NZZ

Das Vertrauen der Redaktion in den Verwaltungsrat ist weg

Die Redaktion der «Neuen Zürcher Zeitung» erwacht nach den Gerüchten um eine Ernennung Makrus Somms als Chefredaktor aus der Schockstarre. Viele zweifeln, ob Präsident Etienne Jornod die Affäre Somm übersteht.

Gestern äusserten viele «NZZ»-Redaktoren erstmals subtil ihren Unmut über den abrupten Abgang von Chefredaktor Markus Spillmann: Sie retweeteten scharenweise einen Kommentar von Felix E. Müller, Chefredaktor der «NZZ am Sonntag». Müller stellte darin klar: «Einen Freisinn blocherscher Prägung gibt es nicht.»

Es war eine Absage an dem von «Weltwoche» und «Basler Zeitung» propagierten Schulterschluss zwischen SVP und FDP. Vor allem aber wandte sich Müller damit gegen den eigenen Verwaltungsrat, der gemäss Recherchen der «Schweiz am Sonntag» und der «SonntagsZeitung» Markus Somm als neuen Chefredaktor der «NZZ» installieren will.

Der Chefredaktor der «Basler Zeitung» ist in der Ausländer- und der Europa-Frage stramm auf Blochers Linie. Somm als Chefredaktor wäre eine Abkehr von der freisinnigen «NZZ»-Tradition.

Bereits am Samstag leistete sich die «NZZ»-Redaktion einen anderen subversiven Akt. Sie publizierte einen Leserbrief der Witwe des ehemaligen «NZZ»-Chefredaktors Willy Bretscher. Sie wehrte sich gegen die Darstellung des «Weltwoche»-Chefs Roger Köppel, der Blocher auf dem gleichen Kurs wie Bretscher sieht – eben dem Freisinn blocherscher Prägung.

Ein Fall für die Aktionäre?

Die «NZZ»-Redaktion erwacht also langsam aus der Schockstarre. Die Personalkommission (Peko) hat über das Wochenende das weitere Vorgehen in der Causa Spillmann/Somm besprochen, wie Präsidentin Brigitte Hürlimann sagt – ohne Details bekannt zu geben.

Denn eigentlich ist die Peko auf einer anderen Baustelle stark engagiert: Sie versucht, die Schliessung der «NZZ»-Druckerei in Schlieren zu verhindern. Der Abgang des Chefredaktors ist nach der Schliessung der Druckerei die zweite «Hauruckübung» innerhalb von zwei Wochen, sagt Hürlimann. Das sei hochproblematisch. Nach Ansicht der Peko müssten Entscheide von solcher Tragweite eigentlich von der Generalversammlung gefällt werden.

Somm wäre ein Erdbeben

Mehrere Stimmen aus der «NZZ»-Redaktion bestätigen, dass die Unruhe gross ist. Dabei steht nicht einmal mehr die Personalie Somm im Vordergrund. Innerhalb der Redaktion geht man mehrheitlich davon aus, dass Somm nicht Chefredaktor der «NZZ» wird. Zu gross wäre das Erdbeben in der Redaktion, aber auch bei den Lesern und im Aktionariat.

Weit schwerer wiegt inzwischen der Vertrauensverlust in den Verwaltungsrat. Einerseits, weil er miserabel kommuniziert und die Redaktion im Ungewissen lässt. Andererseits, weil er überhaupt auf die «Schnapsidee» mit Somm gekommen sei, wie es ein langjähriger «NZZ»-Redaktor ausdrückt. Ob Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod die Turbulenzen übersteht, wird arg bezweifelt.

Externe Kräfte mobilisieren

Noch hat die Redaktion keine konzertierte Aktion gegen den Verwaltungsrat gestartet. Einzelne Mitglieder aber haben ihren Unmut in Briefen und E-Mails an die Führungsriege geäussert, andere versuchen externe Kräfte im Aktionariat und im Freisinn zu mobilisieren.

Die Hoffnungen ruhen derzeit aber vor allem auf einem Treffen am Dienstag zwischen Verwaltungsrat und Ressortleitern der «NZZ». Deren Ziel ist es, Somm definitiv zu verhindern. Dem Vernehmen nach wollen sie gar eine Alternative präsentieren.

Meistgesehen

Artboard 1