Wirtschaft

Der Fernseher flirtet mit der Kaffeemaschine

Die neue Voice-Box  der Swisscom. Bild: ZVG

Die neue Voice-Box der Swisscom. Bild: ZVG

Die neue Box von Swisscom soll mehr sein als bloss ein Gerät zum Fernsehen und Surfen.

Ein Ruf soll künftig durch möglichst viele Schweizer Haushaltungen schallen: «Hey, Swisscom!» Damit wird das Mikrofon der neuen Box aktiviert, die auf Sprachzuruf die Geräte im Haushalt steuert. Es wird einerlei sein, ob damit die gewünschte TV-Serie auf den Flachbildschirm befohlen, die Beleuchtung im Wohnzimmer gedimmt, die Videoüberwachung im Garten aktiviert oder die Kaffeemaschine in der Küche zum Aufwärmen geschickt wird. Sprachgesteuert soll dies alles über die Swisscom-Box möglich sein. Oder in der Sprache des Telekomunternehmens: Smart-Entertainment verbindet sich mit Smart-Home.

Smart ist ein schillernder Begriff der technologischen Entwicklung. Smarte Anwendungen signalisieren dem Nutzer, dass sie ihn im Alltag von Routinen entlasten. Die dazugehörigen Produkte haben den Ruf, klein, pfiffig und effizient zu sein. Smart eben. Die Karriere eines altdeutschen Worts

Nicht nur Personen, auch Dinge können smart sein

Das Eigenschaftswort smart hat eine altdeutsche Wurzel. «Smarta» hiess so viel wie «schmerzend». Daraus wurde das altenglische «smeard», was zunächst «schneidend» bedeutete. Allmählich bildete sich eine positive Bedeutung heraus. Das neuere «smart» meinte dann ganz britisch «schlagfertig» und «gewitzt». Nach dieser inhaltlichen Umwandlung fand das Wort wieder Eingang in die deutsche Sprache. Seit den 1950er-Jahren ist es cool, smart zu sein. Seit den 1990er-Jahren schliesslich ist es eine Eigenschaft, die nicht nur Personen zugeschrieben werden kann, auch Dinge dürfen smart ein. Das Smartphone, das telefonierende, fotografierende und kommunizierende Multifunktionsgerät, ist die maximale Verdichtung aller Attribute.

Die Begriffsreise führt weiter. Ganze Städte sollen zu Smart-Cities mutieren. Dies bedeutet, dass durch Big-Data-Anwendungen die Infrastrukturen optimal aufeinander abgestimmt werden. Damit schwingt bei smart auch noch der Gedanke der umweltfreundlichen und ressourcenschonenden Nachhaltigkeit mit. Smart-Home ist die Smart-City der eigenen vier Wände. Die Swisscom hat seit einiger Zeit eine Smart-Home-App im Angebot, mit der sich einzelne elektronische Geräte im Haushalt vom Smartphone aus steuern lassen. Der Nutzen mag jedoch nicht so recht einleuchten.

Der Smart-Shopper ist der ideale Kunde

Mit der Verschmelzung des Nützlichen mit dem Angenehmen des TV-Entertainments ergeben sich nun aber neue Geschäftsfelder und vor allem eine ideale Zielgruppe: Die Marketingexperten des Detailhandels haben den Smart-Shopper entdeckt. Anders als der Schnäppchenjäger, der auf den billigen Gelegenheitskauf aus ist, verhält sich diese Spezies nicht nur stark konsumorientiert, sondern sie ist auch bestens informiert, qualitätsbewusst sowie zahlungsbereit.

Urs Schäppi, Konzernchef der Swisscom, hat die Innovation gestern an einer Medienorientierung vorgestellt. Es sei der ideale Zeitpunkt, meinte er; im Winter habe man Zeit, sich mit den neuen Swisscom-Gerätschaften zu beschäftigen. Die sprachgesteuerte Box wird jedoch sanft promotet. Nicht nur die reine Sprachsteuerung ist neu, auch die Verbindung von Anwendungen, die bisher nicht verbunden waren. Skepsis ist erwartet; was geschieht mit den Daten? Wer kann mithören? Deshalb die ausdrückliche Beschwichtigung: Die Box habe einen Schalter, der nicht nur softwaremässig das Mikrofon ausschaltet, sondern den Stromkreislauf unterbricht.

Doch für Schäppi ist klar, dass kommen wird, was sich anbahnt. Auch wenn die Box noch nicht ganz ausgereift ist. Sie versteht zwar deutsche Standardsprache, Französisch, Italienisch und Englisch. Schweizerdeutsch versteht sie erst in einer Betaversion.

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Autor

Christian Mensch

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