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Gezerre um Vaterschaftsurlaub: Novartis setzt Gegner unter Druck – doch die sperren sich

Soll der Vaterschaftsurlaub gesetzlich vorgeschrieben werden? Arbeitgeber und Gewerkschaften sind uneins. Getty Images

Soll der Vaterschaftsurlaub gesetzlich vorgeschrieben werden? Arbeitgeber und Gewerkschaften sind uneins. Getty Images

Novartis führt per 1. Juli einen Vaterschaftsurlaub von 14 Wochen ein. Das Beispiel vom Pharmariesen setzt die Gegner unter Druck – doch sie winken ab.

Der Pharmakonzern Novartis prescht beim Vaterschaftsurlaub vor und bringt damit neuen Schwung in die Diskussion. Per 1. Juli führt das Basler Unternehmen einen Urlaub für Väter von 14 Wochen ein. Die Regelung wird weltweit für den gesamten Konzern gelten, die Schweiz gehört zu jenen Ländern, in denen der Vaterschaftsurlaub als erstes eingeführt wird.

Die Initianten des Volksbegehrens für einen 20-tägigen Vaterschaftsurlaub freuen sich über die Ankündigung von Novartis. Es überrasche nicht, dass grosse Konzerne wie Novartis ihren Angestellten solche grosszügigen Lösungen anbieten könnten, sagt Adrian Wüthrich, Präsident der Gewerkschaft Travailsuisse. Offenbar habe das ausländisch dominierte Management von Novartis erkannt, dass es in der Schweiz eine Lücke gebe und der Vaterschaftsurlaub ein grosser Wunsch der Mitarbeiter sei. Die heutige Generation der Väter wolle nicht auf die Rolle eines Statisten reduziert werden, sondern bereits unmittelbar nach der Geburt präsent sein, sagt der Berner SP-Nationalrat. Für KMUs sei eine gesetzliche Lösung von Vorteil, da sie dadurch nicht ins Hintertreffen im Vergleich mit grossen Konzernen gerieten.

Die Gegner eines gesetzlich geregelten Vaterschaftsurlaubs geraten durch grosszügige Firmen wie Novartis, Google, Johnson & Johnson oder Ikea argumentativ unter Druck. Doch sie winken ab. Viele Klein- und Mittelunternehmen (KMU) könnten sich einen derart grosszügigen Vaterschaftsurlaub gar nicht leisten, sagt Kurt Gfeller, Vizedirektor des Gewerbeverbands. Das sei aber auch gar nicht nötig. Viele KMUs punkteten mit dem guten Betriebsklima, der Nähe zum Chef oder der engen Zusammenarbeit in der Firma. Am Vaterschaftsurlaub werde es mit Sicherheit nicht scheitern, dass KMU auch in Zukunft gute Mitarbeiter finden, sagt Gfeller.

Der Gewerbeverband bleibt deshalb bei seiner Haltung. Er lehnt jegliche gesetzliche Vorgaben bezüglich Vaterschaftsurlaub ab. Damit ist auch der moderatere Gegenvorschlag zur Volksinitiative gemeint, der zwei Wochen Urlaub für Väter fordert. Ähnlich sieht es der Arbeitgeberverband. Ein staatlich verordneter Vaterschaftsurlaub schränke Unternehmen ein, ihren Mitarbeitenden bedarfsgerechte Lösungen anzubieten, sagt Daniella Lützelschwab, Ressortleitern Arbeitsmarkt beim Verband.

Verfüge ein KMU etwa über keine Väter unter seinen Angestellten, sei es für das Unternehmen und die Belegschaft sinnvoller, statt eines Vaterschaftsurlaubs etwa mehr Ferien für alle oder auch einen Urlaub für die Betreuung von Angehörigen anzubieten. Für einen gesetzlich verordneten Vaterschaftsurlaub habe jeder Arbeitgeber und jeder Mitarbeitende einen Lohnbeitrag zu leisten, selbst wenn dann für andere Bedürfnisse kein finanzieller Spielraum mehr bestehe, sagt Lützelschwab.

Schweiz liegt weit zurück

Der Länderverein OECD zählt zu den Befürwortern eines gesetzlich geregelten Urlaubs für Eltern. Dieser vorgeschriebene Urlaub würde unter Müttern und Vätern aufgeteilt. Im letzten OECD-Bericht zur Schweiz zählt der Elternurlaub zu den empfohlenen Massnahmen, um die Rolle von Frauen in der Wirtschaft zu stärken. Doch im Vergleich mit anderen Industrieländern liegt die Schweiz weit hinter dem Durchschnitt zurück. Noch weniger bezahlten Urlaub für Väter und Mütter hatten damals nur Mexiko und die USA.

Ein Elternurlaub erleichtert die Wiedereingliederung von Frauen in das Arbeitsleben, sagt die OECD. Denn es werde dadurch einfacher, mit dem Arbeitsmarkt in Kontakt zu bleiben. Frauen könnten auch früher nach der Geburt zu ihrem angestammten Job zurückkehren. Gemäss einer OECD-Studie zum Thema ist dies nicht bloss graue Theorie. In Ländern, die Elternurlaub eingeführt oder ausgebaut hätten, sei die Erwerbstätigkeit von Frauen anschliessend deutlich angestiegen.

Erhalten Väter nach der Geburt mehr Zeit mit ihren Kindern, so hat dies gemäss OECD eine ganze Reihe positiver Folgen. So werde es dadurch am Arbeitsplatz wie auch im sonstigen Leben normaler, dass Männer im Haushalt mitarbeiten – und Frauen beruflich Karriere machen. Stereotype über Geschlechterrollen würdenabgebaut. Blieben Väter nach der Geburt länger daheim bei den Kindern, stärke dies auch die Bindung der Väter zu den Kindern. Dies wiederum habe eine positive Wirkung auf die geistige und emotionale Entwicklung der Kinder.

Die Schweiz liegt weit hinten in einem internationalen Vergleich, den das britische Magazin «The Economist» herausgibt. Dieser Glasdecken-Index soll aufzeigen, welches für arbeitende Frauen die besten, welches die schlimmsten Länder sind. Die Schweiz landet auf dem viertletzten Platz. Im Vergleich zu anderen Industrieländern ist der Mutterschaftsurlaub nur sehr kurz, Vaterschaftsurlaub hat sie bekanntermassen keinen. Der Index misst, inwiefern Frauen in Unternehmen gegen eine unsichtbare Decke stossen, wenn sie die Karriereleiter hinaufsteigen wollen.

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