Gemeinnützige Organisationen
Gemeinnützige Organisationen buhlen um Milliarden aus Erbschaften

Grosse gemeinnützige Organisationen haben eine Sensibilisierungs-Kampagne für Legate lanciert, denn seit Jahren stagnieren die Zuflüsse aus Erbschaften. Es winken Milliarden.

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My Happy End

My Happy End

Sven Millischer

Erben ist in der Schweiz ein Big Business: Schätzungsweise 30 Milliarden Franken werden jährlich vermacht. Doch für die Hilfswerke blieben bislang nur Brosamen übrig. Im 2008 erhielten alle gemeinnützigen Organisationen mit Zewo-Gütesiegel lediglich 100 Millionen Franken aus Erbschaften.

Zum Vergleich: Die Zewo-Werke nahmen im gleichen Zeitraum dank Spenden und Beiträgen der öffentlichen Hand rund 2,6 Milliarden Franken ein. Legate sind für Hilfswerke bislang also bloss Peanuts. Zumal die Einnahmen aus Erbschaften seit Jahren stagnieren, während die Spendengelder trotz Krise weitersprudeln. Doch die Mittelbeschaffung wird für Hilfswerke immer aufwändiger und teurer. «Im Spendengeschäft findet ein Verdrängungswettbewerb statt», sagt Ruth Wagner von One Marketing Services. Da biete sich der noch teilweise brachliegende Markt für Legate als willkommene Ergänzung an.

Erblasser werden immer älter

Von A wie Amnesty bis W wie WWF haben sich zehn gemeinnützige Organisationen im Verein «My Happy End» zusammengetan, um die Öffentlichkeit für Erbschaften und Legate zu sensibilisieren. Nebst einer Website mit Informationen werden auch Werbespots am Fernsehen geschaltet. Rund 40000 Franken lässt sich jedes Hilfswerk die Kampagne in diesem Jahr kosten. Denn weniger als die Hälfte der Schweizer hat ein Testament aufgesetzt. Dies hat auch mit dem geltenden Erbrecht zu tun, das über den gesetzlichen Pflichtteil und die Erbfolge den Nachlass praktisch von alleine regelt - sofern die Erbschaft in der Familie bleiben soll.

Allerdings werden die Nachkommen aufgrund der steigenden Lebenserwartung der Erblasser immer später zu Erben: Gingen 1980 noch 58 Prozent des Erbvolumens an unter 55-jährige, werden es in zehn Jahren nur noch 37 Prozent sein. Mit der Konsequenz, dass Senioren erben, die finanziell bereits weich gebettet sind. So steigen die Chancen, dass die Vermögen dereinst auch Dritten zugutekommen. Vorausgesetzt, es liegt ein entsprechendes Testament vor.

Dem Verein fehlen die Anwälte

Fundraising-Experte Andreas J. Cueni begrüsst zwar die Kampagne, bemängelt aber, dass «My Happy End» keine starken Partner gesucht habe: «Der Verein hat es bislang verpasst, die Anwälte ins Boot zu holen.» Häufig werde ein Testament ja im Beisein eines Notars aufgesetzt. Ein solcher Schulterschluss zwischen NGOs und Anwälten zahle sich für beide Seiten aus. Dies zeige England, wo gemeinnützige Organisationen mehr Legate erhalten, weil einfach mehr Menschen ein Testament haben: «Dort gibt es zum Beispiel einen Tag im Jahr, an dem man sich kostenlos in Erbschaftsangelegenheiten beraten lassen kann».

Indes brauche das Legat-Marketing einen langen Atem, so Cueni. Während der Erfolg eines Spendenaufrufs in Franken messbar ist, vergehen oftmals Jahrzehnte zwischen dem Aufsetzen eines Testaments und einem Erbfall. Und auch die Motive blieben oftmals im Dunkeln, weshalb ein Hilfswerk im Testament bedacht wurde.