Economiesuisse-Chefin

«Das Potenzial bei den Frauen ist begrenzt»

Monika Rühl, die Direktorin von Economiesuisse, glaubt nicht an einen fundamentalen Wandel der Arbeitswelt. Es bleibt ihr Geheimnis, wie die Zuwanderung trotzdem zurückgehen soll.

Am 9. Februar hat das Stimmvolk klargemacht: Die Zuwanderung soll sinken. Seither ruft die Schweizer Wirtschaft auch vermehrt nach den Schweizer Frauen: Anstatt ausschliesslich Hausarbeit zu leisten, sollen sie vermehrt auch erwerbstätig sein.

Wie aber möchte die Wirtschaft den Frauen die Arbeitswelt schmackhaft machen? Wir haben bei Economiesuisse-Direktorin Monika Rühl nachgefragt. Herausgekommen ist das vielleicht langweiligste Interview, das in diesen Spalten je erschienen ist. Die Ursache: Eigentlich möchte Economiesuisse so wenig wie möglich unternehmen. Nur ist Monika Rühl viel zu klug, um das geradeheraus zu sagen.

Frau Rühl, auch nach dem klaren Nein zu Ecopop bleibt die Zuwanderung ganz oben auf der politischen Agenda. Was tut Economiesuisse?

Monika Rühl: Die Masseneinwanderungsinitiative muss umgesetzt werden. Wir setzen uns aber dafür ein, dass das Abkommen über die Personenfreizügigkeit nicht gekündigt werden muss, damit wir die bilateralen Verträge mit der EU nicht verlieren.

Das ist die Quadratur des Kreises – oder eben: eine Sackgasse. Ein neugegründeter Verein namens «Raus aus der Sackgasse» möchte mit einer Volksinitiative den Entscheid vom 9. Februar rückgängig machen. Das freut Sie bestimmt.

Keineswegs. Das Volk hat am 9. Februar Ja zu einer Einschränkung der Zuwanderung gesagt. Und die Europäische Union hat zumindest Gesprächsbereitschaft für konkrete Anwendungsfragen der Personenfreizügigkeit signalisiert. Bevor diese Verhandlungen überhaupt geführt sind, bereits wieder abstimmen zu wollen, ist weder sinnvoll noch zielführend.

Wie soll das denn funktionieren: Personenfreizügigkeit und eine Beschränkung der Zuwanderung?

Eine mögliche Variante wäre eine Schutzklausel: Die Personenfreizügigkeit gilt, so lange eine definierte Grenze nicht überschritten wird. Ist diese erreicht, tritt eine Schutzklausel in Kraft, und es wird kontingentiert.

Wo soll denn die Schwelle angesetzt werden?

Darüber muss man sich unterhalten. Die Forderung lautet, dass die Zuwanderung sinkt. Also muss der Wert tiefer liegen als die aktuelle Zuwanderung.

Bei 50 000 Personen pro Jahr?

Es macht keinen Sinn, sich heute schon auf eine Zahl festzulegen. Ich weise aber darauf hin, dass die neuen Verfassungsbestimmungen eine wirtschaftsfreundliche Umsetzung vorschreiben. Da möchte ich die Initianten beim Wort nehmen.

Economiesuisse-Direktorin Monika Rühl: «Ich will keine Zwangsmassnahmen für Frauen, die ihre Kinder selber betreuen möchten.»

Economiesuisse-Direktorin Monika Rühl: «Ich will keine Zwangsmassnahmen für Frauen, die ihre Kinder selber betreuen möchten.»

Für wie viele Menschen hat es Platz in der Schweiz?

Diese Frage kann ich nicht beantworten. Jede Zahl ist willkürlich. Wir setzen uns für eine Schweiz ein, in der die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen, die eine gute Infrastruktur, einen hohen Lebensstandard und eine gesunde Umwelt aufweist. Da sind wir gut unterwegs. Aber das ist nicht selbstverständlich, deshalb müssen wir jeden Tag dafür sorgen, dass es so bleibt.

Können Sie sich eine 10-Millionen-Schweiz vorstellen?

Wie gesagt: Es bringt nichts, Zahlen zu nennen.

Versuchen Sie die Firmen davon zu überzeugen, flexible Arbeitszeitmodelle und Kitas anzubieten?

Das ist in erster Linie eine Aufgabe des Arbeitgeberverbands. Wir tauschen uns aber ständig aus und werden Anfang 2015 Vorschläge präsentieren, wie das Arbeitskräftepotenzial im Inland besser genutzt werden kann.

Bisher haben wir hier lediglich Lippenbekenntnisse vernommen, aber nichts Konkretes.

Letzte Woche erst hat der Nationalrat einen Schritt zur Abschaffung der Heiratsstrafe unternommen. Das ist doch konkret. Hier werden Anreize geschaffen, dass erwerbstätige Ehepaare steuerlich nicht bestraft werden. Es sind aber noch viele Details zu klären.

Damit holen Sie keine der 50 000 Hausfrauen mit akademischem Abschluss hinter dem Herd hervor und zurück ins Erwerbsleben.

Selbstverständlich braucht es weitere Massnahmen, damit diejenigen Frauen, die nicht arbeiten, ins Erwerbsleben zurückkehren. Oder dass sie ihren Beschäftigungsgrad hinaufsetzen – denn grundsätzlich ist die Arbeitsmarktpartizipation der Frauen in der Schweiz recht hoch. Aber viele Frauen arbeiten mit kleinem Pensum. Es braucht eine Diskussion um die Betreuung von Kindern auf privater Basis und eine Diskussion um Arbeitszeitmodelle.

