Rund 1300 Stellen will der neue Alstom-Eigentümer General Electric (GE) in der Schweiz abbauen. Wer etwas über die Hintergründe erfahren will, findet einen ersten Hinweis im bayrischen Ingolstadt. Im Gaskraftwerk Irsching dreht sich zwar weder eine Alstom- noch eine GE-Turbine, sondern ausgerechnet eine vom Dauerrivalen Siemens. Doch Irsching zeigt eindrücklich, wo der Hund begraben liegt.

Irsching ist eines der modernsten, effizientesten und saubersten Gaskraftwerke, die es gibt. Es hat eine bessere Klimabilanz als die alten Kohlekraftwerke im Land und ist dazu noch flexibler einsetzbar. Trotzdem will der Betreiber E.ON die Anlage Anfang April stilllegen. Das beste Gaskraftwerk rentiert nicht mehr.

Noch vor zehn Jahren war so etwas kaum vorstellbar. Der Renner damals waren Gaskombikraftwerke: Sie bestehen aus einer Gas- und einer Dampfturbine. Die Abgase der Gasturbine werden in die angeschlossene Dampfturbine geleitet, was die Effizienz des Kraftwerks enorm steigert. Ein Kalkül auch hinter der Alstom-Übernahme von GE: durch die Alstom-Dampfturbinen liefert der neue Eigentümer beides in hoher Qualität aus einer Hand. 

Aufs falsche Pferd gesetzt

«Sämtliche Hersteller bauten enorme Kapazitäten auf in der Erwartung, die Nachfrage nach flexiblen Gaskraftwerken würde weiter steigen», sagt Patrick Dümmler von Avenir Suisse. Doch die Hersteller irrten. Die Aussicht, die Energiewende würde die Nachfrage nach oben schnellen lassen – schliesslich sind die Gasturbinen mit ihren schnellen Einschalt- und Abschaltzeiten die ideale Ergänzung zu volatilen Wind- und Solarkraftwerken – entpuppte sich als fatale Fehleinschätzung. Statt zu steigen, brach sie ein. Und zwar dramatisch: Zwischen 2008/09 und 2014/15 sei der Markt in Europa um den Faktor 7 geschrumpft, sagte GE-Manager Philippe Cochet vor knapp zwei Wochen im Gespräch mit der «Nordwestschweiz».

Avenir-Suisse-Mann Dümmler führt dies auf zwei Entwicklungen zurück: die stark geförderten erneuerbaren Energien und den zu tiefen CO2-Preis. Letzterer sollte eigentlich durch ein europäisches Handelssystem die Umweltschäden in den Kohlestrom einpreisen, doch bis heute verpufft die Wirkung. Die ausgegebenen Zertifikate sind zu billig und bieten daher kaum Anreiz, aus der Kohle auszusteigen.

Alle drei sind betroffen

Auf dem zusammengebrochenen Markt für Gasturbinen tummeln sich drei Hersteller: neben GE/Alstom und der deutschen Siemens auch der japanische Mischkonzern Mitsubishi. Alle drei traf es hart. Siemens entliess im vergangenen Jahr mehrere hundert Mitarbeiter. Im ersten Quartal 2016 schrumpfte die Marge im Gasturbinengeschäft verglichen mit früheren Quartalen um die Hälfte.

Die drei Hersteller beissen sich am selben Phänomen die Zähne aus wie Axpo, Alpiq und alle anderen europäischen Energiekonzerne: dem mit blossem Auge kaum noch erkennbaren Preis für Elektrizität. «Der seit Jahren rückläufige Strompreis setzt nicht nur den Energieversorgern zu, sondern auch den Herstellern und Sub-Lieferanten von konventionellen Kraftwerken», sagt Chris Tattersall, Energieexperte und Partner bei EY Schweiz.

Die Gaskraftwerke erleiden so ein ähnliches Schicksal wie die Schweizer Wasserkraftwerke: Für sie lohnt es sich im Moment schlicht nicht mehr, Strom zu produzieren. «Gaskraftwerke laufen nur, wenn der aus dem eingekauften Gas hergestellte Strom mit Gewinn verkauft werden kann», sagt Tattersall. Andernfalls stehen sie still. So brachte es das bayrische Super-Kraftwerk Irsching im Jahr 2014 auf die stolze Anzahl von: null Betriebsstunden.

Einige Kraftwerke wurden abgestellt, andere gar nicht erst gebaut. «Grosse Gasturbinen», sagt EY-Partner Tattersall, «werden vor allem für Kraftwerke gebraucht. So trifft die Krise dann auch die Lieferanten dieser wichtigen Kraftwerkskomponenten.» Und Besserung ist in nächster Zeit nicht in Sicht, zumindest nicht in Europa. China bietet dagegen Chancen.

Langfristig wiederum sieht es anders aus. Mit den beim Klimagipfel in Paris bekräftigten Zielen sollte vor allem Bewegung in den CO2-Preis kommen. Wenn Kohlestrom teurer wird, könnten Gaskraftwerke auch ausserhalb Asiens wieder attraktiv werden.