Die Schweizer Börse erreichte diese Woche einen neuen Allzeitrekord. Auf rund 9848 Punkte kam der Swiss Market Index, der den Kursverlauf der schweizerischen Bluechip-Unternehmen abbildet. Damit ist die historische Marke von 10'000 Punkten in Reichweite geraten. Das Hoch dürfte anhalten.

Der Boom hat sozusagen den Segen der Schweizerischen Nationalbank. Für die SNB ist ein Börsenhoch nämlich das kleinere Übel. Es ist ihr lieber als Übertreibungen am Immobilienmarkt. So lassen sich Ausführungen zusammenfassen, die der SNB-Vizedirektor Fritz Zurbrügg diese Woche an der geldpolitischen Lagebeurteilung machte.

Zurbrügg hatte sich geäussert zu den Folgen der schärferen Regeln, die bald für die Renditeliegenschaften gelten. Wird das Finanzsystem damit wirklich stabiler? Oder fliesst bloss billiges Geld weg von den Immobilien und hin zu den Aktienmärkten – sodass es dort zu Übertreibungen kommt?

Ein Jahr zuvor hatte Zurbrügg eine behördliche Offensive eingeläutet. In einer Rede forderte der Verantwortliche für Finanzstabilität: Die Banken sollten ihre eigenen Regeln verschärfen, nach denen sie Hypotheken vergeben für Renditeliegenschaften. Mit diesen Mietwohnungen wollen Investoren eine Rendite erzielen. Später wurde der Druck noch erhöht durch die Finanzaufsicht Finma und das eidgenössische Finanzdepartement.

Im Frühling 2019 lenkten die Banken ein. Aktuell erarbeiten sie die konkrete Ausgestaltung. Die Grundzüge sind bereits bekannt: Wohnungen werden weniger stark belehnt; Kredite schneller zurückbezahlt.

Durch die neuen Regeln müssen die Investoren ausweichen. Bei Staatsanleihen werden sie kaum fündig. Diesen Sommer zahlt man einen Zins von 0,46 Prozent, wenn man dem Staat zehn Jahre lang Geld leiht. Also werden mehr Investoren als bis anhin in Aktien flüchten. Die Börse bekommt zusätzlich Schub. Was die Anleger heute freut –  morgen aber im Crash enden kann. Die Risiken verschieben sich also, von Immobilien zu Aktien.

Ist damit irgendetwas gewonnen? Ja, sagt die Nationalbank. Ein einzelner Markt sei umso wichtiger für ein stabiles Finanzsystems, je stärker die Banken davon abhängen. Der Immobilienmarkt sei in dieser Hinsicht entscheidend. «Dort gibt es eine sehr hohe Verbindung von Bank und Investor», sagte SNB-Vize Zurbrügg. Die meisten Investitionen seien teilweise mit einer Hypothek finanziert. «Kommt es zu einer Korrektur, schlägt das bei den Banken durch.» Weltweit würden die Zentralbanken deshalb vor allem auf die Immobilienmärkte schauen.

«Im freien Fall»

Und was ist mit Übertreibungen an der Börse? Dazu sagt Zurbrügg: «Alles andere, wenn Investoren also etwa Aktien kaufen, tun sie dies meistens ohne Fremdkapital. Allfällige Verluste werden daher von den jeweiligen Investoren getragen.» Mit anderen Worten: Zwar können natürlich auch Börsenblasen dazu führen, dass Banken grosse Verluste erleiden. Aber vom Immobilienmarkt geht die ungleich grössere Gefahr aus für ein Finanzsystem. Wenn Investoren schon Geld verlieren, ist es für die Allgemeinheit besser, wenn es ihr eigenes ist – und nicht von den Banken geliehenes.

Ähnlich sieht es die Finanzaufsicht. Deren Direktor, Mark Branson, betonte kürzlich: «Krisen am Hypothekarmarkt hatten immer wieder gravierende Konsequenzen für die Stabilität von Volkswirtschaften.» Diese Erfahrung habe auch die Schweiz schon machen müssen. Damit war die Immobilienkrise der 90er-Jahre gemeint. Danach fiel die Wirtschaft in eine Wachstumskrise. International galt ebenfalls: Am längsten mussten jene Länder auf eine Erholung warten, in denen Immobilienblasen platzten und zugleich die Banken in Schieflage gerieten. Das zeigte beispielsweise eine Studie, in welcher der Internationale Währungsfonds verschiedene nationale Wirtschaftskrisen miteinander verglich.

Die Börse könnte noch aus einem anderen Grund bald zusätzlich Schub bekommen. Es verdichten sich die Anzeichen, dass die Europäische Zentralbank in den kommenden Monaten ihre Geldpolitik wieder lockern muss. «Im freien Fall», überschrieben die Währungsexperten der deutschen Commerzbank eine Kurzstudie. Die Investoren würden heute von einer deutlich tieferen Inflation ausgehen als zu Jahresanfang. Europas Zentralbank werde nicht tatenlos zusehen. Bekommen die Bankenexperten recht, wird mehr Geld als zuletzt in der Schweiz nach Renditen jagen müssen. Was die Schweizer Börse zusätzlich in die Höhe treibt.

Die grosse Unbekannte ist, wie die Schweizerische Nationalbank reagiert. Lockert ihr europäisches Pendant seine Geldpolitik, wird der Euro nochmals schwächer. Im Vergleich zum Vorjahr kostet er bereits heute 5 Rappen weniger. Dass die Nationalbank ihren Leitzins nochmals senken werde, glaube inzwischen niemand mehr, schreiben die Experten der Commerzbank. Da könne sie noch so häufig das Gegenteil behaupten. Zu einschneidend wäre es, so die Analysten, müssten die Banken noch mehr als 0,75 Prozent an Zins zahlen, wenn sie bei der Nationalbank ihr Geld parkieren wollen.