Die italienische Krise lässt den Euro wieder schwächeln. In der Schweiz rückt in weite Ferne, was vor Kurzem möglich schien: eine baldige Zinserhöhung und ein Ende der negativen Zinsen. «Beides ist nun erst mal kein Thema mehr», sagt Florian Weber, Zinsspezialist der Bank J. Safra Sarasin. «Die Schweizerische Nationalbank wird auf absehbare Zeit die negativen Zinsen beibehalten und weiterhin am Devisenmarkt intervenieren müssen.»

Die Nationalbank hatte bereits vor der Italien-Krise betont, das Erstarken des Euros könnte bald wieder vorbei sein. Weber sagt dazu: «Es ist richtig, wenn die Nationalbank mit einer Zinserhöhung zuwartet, bis die Eurozone sich über einen längeren Zeitraum stabil gezeigt hat. Das haben die jüngsten Ereignisse gezeigt.» Zuletzt erlebte die Eurozone ein Wechselbad der Gefühle – der Schweiz erging es mit zeitlicher Verzögerung gleich.

Im Frühling 2017 scheiterten die Populisten erst in den Niederlanden und dann in Frankreich bei den Wahlen. Frankreichs neuer Präsident Emmanuel Macron verbreitete wieder Zuversicht und Aufbruchstimmung. Parallel dazu zog das Wirtschaftswachstum an, die Arbeitslosigkeit sank, die Europäische Zentralbank konnte über das Zurückfahren ihrer ultralockeren Geldpolitik nachdenken.

In der Folge erstarkte der Euro und kostete im April wieder fast Fr. 1.20. Die Schweizer Wirtschaft konnte aufatmen. Vor allem Detailhandel, Industrie und Tourismus holten so preislich zur ausländischen Konkurrenz wieder auf. Die KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH erklärte, ein Kurs von 1.20 wirke wie ein kleines Konjunkturprogramm.

Doch die Macron-Blase an den Finanzmärkten platzt mit der Regierungsbildung in Italien. Populisten wollen die Regierung bilden, ein Euro-Kritiker soll Finanzminister werden. Der italienische Staatspräsident greift ein, setzt eine Technokraten-Regierung ein bis zu Neuwahlen. Aber die Machtergreifung durch Populisten, die Italien aus dem Euro führen wollen, scheint nur aufgeschoben.

An den Finanzmärkten taucht ein Krisensymptom aus den Jahren 2011 und 2012 wieder auf. Zwischen italienischen und deutschen Staatsanleihen tut sich wieder eine Zinsdifferenz auf. Die Finanzmärkte wollen eine Risikoentschädigung für Investitionen in italienische Staatsanleihen. Der Franken hingegen ist in der Krise erneut beliebt, der Euro fällt auf rund Fr. 1.15. Mit diesem Kurs hat die Schweizer Wirtschaft zwar zu leben gelernt. Aber das kleine Konjunkturprogramm ist damit abgesagt.

Europa beschimpft sich wieder

Die Eurozone ist nun auf grundsätzliche Fragen zurückgeworfen. «Die Währungsunion ist inhärent instabil», sagt J.-Safra-Sarasin-Spezialist Weber. Es gebe kein wirksames politisches Mittel, das nationale Regierungen zu einer Wirtschaftspolitik bewegen könne, die zur Stabilität im Euroraum beiträgt. Für Weber ist auch die deutsche Wirtschaftspolitik nicht hilfreich. «Deutschland beharrt auf Haushaltsüberschüssen und widersetzt sich kräftigeren Lohnzunahmen, was zu global einmaligen Leistungsbilanzüberschüssen führt. Das trägt nicht zur Stabilität bei.» Wie in der Griechenland-Krise redet man in Europa aneinander vorbei.

In Italien hätte Paolo Savona neuer Wirtschafts- und Finanzminister werden sollen. Savona gilt als erklärter «Deutschland-Gegner», der den «Euro als Vollendung von NS-Plänen für eine Hegemonie» Deutschlands über Europa ansehe, wie die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» (FAZ) schreibt. Dabei mische sich kein deutscher Politiker in die Regierungsbildung ein, wohl aber «im Hintergrund» EZB-Präsident Mario Draghi, schreibt das Blatt in einem gestern veröffentlichten Kommentar. Eine nüchterne Messlatte für die künftige Regierung könnten indessen die Rating-Agenturen liefern, so die FAZ weiter. Doch selbst diese würden als Buhmann benutzt und wegen angeblicher Manipulation verklagt. «Italien verkennt einmal mehr die wirtschaftliche Realität», schreibt die Zeitung aus Deutschland.

Die Anti-Deutsche-Stimmung in Italien angeheizt hat unter anderem eine Kolumne im Magazin «Der Spiegel» mit dem Titel «Die Schnorrer von Rom». Darin hiess es: «Wie soll man das Verhalten einer Nation nennen, die erst die Hand aufhält, um sich ihr sprichwörtliches ‹dolce far niente› von anderen finanzieren zu lassen – und dann damit droht, den Geldgebern den Knüppel über den Kopf zu ziehen, wenn diese auf einer Begleichung der Schuld bestehen?»

Das war dann selbst für Staatspräsident Sergio Mattarella zu viel. Er ging in einer Rede am Sonntagabend darauf ein und kritisierte «groteske und inakzeptable Urteile», die in Presseorganen eines europäischen Landes erschienen seien. Den «Spiegel» nannte er nicht.