schweiz als innovative Top-Destination für Filmproduktionen positionieren.» Heute fehlt der Schweiz eine schlagkräftige Organisation, die Filmprojekte anlocken könnte. Laut dem «Bund» führt der Dachverband Cinésuisse nun Gespräche mit dem Staatssekretariat für Wirtschaft, um dies zu ändern.

Schweiz Tourismus hat den Vertrag mit Singh verlängert, wie Sprecher Aschwanden sagt, auch wegen dessen grossen Einflusses in den sozialen Medien. Singh zählt auf Instagram 19 Millionen Fans, auf Twitter 11 Millionen.

Zum Vergleich: US-Fernsehstar Kaley Cuoco («The Big Bang Theory»), die kürzlich in Zermatt weilte und für medialen Trubel in der Schweiz sorgte, bringt es bei Instagram «nur» auf 4,5 Millionen Anhänger, Roger Federer auf 5,7. Gratis-Werbung gab es neulich zudem von Singhs Schauspielkollegin Priyanka Chopra, die sogar 35 Millionen Fans auf Instagram zählt: Sie postete fleissig Schnappschüsse von ihren Neujahrsferien in den Alpen.

Wachstum auf tiefem Niveau

Heute reisen vier von fünf indischen Gästen im Sommer in die Schweiz. Ziel sei es, die Schweiz noch stärker bei jungen und urbanen Indern bekannt zu machen, sagt Aschwanden. Diese würden sich im Gegensatz zu den Eltern auch in den Wintersport vorwagen. «Touch the real Swiss snow» lautet denn auch das Versprechen bei vielen Reiseanbietern.

Schweiz Tourismus betont in einem Faktenblatt, Indien gehöre zu den am schnellsten wachsenden Märkten für Auslandreisen. Doch bei aller Euphorie gilt es zu bedenken, dass das Marketing grosse Streuverluste mit sich bringt und vor allem auf die obere Bevölkerungsschicht zielt. Das indische BIP legt zu, doch auf tiefem Niveau. Von der Gesamtbevölkerung mit 1,1 Milliarden Indern reisen gerade mal 8 Millionen ins Ausland in die Ferien.

Jene, die kommen, sind allerdings ausgabefreudig. Sie lassen im Schnitt 310 Franken pro Tag liegen – das ist Platz 5 hinter den Golfstaaten (420), China (380), Singapur (330) und Malaysia (320). Inzwischen reist die Mehrheit der Touristen nicht mehr in Gruppen, sondern individuell und sie bleiben länger als nur ein, zwei Tage.

Es sind reiseerfahrene Städter aus Mumbai, Delhi oder Bangalore, die Outdoor-Abenteuer erleben oder ihre Hochzeitsreise inmitten von Schweizer Bergen verbringen wollen – inspiriert von Liebesliedern wie «Tere Bin».