Generalversammlung

Geteilte Freuden des Aufschwungs und die Angst vor der «Entglobalisierung»

Bei den Notenbankgouverneuren herrscht für einmal Optimismus vor: Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel.

Bei den Notenbankgouverneuren herrscht für einmal Optimismus vor: Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel.

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich legt den Finger auf die einseitigen Wirkungen von Globalisierung und technischem Fortschritt auf die Einkommensverteilung.

Von Optimismus war in den letzten zehn Jahren kaum einmal die Rede, wenn sich die Notenbankgouverneure dieser Welt in Basel zu ihrer jährlichen trafen. Doch am Sonntag stand das grosse Stelldichein in der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) endlich wieder einmal unter einem hoffnungsvolleren Stern.

Mit jenem Tempo, in dem die Weltwirtschaft in den vergangenen zwölf Monaten gewachsen ist, wagten nicht nur die Währungshüter kaum zu rechnen. Für das laufende Jahr wird eine Ausweitung der globalen Wirtschaftsleistung um etwa 3,5 Prozent vorausgesagt. Das ist zwar immer noch weniger als die durchschnittlichen vier Prozent in der «goldenen» Dekade vor Ausbruch der globalen Finanz- und Schuldenkrise (2007). Aber immerhin stünden die 3,5 Prozent im Einklang mit dem langfristigen Durchschnitt, was seit 2007 nie mehr der Fall gewesen war.

Inflation bleibt vorerst moderat

Es scheint, als zeige die extensive Liquiditätskur, welche die Notenbanken der Industrieländer ihren krisengeschwächten Volkswirtschaften anfänglich als Nothilfe und später zunehmend als Dauertherapie zukommen liessen, nun doch noch eine positive Wirkung. Das ist umso erfreulicher, als sich die bekannteste und gefürchtetste Nebenwirkung einer Politik des billigen Geldes auch unter den extremen aktuellen Bedingungen mit Negativzinsen und heillos aufgeblähten Notenbankbilanzen kaum bemerkbar macht.

«Vordergründig spricht einiges dafür, dass die Inflation deutlich ansteigen könnte», schreiben die BIZ-Ökonomen in ihrem aktuellen Jahresbericht. Dafür spricht in der Tat, dass Unterauslastung vor allem an den Arbeitsmärkten weiter abgenommen hat. In Amerika und in Grossbritannien bewegen sich die Arbeitslosenquoten auf Vorkrisenniveau. Manche Beobachter sprechen mit Bezug auf Amerika bereits von Vollbeschäftigung. Auch im Euro-Raum sinkt die Arbeitslosigkeit weiter. Nach dem ökonomischen Lehrbuch gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen der Nachfrage nach Arbeitskräften und den Löhnen. Nimmt die Nachfrage zu, steigen auch die Löhne. Wenn die höheren Löhne als Folge der zunehmenden Nachfrage auch die Preise für Güter und Dienstleistungen steigen lassen, kann sich daraus eine sogenannten Lohn-Preis-Spirale entwickeln – eine Inflation mit selbstverstärkender Wirkung.

Die Notenbanken möchten eine solche Eskalation unbedingt verhindern, im Wissen darum, dass sie nur mit sehr hohen volkswirtschaftlichen Kosten wieder gebremst werden kann. Überspitzt gesagt muss eine Notenbank in einer solchen Situation das Wirtschaftswachstum abwürgen und den wirtschaftlichen Optimismus der Menschen brechen. Nur so kann die Spirale zum Stillstand gebracht werden.

Doch der Eintritt eines solchen Szenarios ist laut BIZ-Bericht «unwahrscheinlich». Es gäbe Hinweise darauf, dass der Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Lohninflation im Zeitverlauf schwächer geworden sei – «im Einklang mit dem Verlust der Preissetzungsmacht des Faktors Arbeit, wie er in den Arbeitsmarktindikatoren zum Ausdruck kommt.» In Europa ist diese Beobachtung besonders eklatant. In sieben EU-Ländern verdienen die Arbeitnehmer real immer noch weniger als vor acht Jahren.

Ausser in drei der 28 Länder hat sich das Lohnwachstum in den letzten Jahren verglichen mit der Vorkrisenzeit stark verlangsamt. Für den Europäischen Gewerkschaftsbund Grund genug, eine internationale Kampagne zu starten. Doch in der Analyse der BIZ-Ökonomen riskieren die Gewerkschaften eine herbe Enttäuschung.

Angst vor «Entglobalisierung»

«Die Liberalisierung des Handels mit Ländern, die über ein reichliches Angebot an billigen Arbeitskräften verfügen, setzt die Löhne in Ländern mit knapperem und teurerem Arbeitskräfteangebot unter Druck. Sie kann somit dazu führen, dass die Preissetzungsmacht des Faktors Arbeit abnimmt, die Einkommensverteilung sich zugunsten des Kapitals verschiebt und die Schere zwischen qualifizierten und unqualifizierten Arbeitskräften sich öffnet», liest man im Jahresbericht.

So wie die Globalisierung und der internationale Handel die Unternehmer und Kapitalbesitzer in den vergangenen Jahren bevorteilt zu haben scheint, hat der Prozess offenbar auch unter den Lohnbezügern eine weniger ausgeglichene Verteilung der Früchte der Arbeit erzeugt. Darüber hinaus verweist die BIZ auf die in eine ähnliche Richtung wirkenden Kräfte des technischen Fortschritts auf die Einkommensverteilung. Diese sei noch weit bedeutsamer als jene des Handels.

Die im BIZ-Bericht genannten Gründe für die ungewöhnlich schwache Teuerungsentwicklung vermögen das Phänomen kaum umfassend zu erklären. Bemerkenswert ist dennoch, wie sehr sich die Notenbanken um diese Entwicklung sorgen. Eine fortgesetzte «Entglobalisierung» sei eines von vier Risiken, die den noch zarten Aufschwung zunichtemachen könnten, schreiben die Ökonomen. Es wäre vermutlich auch das Ende des freien internationalen Kapitalverkehrs – eine Errungenschaft, der auch die BIZ ihre aktuelle Bedeutung verdankt.

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