Verbände
Das Ende einer Ära: Die Pharma-Lobby verliert ihre Speerspitze

Zwei prägende Figuren der beiden Pharmaverbände treten ab.

Andreas Möckli
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Thomas Cueni (oben links) wird bei Interpharma von René Buholzer (unten links) abgelöst, Walter Hölzle (oben rechts) bei der Vips von Marcel Plattner (unten rechts)

Thomas Cueni (oben links) wird bei Interpharma von René Buholzer (unten links) abgelöst, Walter Hölzle (oben rechts) bei der Vips von Marcel Plattner (unten rechts)

Shutterstock/Montage:az

Es ist das Ende einer Ära. An der Spitze der beiden wichtigsten Schweizer Pharmaverbände haben zwei prägende Manager neuen Figuren Platz gemacht. Zum einen ist da Thomas Cueni. Bis diesen Januar war er Generalsekretär des Lobbyverbands Interpharma. Nun steht er dem Internationalen Pharmaverband Ifpma mit Sitz in Genf vor. Cueni war auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, etwa als er in TV-Sendungen wie dem «Kassensturz» oder dem «Club» die Interessen der Pharmaindustrie vehement verteidigte. Oft musste er dabei die hohen Medikamentenpreise rechtfertigen. Zudem gewährte ihm die «Basler Zeitung» unter Chefredaktor Markus Somm eine wöchentliche Kolumne.

Interpharma wurde in den 30er-Jahren von der Basler Chemie gegründet und bis heute stark von Novartis und Roche geprägt. Cueni stand Interpharma während ganzen 29 Jahren vor.

Zwei Doyens mit starkem Ego

Auf immerhin 25 Jahre brachte es Walter Hölzle. Er war bis vor kurzem Präsident des zweiten, weniger bekannten Pharmaverbands Vips. Das Kürzel steht für Vereinigung Pharmafirmen in der Schweiz und war ursprünglich auf Schweizer Ableger ausländischer Konzerne fokussiert – also quasi das Gegenstück zu Interpharma.

Hölzle als auch Cueni waren klassische Interessenvertreter, die selber operativ nicht in der Pharmaindustrie gearbeitet haben. Obwohl Cueni zuweilen als arrogant und unnahbar beschrieben wird, gilt er als einer der besten Lobbyisten in der Schweiz. Sonderlich beliebt war er nie. Die Attribute, die ihm angeheftet wurden, reichten von «effizient» bis «gefürchtet». Auch Hölzle wusste die Interessen seines Verbands Vips kraftvoll zu vertreten. Er und Cueni galten als Doyens der Pharmaverbandslandschaft mit starkem Ego und gewissen Eitelkeiten. Manchmal arbeiteten sie gegeneinander, manchmal schmiedeten sie Koalitionen gegen Dritte, erzählt ein Pharmamanager, der nicht genannt werden will. Dies habe zu teils merkwürdigen Konstellationen geführt.

Lange Zeit galt Vips als angriffiger, während Interpharma eher auf ein gutes Einvernehmen mit den Politikern und der Verwaltung setzte. Doch innerhalb von Interpharma kam zunehmend die Forderung auf, sich in Bern druckvoller einzubringen. Gleichzeitig gab der Vorstand von Interpharma seinem Generalsekretär Cueni grünes Licht, neue Mitglieder anzuwerben. Dies wurde vom Lobbyverband zwar stets bestritten, doch die «Nordwestschweiz» weiss von einem Beschluss des Vorstands in dieser Sache.

Cueni liess sich nicht zweimal bitten und schritt zur Tat. In den letzten Jahren wechselten gleich reihenweise Mitglieder von Vips zu Interpharma. Für einige Zeit blieben gewisse Firmen Mitglied bei beiden Verbänden, irgendwann traten sie dann aber bei Vips aus. Und so gewann Interpharma namhafte Firmen wie etwa die französische Sanofi, die britische GSK sowie zahlreiche amerikanische Konzerne wie Pfizer, Bristol-Myers Squibb, Amgen oder Biogen. Zählte Interpharma 2009 sieben Mitglieder, sind es heute 24.