Sonderlich konkret klingt das nicht. Warum setzen Sie sich beispielsweise nicht dafür ein, dass es landesweit günstige Kindertagesstätten gibt?

Viele Unternehmungen unterhalten eigene Krippen. Der Bundesrat hat ausserdem vor einiger Zeit schon die Fachkräfteinitiative lanciert. Die bessere Vereinbarung von Familie und Beruf bildet darin einen wichtigen Handlungsstrang. Und schliesslich ist es auch so: Es braucht zwar mehr Frauen im Arbeitsleben. Eine Frau darf aber auch sagen: Ich bleibe lieber zu Hause und kümmere mich um meine Kinder.

Es geht nicht um einen Zwang. Aber um die Möglichkeit, zu arbeiten. Wenn eine Kita für ein vollerwerbstätiges Elternpaar heute monatlich 2500 Franken pro Kind kostet, ist es doch ganz normal, dass viele Mütter lieber daheim bleiben.

Natürlich gibt es objektive Schwierigkeiten, um Frauen im Erwerbsleben zu halten. Hier handelt es sich um eine komplexe gesellschaftspolitische Geschichte. Es braucht einen Veränderungsprozess in unseren Köpfen. Man kann nicht einfach sagen: Es braucht Gratis-Kitas. Sondern: Welche Anreize braucht es, damit mehr Kitas entstehen? Wie erreichen wir die volle Akzeptanz dafür, dass Väter von Kleinkindern ihr Arbeitspensum auf 60 bis 80 Prozent reduzieren? Daran arbeiten wir, aber diese Veränderungen brauchen Zeit.

Monika Rühl am Economiesuisse-Hauptsitz in Zürich: «Staatlich finanzierte Gratis-Kitas sind kein Thema.»

Monika Rühl am Economiesuisse-Hauptsitz in Zürich: «Staatlich finanzierte Gratis-Kitas sind kein Thema.»

In zehn Jahren also wird es solche Gratis-Kitas geben? Und Betreuungsstrukturen während der Schulferien obendrein? Denn wie sollen beide Eltern arbeiten können, wenn die Kinder 13 Wochen Schulferien haben?

Ich kann nicht im Detail sagen, wie die Arbeitswelt der Zukunft aussehen wird. Man muss aber realistisch sein. Einen fundamentalen Wechsel wird es nicht geben – auch darum, weil das Potenzial bei den Frauen begrenzt ist. Ich will keine Zwangsmassnahmen für Frauen, die ihre Kinder selber betreuen möchten. Und: Das Ganze muss bezahlbar bleiben.

Nur damit wir Sie richtig verstehen: Sie sind also gegen Gratis-Kitas und ein umfassendes Angebot zur Betreuung von Schulkindern während der Ferien?

Die flächendeckende Einführung staatlich finanzierter Gratis-Kitas ist kein Thema – man darf die Kosten schliesslich nicht aus den Augen verlieren. Was ich abschliessend zu diesem Thema sagen möchte: Es braucht verschiedene Massnahmen. Es braucht insbesondere auch die Bereitschaft der Väter. Kinderbetreuung ist auch Männersache! In jedem Fall braucht es für jede Familie eine individuelle Lösung.

Zuletzt ist die Standortförderung vermehrt zum Thema geworden. Da investiert die Schweiz Millionen. Ist das angesichts der Zuwanderungsdebatte noch angebracht?

Die Standortförderung läuft meines Erachtens sehr gut. Die Kantone organisieren diese teils gemeinsam, mit Switzerland Global Enterprises (ehemals Osec, Anm. der Redaktion) als Dachorganisation. Diese Anstrengungen sind wichtig, denn der internationale Standortwettbewerb ist brutal. Und momentan kommen weniger Firmen in die Schweiz als auch schon, weil sie zunehmend rechtliche Unsicherheiten befürchten, insbesondere auch nach Annahme der Masseneinwanderungsinitiative.

Ist es vom Volk nicht gewollt, dass weniger Firmen in die Schweiz kommen? Google zum Beispiel hat hierzulande über tausend Arbeitsplätze geschaffen. Die grosse Mehrheit der Angestellten wird aber im Ausland rekrutiert. Wollen wir solche Firmen in Zukunft noch?

Firmen wie Google arbeiten eng mit unseren Forschungsinstituten zusammen. Zudem sind sie in einem sehr spannenden Bereich tätig und fördern den kulturellen Austausch. Für mich ist das eine Bereicherung und etwas sehr Positives.

Aber grundsätzlich ist es doch ein Widerspruch, wenn wir die Zuwanderung drosseln wollen und gleichzeitig möglichst viele Firmen in die Schweiz locken.

Bei der Standortförderung geht es nicht nur darum, ausländische Firmen in die Schweiz zu locken. Wir müssen auch ein attraktiver Standort sein für jene Firmen, die schon hier sind. Die wollen wir in der Schweiz behalten. Wir haben kein Interesse daran, dass unsere Firmen den Standort ins Ausland verlagern, weil sich die Rahmenbedingungen hierzulande verschlechtern.

Trotzdem: Dass wir viel Geld investieren, um neue Firmen anzulocken, ist doch widersprüchlich.

Nein. Denn wir brauchen qualitatives Wachstum und innovative Firmen wie zum Beispiel Google. Die Ansiedelung solcher Unternehmen fördert auch die Innovation von Schweizer Firmen. Und ohne diese Innovationskraft wären nicht so viele Schweizer KMU weltweit Marktführer in ihrem spezifischen Bereich. Das ist phänomenal – deshalb müssen wir attraktiv bleiben.

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