Das Urteil ist alles andere als schmeichelhaft: «Die Milliarden der Pharmaindustrie erlauben es ihr, amerikanische Familien und Steuerzahler weiterhin abzuzocken.» Der Satz stammt vom US-Senator Dick Durbin. Der Demokrat bringt die Unfähigkeit der Politik zum Ausdruck, gegen die weltweit höchsten Medikamentenpreise vorzugehen. Obwohl die Amerikaner nur rund 4,5 Prozent an der Weltbevölkerung ausmachen, erzielt die Pharmaindustrie rund 40 Prozent ihrer Umsätze in den USA.

Selbstredend ist das Land auch für die Basler Pharmakonzerne der mit Abstand wichtigste Markt weltweit. Bei Novartis liegt der Umsatzanteil bei rund 35 Prozent und ist damit gleich gross wie der von ganz Europa. Bei Roche ist es noch krasser: In der Pharmadivision verdient das Unternehmen etwas mehr als jeden zweiten Umsatzfranken in den USA. Der Erfolg der beiden Firmen hängt also wesentlich vom Geschäftsgang in den Vereinigten Staaten ab.

Daher überrascht es nicht, dass die beiden Konzerne ihre Interessen durch eigene Leute und die mächtige Lobbyorganisation Phrma vertreten lassen. Der Verband wehrt sich derzeit mit aller Macht gegen die Bemühungen der US-Regierung und des Parlaments, die Medikamentenpreise zu senken und den Patentschutz etwas zu lockern. Dies zeigt eine ausführliche Recherche des US-Onlineportals «Stat». Im Bericht wird beschrieben, wie zwei pharmafreundliche Senatoren Spenden direkt von Chefs grosser US-Pharmakonzerne erhalten haben. Roche und Novartis sind zwar nicht darunter. Geld ist aber auch von zwei wichtigen Vertretern des Lobbyverbands Phrma geflossen.

«Nicht in einer Million Jahren»

Die Erfolge der Pharmalobby in den USA sind zahlreich. So wurden gleich mehrere Vorstösse abgeblockt, die den Patentschutz von Medikamenten gelockert hätten. Auch ausserhalb des Parlaments gelang der Branche ein Sieg. Die Regierung von US-Präsident Donald Trump wollte für mehr Transparenz bei rezeptpflichtigen Arzneimitteln sorgen. Konkret wollte die Regierung die Pharmakonzerne zwingen, die Preise von Medikamenten in TV-Spots zu nennen. Drei US-Firmen zogen vor Gericht und setzten sich vorerst durch.

Die Lobbyisten der Pharmaindustrie sagen, sie würden lediglich das Schlimmste verhindern. Die Branche stimme Vorhaben zu, um andere, noch schlimmere Vorstösse zu verhindern, wird ein Industrievertreter im Bericht des Branchenportals «Stat» zitiert. «Früher hätten wir solchen Dinge nicht in einer Million Jahren zugestimmt.»

Tatsächlich hat der Druck auf die Branche in den vergangenen Jahren zugenommen. Im Wahlkampf um die US-Präsidentschaft sprachen sich sowohl Trump als auch seine Gegnerin Hillary Clinton vehement für tiefere Medikamentenpreise aus. In dieser Heftigkeit war das zuvor in den USA nicht zu beobachten. Dennoch scheint es, als habe die Branche das Schlimmste vorerst verhindern können. Obwohl von allen Seiten angegriffen, gewinne die Pharmaindustrie weiterhin, so die Schlussfolgerung von «Stat».

Doch wie bereits die beiden Schweizer Grossbanken schmerzvoll lernen mussten, kann es für Unternehmen in den USA sehr teurer werden. So hat Novartis soeben 700 Millionen Dollar für einen Rechtsfall zurückstellen müssen. In der Endabrechnung könnten über eine Milliarde Dollar fällig werden, wie die Basler in ihrem gestern veröffentlichten Halbjahresbericht schreiben.

Der Fall nahm seine Anfänge vor sechs Jahren. Damals verklagte die New Yorker Staatsanwaltschaft das Basler Unternehmen. Novartis soll Ärzte bestochen haben, um verschiedene Medikamente gegen Bluthochdruck und Diabetes zu verschreiben. Vertreter des Konzerns hätten den Absatz der Präparate mit gediegenen Abendessen angeschoben.

Weitere Rechtsfälle stehen an

Noch laufen die Verhandlungen über einen Vergleich, wie Konzernchef Vas Narasimhan an einer Telefonkonferenz mit Journalisten sagte. Daneben ist Novartis mit weiteren Fällen konfrontiert, die teils teurer werden könnten. So klagen 44 US-Bundesstaaten gegen die Novartis-Tochter Sandoz und 19 weitere Generikahersteller. Die Staatsanwälte werfen den Firmen vor, bei über 100 Generika die Preise manipuliert zu haben, um den Markt in den USA untereinander aufzuteilen und so höhere Umsätze zu erzielen.

Varasimhan spricht zwar von Altlasten, da die Verfehlungen noch vor seiner Zeit als Konzernchef vorgefallen sind. Doch bezahlt werden die Bussen und Vergleiche im Hier und Jetzt.