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«Die lieben Nachbarn» sind zurück: Dennoch bricht der Einkaufstourismus ein – das begann schon vor Corona

Konstanz: Erstes Einkaufswochenende nach Lockerung des Lockdowns.

Konstanz: Erstes Einkaufswochenende nach Lockerung des Lockdowns.

Der Einkaufstourismus ist im Sinkflug. Schweizer Shopper werden dieses Jahr bis 40 Prozent weniger ausgeben. Der Rückgang begann aber schon vor Corona.

Am ersten Wochenende überfüllten Schweizer Einkaufstouristen mit ihren Autos schon wieder das Parkhaus im Shopping-Center Lago. Nachdem Einkaufstourismus monatelang von Amtes wegen verboten war, kaufen Schweizer wieder die Regale leer. Aber kehren sie dauerhaft in gleicher Zahl zurück – und geben sie gleich viel aus?

Die «lieben Besucher aus dem schönen Nachbarland» haben sich schon vor Krisenausbruch rarer gemacht. Der Boom ist vorbei, eine örtliche Handelskammer stellt fest: «Der Einkaufstourismus ist im Sinkflug.» Gemessen an den berühmten grünen Ausfuhrscheinen kühlt die Liebe der schweizerischen Shopper seit vier Jahren ab. 2016 werden noch rund 13 Prozent mehr Scheine von den Zollämtern ausgewiesen. Die wilden Wachstumsjahre sind passé.

Nun bringt 2020 einen virusbedingten Einbruch. Die monatelange Grenzschliessung lässt sich bis Jahresende nicht mehr wettmachen. Allein schon deshalb erwartet das Marktforschungsinstitut GfK einen starken Rückgang: geschätzte 30 bis 40 Prozent weniger Umsatz aus dem Schweizer Einkaufstourismus. Wie schnell die Rückkehr zur Normalität gelinge – das lasse sich nicht abschätzen.

© CH Media

Im Frankenschock war der grenznahe deutsche Einzelhandel noch der grosse Gewinner. Die Konkurrenz auf der Schweizer Seite war schlagartig hoffnungslos überteuert. Zugleich kam die Schweiz insgesamt recht gut durch die Krise. Schon im Jahr darauf war die Wirtschaftsleistung wieder grösser als vor dem Frankenschock. Die Schweizer hatten Geld und Laune, um ihre starken Franken nach Deutschland zu tragen.

Konsumrückgang von historischem Ausmass

«Im Vergleich zu damals ist es heute komplexer», sagt Eric Scheidegger, Chefökonom im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Die Schweizer werden ihre Ausgaben einschränken – in einem historischen Ausmass.

«Einen solchen Konsumrückgang hat es in der Nachkriegszeit noch nie gegeben», so Scheidegger. Er erwartet, dass die privaten Haushalte etwa 8 Prozent weniger konsumieren dieses Jahr. Zuvor gab es selten einmal einzelne Quartale, in denen die Haushalte überhaupt weniger Geld ausgaben. Ein Einbruch von 8 Prozent über ein ganzes Jahr ist einzigartig. Und der Nachfrageschock ist auch Ende 2021 nicht ausgestanden. Laut Seco-Prognose ist die Gesamtwirtschaft dann noch immer kleiner als vor der Krise.

Die Konsumenten werden in der Krise umworben. Mit dem Nachfragerückgang verschärft sich der Wettbewerb um sie – nicht nur aus der Schweiz, sondern auch aus dem umliegenden Ausland. Seco-Chefökonom Scheidegger: «Für die Konsumenten sind das gute Nachrichten. Tendenziell dürfen sie mit tieferen Preisen rechnen.» Wobei dies weniger für Nahrungsmittel gilt, eher für Bekleidung oder Wohnungseinrichtung.

Der grenznahe deutsche Detailhandel hat sich abhängig gemacht von den Schweizer Shopper-Horden. Die lieben Nachbarn machen ein Drittel der Kundschaft aus, in einigen Branche zwei Drittel. Ohne Schweizer Andrang wären manche Supermärkte oder Einkaufszentren gar nicht gebaut worden.

Neues Einkaufszentrum wirbt um Schweizer

Nun stehen sie da, in den Städtchen entlang des Rheins – in einer Grösse, die nur in Grossstädten rentiert. «Nahversorger der Nordwestschweiz» wollen sie sein, müssen es auch. Sonst ergeht es ihnen, wie manchem Konkurrent auf der schweizerischen Seite der Grenze.

Bald wird noch mehr um Einkaufstouristen gebuhlt. In der Stadt Singen eröffnet nahe von Schaffhausen das Cano. Gegen die Ausmasse dieses Einkaufszentrums hatte sich Konstanz vergeblich gewehrt. Es werde zu viel Kaufkraft abgeschöpft.

Wo spart der Schweizer Konsument? Ennet der Grenze bekommt er für sein Geld mehr. Noch immer sind die Preise dort tiefer, wie eine neue Erhebung von Eurostat bestätigt. Nahrungsmittel etwa sind fast 40 Prozent günstiger. Das spricht für den deutschen Detailhandel. Andererseits: Ältere Einkaufstouristen könnten zum eigenen Schutz lieber nahe von daheim shoppen. Der hiesige Detailhandel hofft ohnehin, die Kunden hätten im Lockdown seine Vorzüge neu entdeckt.

Trend zum Online-Handel trifft Einkaufstourismus besonders

Bei den Preisen hat die Schweiz etwas aufgeholt: vor allem nahe der Grenze und bei Produkten, die Einkaufstouristen bevorzugen. Laut Eurostat ist Heimelektronik hierzulande fast gleich günstig wie in Deutschland. Und mittlerweile jagt in der Schweiz jeder «Black Friday» den nächsten «Cyber Monday».

Möglich ist auch: Der Coronaschock schadet den Händlern auf beiden Seiten der Grenze – weil der Onlinehandel sich schneller durchsetzt. Im Lockdown haben die Konsumenten dessen Möglichkeiten neu ausgereizt. Und schon vor Corona verursachte der Online-Trend den «Nahversorgern der Nordwestschweiz» gehörige Bauchschmerzen. Einkaufstouristen stehen nicht freiwillig im Stau. Sie wollen günstiger einkaufen. Im Internet geht das oft genauso gut.

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