Vereinigung Pharmafirmen will sich für bessere Versorgung einsetzen

Als Ergebnis der zweijährigen Standortbestimmung will sich der Pharmaverband Vips auf einige Themen konzentrieren. Dazu zählen etwa die Medikamentenpreise, die Stärkung des Wettbewerbs und die Versorgungssicherheit. Plattner stört sich daran, dass die Hürden für gewisse Medikamente in der Schweiz zu hoch sind. Dennoch müssen Pharmafirmen für einige Medikamente zusätzliche klinische Studien beibringen, um sie in der Schweiz zulassen zu können. Und dies, obwohl die Medikamente in Europa und in den USA bereits auf dem Markt sind. Die Kosten für neue Studien für den kleinen Schweizer Markt seien zu hoch. Zudem sorgt sich Plattner, dass der Zusatznutzen von Präparaten in der Anwendung preislich zu wenig gewürdigt werde. So gebe es Mittel, die dank Pflaster oder anderer Darreichungsformen für die Patienten viel handlicher und weniger aufwendig seien. Jedoch werde dies in der Preisbildung zu wenig berücksichtigt. Bei beiden Themen ist Plattner mit den Behörden im Gespräch. (mka)

Die Kräfteverhältnisse zwischen den beiden Pharmaverbänden haben sich damit deutlich zugunsten von Interpharma verschoben. Der Lobbyverband zählt mittlerweile fast sämtliche weltgrössten Pharmakonzerne zu seinen Mitgliedern, während Vips sich mit den mittleren und kleinen Firmen begnügen muss. Entsprechend wurde auch das Budget des kleineren Verbandes dezimiert. Cueni geht in diesem Duell gegen Hölzle als klarer Sieger hervor.

Respektiert, nicht gefürchtet

Bei der Vips ist nun seit Mai Marcel Plattner Präsident und damit Nachfolger von Hölzle. Dem gelernten Chemiker scheint die Rolle des Underdogs gar nicht so sehr zu missfallen. Er gesteht zwar ein, dass die Situation durch die Abgänge in den letzten Jahren nicht einfach gewesen sei. «Dies hat uns aber die Möglichkeit eröffnet, um eine Standortbestimmung vorzunehmen und unser Profil zu schärfen», sagt Plattner im Gespräch.

Auf seinen Vorgänger Hölzle und dessen Antipoden Cueni angesprochen, sagt er, ihm liege ein aggressives Lobbying fern. «Es ist nicht mein Ziel, bei den Politikern gefürchtet zu sein.» Er wolle vielmehr auf den Dialog setzen. In seinen ersten 100 Tagen im Amt habe er bereits rund zehn National- und Ständeräte getroffen. Diese wie auch die Vertreter der Behörden würden es schätzen, dass ihnen nun ein Ansprechpartner gegenübertrete, der aus der Industrie stamme. Plattner ist Chef der Firma Gebro Pharma mit Sitz in Liestal. Das Unternehmen beschäftigt rund 30 Mitarbeiter und ist eine Tochter der familiengeführten Gebro Holding mit Sitz im österreichischen Fieberbrunn bei Kitzbühel.

Branchenbeobachter können derweil nur schwer nachvollziehen, weshalb die marginalisierte Vips nicht auf neue Mitgliedersegmente zielt. So gebe es im Bereich der Biotechbranche zahlreiche Jungunternehmen, die Vips für sich gewinnen und sich so für die Zukunft wappnen könnte. Plattner entgegnet, dass die Vips gegenüber Start-ups aus der Biotechszene sehr offen sei, die auf den Schweizer Markt fokussierten. «Für Unternehmen, welche ihre Produkte jedoch nicht in der Schweiz vermarkten wollen, sind wir nicht der richtige Verband», sagt Plattner. «Für Start-ups mit Fokus Schweiz hingegen haben wir die richtige Kompetenz.»

Bei Interpharma wird der Nachfolger von Cueni am 4. September sein Amt antreten. Mit René Buholzer hat sich der Verband einen Generalsekretär geholt, der wie Plattner einer breiten Öffentlichkeit kaum bekannt ist. Zu Plänen oder neuen Akzenten des Noch-Credit-Suisse-Managers will sich Interpharma nicht äussern. Dafür sei es noch zu früh, sagt Sprecherin Sara Käch. Themen wie eine rasche Zulassung und Erstattung von Medikamenten sowie Standortfragen würden aber weiterhin Schwerpunkte des Verbands bleiben.