Spekulationen auf eine baldige Zinswende in Grossbritannien haben gestern das Pfund beflügelt. Die japanische Aktienbörse wurde ins Minus gedrückt.

Was ist passiert? Deutsche Staatsanleihen sind auf Talfahrt. Gestern fiel der für den Anleihemarkt richtungsweisende Euro-Bund-Future um 0,18 Prozent auf 152,45 Punkte. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen stieg im Gegenzug auf 0,73 Prozent. In den letzten Tagen stiegen die Renditen der zehnjährigen Eidgenossen‐ von Minus 0,1 Prozent auf Plus 0,16 Prozent.

450 Milliarden vernichtet

Das alles scheint auf den ersten Blick wenig: In Fachkreisen spricht man aber schon von einem «Flash-Crash». Es ging alles in einem rasanten Tempo und hatte Auswirkungen auf die Aktienbörsen. Die Nachrichtenagentur «Bloomberg» berechnete, dass in den letzten Wochen weltweit 450 Milliarden Dollar an Werten vernichtet wurden.

Obligationen oder Anleihen sind Schuldscheine, die von Firmen oder Staaten herausgegeben werden. Je nachdem wie sich die Verschuldungssituation der Firmen oder Staaten darstellt, sind die Zinsen, die diese Schuldner zu zahlen haben. Diese Anleihen werden gehandelt. Es ist einer der grössten Finanzmärkte überhaupt. Die sogenannten Renditen sind hier eine Art Fiebermesser für die aktuelle Lage der Schuldner. Steigende Renditen heisst aber auch, dass der Anleger, der die Titel hält, einen Verlust verbuchen muss.

Was ist also passiert, dass es zu solch bemerkenswerten Bewegungen kam? Wieso die Nervosität? Laut den Fondsmanagern der US-Investmentbank JP Morgan hat genau dieser plötzliche Verkauf von Staatsanleihen in Deutschland zu den Turbulenzen geführt. In den Wochen zuvor war es noch zu einer umgekehrten Situation gekommen: Ausgelöst durch das Billionen-Kaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB) stieg die Nachfrage enorm.

Nun soll also alles ganz anders sein? «Wir haben es mit einer nachhaltigen Normalisierung der Anleihenmärkte zu tun», sagt der deutsche Fondsmanager Manfred Schlumberger von BHF Trust in Frankfurt im Gespräch mit der «Nordwestschweiz». Schlumberger geht davon aus, dass es ein Signal ist, dass die Deflations-Ängste in Europa endgültig verflogen sind.

Tatsächlich: Die EU-Kommission rechnet damit, dass die Wirtschaft der Eurozone in diesem Jahr um 1,5 Prozent wächst. Für das kommende Jahr werden sogar 1,9 Prozent erwartet. Dies alles hat also Konsequenzen in der Beurteilung der Lage durch die Finanzprofis: «Bei den Zinsen haben wir wohl den Tiefpunkt gesehen. Die Situation mit extrem tiefen Zinsen, oder gar Negativzinsen, wird es bald nicht mehr geben», so Schlumberger.

«Wenn die Situation in Griechenland nicht völlig ausser Kontrolle gerät, haben wir im März das Tief bei den europäischen Zinsen gesehen», meint auch Thomas Stucki, Anlagechef der St. Galler Kantonalbank.

Kein rasches Ende der Käufe

Wenn es denn so gut steht um die Wirtschaft, so die Theorie, könnte die EZB also aufhören mit den Käufen von Staatsanleihen. Davon halten die meisten Experten derzeit nichts. Im Gegenteil, sie gehen davon aus, dass die EZB weiter kaufen muss, damit die Konjunktur in Europa nicht vorzeitig abgewürgt wird. «Wir werden in den kommenden Monaten noch die eine oder andere Schwankung sehen. Es wird aber wohl bis zum Auslaufen des EZB-Anleihenskaufprogramms keine wesentliche Änderung geben», sagt Schlumberger.

Das heisst auch, dass ein nachhaltiger Zinsanstieg erst in zwei Jahren ein Thema wird. Und dies hat Folgen für die Schweiz: Solange die EZB Anleihen kauft, bleibt die Situation für den Franken angespannt. Denn solange die Währung in Europa mit diesen Massnahmen künstlich tief gehalten wird, wird der Franken kaum schwächer.