Bilanz

Der Nestlé-Überflieger ist hart gelandet – erhält aber 300 Millionen Franken

Nestlé-Chef Mark Schneider will künftig weniger Süsses und Fettiges, dafür mehr Leichtes und Gesundes anbieten.

Nestlé-Chef Mark Schneider will künftig weniger Süsses und Fettiges, dafür mehr Leichtes und Gesundes anbieten.

Der Nahrungsmittelkonzern erzielt 15,8 Prozent weniger Gewinn. Eine indirekte Geldspritze erhält Nestlé dafür auf jeden Fall aus den USA.

Die Euphorie war gross, als vor einem Jahr der Deutsch-Amerikaner Mark Schneider das Nestlé-Zepter vom Belgier Paul Bulcke übernahm. Er war der erste Konzernchef seit 1922, der von aussen an die Spitze berufen wurde. Und der 52-Jährige, der vom Gesundheitskonzern Fresenius kam, enttäuschte nicht. Gleich in seinem ersten Jahr legte er ein rasantes Tempo vor. Er kaufte und verkaufte gleich mehrere Firmen und machte klar, in welche Richtung der Tanker aus Vevey sich in Zukunft bewegen soll: Weniger Süsses und Fettiges, mehr Leichtes und Gesundes. Branchenvertreter und Analysten waren begeistert. Denn nebenbei parierte Schneider auch noch Angriffe des aggressiven Investors Daniel Loeb und senkte radikal die Kosten.

In der Bilanz, die Schneider gestern am Hauptsitz am Genfersee präsentierte, ist von der anfänglichen Euphorie hingegen nicht viel zu spüren. Im Gegenteil: Der Gewinn ist 2017 aufgrund einer Wertminderung in der Sparte Hautgesundheit und Restrukturierungskosten um rund 16 Prozent auf 7,2 Milliarden Franken geschrumpft. Der Umsatz legte gerade mal 0,4 Prozent auf 89,8 Milliarden Franken zu. Überflieger Schneider gestand ein, dass diese Zahlen unter den eigenen Erwartungen liegen würden. «Uninspirierend» lautet denn auch das Fazit des Analysten der Bank Vontobel.

Bereits zum fünften Mal wurde das einst mantramässig wiederholte Wachstumsziel von 5 bis 6 Prozent verfehlt. Vor allem die Märkte in Nordamerika und Brasilien seien schwierig gewesen, sagte Schneider, während Asien und Europa bessere Ergebnisse lieferten. Für das laufende Jahr rechnet Schneider mit einem organischen Wachstum von 2 bis 4 Prozent.

Schneider betonte, dass sich die Zu- und Verkäufe der letzten Monate frühestens in der Bilanz 2018 niederschlagen würden. Ohnehin verfolge Nestlé eine langfristige Strategie. Dazu gehöre, dass man den Fokus auf gesundes Essen richte. Als Beispiel nannte er den Verkauf der Süsswarensparte in den USA an den italienischen Konzern Ferrero für 2,8 Milliarden Dollar. Andererseits kaufte Nestlé die kanadischen Firma Atrium, die Nahrungsergänzungsmittel herstellt, für 2,3 Milliarden Franken. Weg mit Schokoriegeln, her mit Multivitamin-Kapseln.

Wie weiter mit L’Oréal?

Doch was ist mit all den anderen zuckerhaltigen und fettigen Produkten im Nestlé-Portfolio? In den USA zum Beispiel ist das Geschäft mit Tiefkühl-Pizzas und sogenannten TV-Dinners für die Mikrowelle noch immer ein wichtiger Umsatzpfeiler. «Wird es Pizza und Schokolade in 50 Jahren noch geben?», fragte Schneider vor den Journalisten. «Natürlich, aber sie werden gesünder sein, und Nestlé wird einen wichtigen Beitrag zu dieser Entwicklung leisten.»

Dennoch dürfte Schneiders Fokus in Zukunft nicht auf kalter Peperoni-Pizza liegen. So betonte er die Bedeutung von Premium-Food wie Nespresso, San Pellegrino oder Cailler, mit denen Nestlé eine höhere Marge erzielen kann. Der Umsatzanteil von Premium-Food stieg in den letzten fünf Jahren von 11 auf 21 Prozent.

Unklar ist, wie Schneider mit der Beteiligung am weltgrössten Kosmetikkonzern L’Oréal weiterverfahren will. Man stehe zum Unternehmen, an dem Nestlé 23 Prozent hält. Um den eigenen Aktionären aber alle Optionen offen zu halten, werde das Abkommen zwischen Nestlé und der französischen Eigentümerfamilie Bettencourt per Ende März nicht erneuert. Eine Erhöhung des Anteils schliesst Schneider ausdrücklich aus, einen Verkauf hingegen nicht.

Eine indirekte Geldspritze erhält Nestlé dafür auf jeden Fall aus den USA. Dank der Steuerreform von US-Präsident Donald Trump, den Schneider am diesjährigen WEF in Davos traf, rechnen die Waadtländer ab 2018 mit jährlichen Steuereinsparungen von 300 Millionen Franken. Im vergangenen Jahr resultierte gar ein einmaliger Steuergewinn von 850 Millionen Franken. Ein Betrag, der Schneiders Bilanz versüssen wird – ganz ohne Zucker.

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