Brexit

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich geht in Bereitschaftstellung

..

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) geizt in ihrem am Sonntag an der Generalversammlung in Basel vorgelegten Jahresbericht nicht mit Warnungen. Der Ausgang des Brexit-Referendums habe zu hoher Volatilität an den Finanzmärkten geführt, sagte BIZ-Generaldirektor Jaime Caruana in seiner Ansprache.

Die Zentralbanken und der private Sektor hielten deshalb „umfassende Notfallpläne bereit, um Störungen an den Finanzmärkten zu begrenzen“, sagte Jaime Caruana.

Er ging dabei nicht in Details. Die Finanzsysteme seien aber aufgrund der höheren Kapital- und Liquiditätspolster im privaten Sektor inzwischen widerstandsfähiger gegenüber solchen Marktstörungen.

Die Zentralbanken hätten bereits signalisiert, dass sie die Lage sorgfältig beobachten und „das tun werden, was zur Sicherstellung eines geordneten Funktionierens der Märkte notwendig ist.“ Die BIZ ist die „Bank der Zentralbanken“.

Unter den BIZ-Auspizien tagt das Forum für Finanzstabilität und das Basler Komitee für Bankenaufsicht, wo auch die internationalen Banken-Eigenkapitalstandards diskutiert und eingeführt werden („Basel III“, „Basel IV“).

Es dürfte eine Phase der Unsicherheiten und Anpassungen bevorstehen. Das Vereinigte Königreich sei in hohem Masse mit der Weltwirtschaft verflochten, und London sei einer der wichtigsten internationalen Finanzplätze.

„Ich bin zuversichtlich, dass es mit einer engen Zusammenarbeit auf globaler Ebene gelingen wird, die Unsicherheiten zu begrenzen und möglichst reibungslose Anpassungen zu gewährleisten.“

Eines der zentralen Themen des diesjährigen Jahresberichts ist der laufende Anpassungsprozess in der Weltwirtschaft, der wegen des Brexit mit zusätzlichen Anpassungen konfrontiert ist.

Am wichtigsten sei mehr denn je, dass die Geldpolitik von aufsichtsrechtlichen, fiskalpolitischen und strukturpolitischen Massnahmen unterstützt werde

Seit einem Jahr sei die Weltwirtschaft weiter gewachsen – de facto entwickelte sie sich besser, als zuweilen behauptet oder vermutet wird.

Das globale Wachstum sei aber ungleichmässig verteilt und befinde sich noch immer unter dem Vorkrisenniveau. Bereinigt um demografische Trends liege es jedoch knapp über dem langfristigen Durchschnitt.

Gleichzeitig ist aus der aktuellen Weltwirtschaftslage abzulesen, dass der Anpassungsprozess noch nicht abgeschlossen und das Vertrauen wenig gefestigt ist. Die Zinsen sind noch weiter gefallen, der Anteil ausstehender Anleihen mit negativen Renditen ist auf neue Höchststände geklettert, und selbst vor den Marktturbulenzen der letzten Tage verzeichneten Wechselkurse und Rohstoffpreise hohe Schwankungen.

Caruana sieht drei grundlegende Risiken für die Weltwirtschaft. Diese „riskante Dreierkonstellation“ wurde massgeblich von den Finanzzyklen beeinflusst:

  • Das erste Risiko bestehe in der steigenden Verschuldung, und zwar sowohl im privaten Sektor (v.a. in den aufstrebenden Volkswirtschaften) als auch im öffentlichen Sektor in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften, wo die Regierungen die Auswirkungen der Finanzkrise abzufedern suchten.
  • Das zweite Risiko besteht in einem niedrigeren Produktivitätswachstum. Im Zuge von Finanzbooms fließen zu viele Ressourcen in Sektoren, die zwar expandieren, aber ein niedriges Produktivitätswachstum aufweisen, beispielsweise in den Bausektor. Im Abschwung brauche es dann Zeit, bis diese Fehlsteuerung wieder korrigiert wird.
  • Das dritte Risiko sei der schwindende wirtschaftspolitische Handlungsspielraum – ein Resultat unausgewogener politischen Massnahmen. Die Politik habe nichts oder zu wenig gegen den Kreditboom unternommen, im Zuge des Abschwungs aber für anhaltende Lockerung gesorgt.

Diese riskante Dreierkonstellation berge drei grosse Gefahren: Erstens entstehe mit den ihrem Höhepunkt zustrebenden Finanzzyklen und der Verschlechterung der globalen Liquiditätsbedingungen eine instabile wirtschaftliche Lage.

Eine zweite Gefahr bestehe in den ausserordentlich und anhaltend tiefen Zinsen. Sie führten tendenziell zu einer Verringerung der Risikoprämien und einer Überbewertung an den Vermögens- märkten.

Das impliziere, dass die Vermögenspreise anfälliger für abrupte Abwärtskorrekturen werden.

Anhaltend niedrige oder gar negative Zinsen führten bei Banken zu einer Erosion der Zinsmargen, verursachten bei Versicherungen eine wachsende Diskrepanz zwischen Erträgen und Verpflichtungen und treiben den Barwert der Verbindlichkeiten von Pensionsfonds in die Höhe.

Mit der Zeit könne all dies die Realwirtschaft beeinträchtigen. Und darüber hinaus können negative Zinssätze das Vertrauen der privaten Haushalte erschüttern und das Spar- und Anlageverhalten auf schwer vorhersehbare Art und Weise beeinflussen.

Die dritte Gefahr entstehe dadurch, dass der Handlungsspielraum – unter anderem der Notenbanken - immer kleiner wird und in der Folge das Vertrauen in die Politik schwinden könnte.

Durch unrealistische Erwartungen in Bezug auf das Wachstum und die Fähigkeit der Politik, das weltweite Wirtschaftswachstum anzukurbeln, komme es zu Enttäuschungen und einer Schwächung des Vertrauens.

Damit der Übergang zu einem robusteren und nachhaltigen Wachstum gelingt und bestehende Anfälligkeiten behoben werden können, bedarf es einer wirtschaftspolitischen Neuausrichtung.

Aufsichtsrechtliche, fiskalpolitische und strukturpolitische Massnahmen müssten dabei eine wichtigere Rolle spielen. Mit neuen Schocks, die die Wirtschaft oder das Finanzsystem treffen, ändert sich die Notwendigkeit dieser Neuausrichtung nicht wesentlich. Sie dürften die Neuausrichtung lediglich schwieriger und noch dringlicher machen.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1