Herr Branson, Sie sind der erste britische Chef der Finanzmarktaufsicht (Finma). Sie sprechen sehr gut Deutsch. Planen Sie, Schweizer zu werden?

Mark Branson: Dazu muss ich 12 Jahre in der Schweiz wohnen. Ich bin aber erst 11,5 Jahre hier. Wenn ich die Voraussetzungen erfülle, werde ich den Prozess einleiten, um Schweizer zu werden.

Momentan stehen Sie in der Kritik, weil die obersten Chefs der Credit Suisse (CS) trotz Milliardenbusse im US-Steuerstreit im Amt bleiben dürfen. Sind Sie zu nachsichtig?

Um aufsichtsrechtliche Schritte gegen Individuen zu ergreifen, reicht es nicht, dass jemand während der letzten Jahrzehnte einmal Mitglied einer Konzernleitung war, Verwaltungsratspräsident oder CEO. Es bräuchte Beweise für ein konkretes Fehlverhalten. Das Geschäft mit unversteuerten Geldern von Ausländern wurde von Politik und Behörden über Jahrzehnte toleriert. Es wäre jetzt ein politisches Urteil, im Nachhinein darüber zu urteilen, wer dafür verantwortlich ist. Politische Urteile gehören nicht zu unseren Aufgaben.

Es ist auch eine moralische Frage.

Vielleicht. Aber wir sind keine Überwacher der Moral.

Kommen also auch die Chefs aller Banken ungeschoren davon, die US-Steuersünder betreut haben?

Das kann man nicht pauschal beantworten. Es gilt, jeden Fall einzeln zu beurteilen.

Einem Bankenchef müssten sie also nachweisen, er habe bewusst nicht kontrolliert, ob jemand gegen interne Weisungen im grenzüberschreitenden Geschäft verstösst?

Das wäre ein mögliches Beispiel.

Müssten wegen der Milliardenbusse wenigstens die Löhne der CS-Chefs sinken?

Ich möchte mich nicht zu Einzelfällen äussern. Aber die Signalwirkung von sehr hohen Löhnen für Top-Manager ist gefährlich, wenn diese in Jahren gewährt werden, in denen deren Banken in grosse Skandale verwickelt sind.

Seit das Investmentbanking kriselt, stieg die Zahl von Bussgeldern. Warum?

Das ist nicht nur ein Ausdruck der Krise. Fälle von Fehlverhalten gab es auch schon vorher. Nur kann man es heute oft beweisen und ahnden. Telefongespräche, E-Mails oder Chats: In irgendeinem elektronischen System einer Bank ist dokumentiert, wenn sich ein Mitarbeiter nicht an die Regeln hält. Das ist der Einfluss der Ära der Digitalisierung und von Whistleblowern. Dies erhöht die Chance, dass solche Fälle an die Oberfläche kommen.

Damit die Banken «nicht dauerhaft öffentlich auf der Strafbank» sitzen, fordern Sie einen «Kulturwandel». Funktioniert dies? Oder braucht es halt mehr Regulierung?

Der Kulturwandel in den Banken reicht bis jetzt nicht aus. Daher lautet unsere Botschaft: Setzt sich dieser Kulturwandel nicht durch, werden sich Gesetzgeber und Behörden für den anderen Weg entscheiden. Das würde mehr Regulierung und mehr Repression bedeuten.