Es ist für Jugendliche eine gute Zeit, um die obligatorische Schule zu verlassen und in die Arbeitswelt einzutreten. Während die Schweizer Wirtschaft ungebrochen auf der Suche nach Nachwuchskräften ist, nimmt die Zahl der Schulabgänger künftig stetig ab.

Im letzten Jahr blieben 6500 von 93 500 Lehrstellen unbesetzt. Auch dieses Jahr hält der Trend an. Offizielle Zahlen gibt es zwar erst im November, aus den Kantonen ist aber zu vernehmen, dass wiederum viele Ausbildungsplätze leer geblieben sind. Lehrlinge - und vor allem gute Lehrlinge - werden je länger, je mehr zur Mangelware.

GA, Fahrstunde oder gar ein iPad

Sowohl die Wirtschaft als Ganzes als auch einzelne Betriebe haben die veränderte Ausgangssituation erkannt und Massnahmen ergriffen. «Das BerufsbildMarketing wurde in den letzten Jahren massiv verstärkt. Branchenverbände und grosse Unternehmen investieren viel Geld, um dem Nachwuchs ihre Berufe schmackhaft zu machen», sagt Urs Blaser, Wirtschaftsförderer der Region Olten und Organisator der Berufsinfo- Messe Aareland. An Berufsmessen legen sich Firmen und Verbände mächtig ins Zeug, um den Schülern ihren Beruf näher zu bringen. Auf Youtube finden sich zahlreiche Werbespots für Berufslehren. Coop tourt sogar mit einem Werbebus für junge Lehrstellensuchende durch die Schweiz.

Neben diesen Marketing-Bemühungen verführen einige Firmen die potenziellen Lehrlinge aber auch mit verlockenden Angeboten. «Teilweise wird die Bezahlung eines GA in Aussicht gestellt oder ein Teil der Auto-Fahrlektionen übernommen», weiss Ruedi Zimmerli, Abteilungsleiter Berufslehren beim Kanton Solothurn.

Auch die Höhe der Löhne variiere zwischen den Branchen und Firmen stark: «Leistungsabhängige Lohnzahlungen sollen Anreize schaffen», so Zimmerli. Es gibt auch Gerüchte, dass Jugendliche zum Lehrstart schon iPads geschenkt bekommen hätten. Öffentlich bestätigen mag dies aber niemand.

Die Bühler-Gruppe mit Sitz in der Ostschweiz hat einen anderen Weg eingeschlagen, um ein attraktiver Lehrbetrieb zu sein. Seit 2008 bietet der international tätige Technologiekonzern einem Teil seiner Lernenden die Möglichkeit, einige Monate der Ausbildung im Ausland zu verbringen.

Mehr Bewerber als im Vorjahr

Momentan können Bühler-Lernende in China, Südafrika und London Erfahrungen sammeln. «In den nächsten Jahren sollen Indien, Brasilien und die USA dazukommen», sagt Andreas Bischof, Leiter Berufsbildung bei Bühler. Wer gehen darf, entscheidet Bischof. «Es kommt nicht nur auf die Leistung in der Schule und im Betrieb an. Das wichtigste Kriterium ist die persönliche Reife des Lernenden.» Pro Jahrgang kommen rund 20 Prozent der Lernenden in den Genuss eines zweimonatigen Auslandaufenthalts. In zwei Jahren sollen es 30 Prozent sein.

Das Angebot lockt mehr Bewerber an: «Wir haben kein Problem Lernende zu finden. Im Gegenteil: Für die 80 offenen Lehrstellen im nächsten Sommer hatten wir Anfang September bereits 309 Bewerbungen, im letzten Jahr waren es zum gleichen Zeitpunkt erst 258», so Bischof.

National tätige Unternehmen haben die Möglichkeiten von Bühler nicht. Aber auch hier gibt es innovative Ideen. Viele Betriebe steigern ihre Attraktivität, indem sie den Lernenden viel Verantwortung übergeben. Von Lehrlingen geführte Bahnhöfe, Bäckereien, Restaurants oder Coiffeursalons sind längst Realität.

Die Ausgangslage für Schulabgänger ist also prächtig - und trotzdem finden längst nicht alle eine Stelle. «Jugendliche mit sozialen oder schulischen Defiziten haben nach wie vor Mühe, einen Ausbildungsplatz zu finden», schreibt das Bundesamt für Berufsbildung. Viele Schulabgänger seien zudem auf ihren Traumjob fixiert, sagen Branchenkenner. Für diesen seien sie aber leider allzu oft nicht geeignet. Die Jugendlichen sind in einer privilegierten Situation, einen Freibrief gibt es aber dennoch nicht.