Gastkommentar

Die Coronakrise ist kein Grund für höhere Krankenkassen-Prämien

Die Krankenkassen verfügen über Reserven von über acht Milliarden Franken.

Die Krankenkassen verfügen über Reserven von über acht Milliarden Franken.

Die Krise ist ein Stresstest für unser Gesundheitswesen. Wir müssen flexibler werden, damit wir die Infrastruktur rasch aufbauen und das nötige Personal rekrutieren und schulen können. Angesichts der wachsenden Zahl der Rentner müssen wir die Wehrpflicht durch eine Bürgerpflicht für junge Rentner ergänzen.

Im Gesundheitswesen ist die Situation aktuell grotesk: Personalmangel hier, Kurzarbeit und Umsatzeinbussen dort. Spitäler suchen auf der einen Seite Personal, um zusammen mit der Armee und Freiwilligen auf den Ansturm der Coronapatienten vorbereitet zu sein.

Auf der anderen Seite dürfen trotz freier Kapazitäten Wahleingriffe nicht mehr vorgenommen werden. Und selbst wer krank ist, meidet das Gesundheitswesen, aus Angst, das Coronavirus zu bekommen oder Coronapatienten einen Platz wegzunehmen. Deshalb haben einzelne Spitäler Kurzarbeitsgesuche eingereicht. Auch die Praxen von Ärzten und Therapeuten sind fast leer, weil Patienten auf nicht notwendige Untersuchungen sowie Therapien verzichten und lieber zu Hause bleiben.

Statt den Zugang zu medizinischen Leistungen einzuschränken, sollten die Krisenstäbe des Bundes und der Kantone ihre Entscheide besser auf digital erhobene und übermittelte Echtzeitdaten stützen. Solange nicht täglich Zufallsstichproben getestet werden, wissen wir zu wenig über die tatsächliche Verbreitung des Virus (Infizierte) und der Antikörper (Geheilte).

Die Fraktionen des Bundesparlaments wollen ihre Arbeit möglichst rasch wieder aufnehmen. Die ersten Diskussionen über den Ausstieg aus dem Lockdown sowie die Auswirkungen der Coronakrise auf die Gesundheitskosten und Krankenkassenprämien verheissen kaum Gutes.

Die Warnungen von Gesundheitspolitikern vor einem Kosten- und Prämienschub wegen der Coronakrise sind aber wenig fundiert. Drei Gründe sprechen dagegen:

  1. Die Krankenkassen haben über 8 Mia. Franken Reserven. Die Reserven sind unter anderem dafür vorgesehen, Einmaleffekte bei den Kosten auf der Prämienseite zu glätten. Diese Reserven dürften also für die Kosten der Coronapatienten reichen, zumal die Kantone 55 Prozent der stationären Spitalleistungen bezahlen und die Kassen nur 45 Prozent.
  2. Durch den Lockdown und die Angst der Patienten, in Arztpraxen und Spitälern mit dem Coronavirus angesteckt zu werden, sind Arzt- und Therapiepraxen sowie ganze Spitalabteilungen fast leer. Das wird sich schon im ersten Quartal 2020, aber noch mehr im zweiten Quartal auf die Leistungskosten der Krankenkassen auswirken. Wie gross der Nachholbedarf danach ist, werden wir sehen. Wenn er klein sein wird, liesse das den Schluss zu, dass in normalen Zeiten viel überflüssige Medizin zu Lasten der Grundversicherung konsumiert wird.
  3. Die Corona-Vorhalteleistungen müssen Bund und Kantone bezahlen und nicht die Krankenkassen, weil diese ohne solide Kostendaten kurzfristig weder im ambulanten Tarmed- noch im stationären DRG-Tarifsystem abgebildet werden können.

Die gesundheitspolitische Diskussion über den raschen Aufbau der Kapazitäten für Coronapatienten und die Flaute in der übrigen ambulanten und stationären medizinischen Versorgung wird intensiver. Auch die politische Diskussion über die Versorgungssicherheit im Medtech-, Medikamenten- und Impfstoffsektor wird intensiver.

Bundesrat Berset und all die Gesundheitspolitiker mit dem Kostenröhrenblick werden mit stärkerem Gegenwind rechnen müssen, weil das Argument Versorgungssicherheit in jedem Wirtschaftszweig höhere Margen und weniger ausländische Konkurrenz verspricht.

Nach der Krise werden auch noch die Versäumnisse gemäss Pandemieplan aufgearbeitet werden müssen. Damit wir besser auf die nächste Pandemie vorbereitet sein werden, muss der Bericht Zeltner kritisch gewürdigt werden. Mit der Strukturerhaltung unseres Spitalsektors werden wir nicht besser auf die nächste Krise vorbereitet sein.

Vorhalteleistungen für alle noch so unwahrscheinlichen Fälle werden wir uns auch nach der Coronakrise nicht leisten. Wir müssen agiler werden und je nach sich abzeichnender Krise die erforderliche Infrastruktur rasch aufbauen und das erforderliche Fachpersonal sowie die Freiwilligen rasch rekrutieren bzw. schulen. Angesichts der wachsenden Zahl der Rentner werden wir die Wehrpflicht für junge Männer mit einer Bürgerpflicht für junge Rentner erweitern müssen.

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